Ist Selbstwertschätzung egoistisch?

02/05/14, Regina Schlager

Neulich habe ich in einer Runde mit Freunden über das Thema Selbstwertschätzung gesprochen. Jemand äußerte die Meinung, dass wir uns heute beinahe zwanghaft mit uns selbst beschäftigen. Das halte uns davon ab, uns anderen und den Problemen unserer Zeit zuzuwenden. Gibt es ein zu viel an Selbstwertschätzung? Oder bedeutet sich selbst wertzuschätzen gar notwendigerweise Selbstüberschätzung?

Selbstzweifel und Leistungsorientierung

Als Kind und Jugendliche und noch lange Jahre als Erwachsene war ich von Selbstzweifeln geprägt. Lernte ich jemanden kennen, dachte ich von vorneherein, er oder sie hat etwas an mir auszusetzen, sowohl in Bezug auf mein Aussehen als auch auf das, was ich weiß und wie ich mich in Gesellschaft verhalte. Ich war sehr nach außen orientiert, darauf was andere von mir halten. Und ich wuchs sowohl in meinem Elternhaus als auch in der Schule in einem Klima auf, wo ich für gute schulische Leistungen – sprich gute Noten – Anerkennung erhielt.

Irgendwann erkannte ich, dass ich mich selbst nicht in den Mittelpunkt stellen wollte, aber interessanterweise ständig um mich selbst kreiste: mit meinem Ego im Zentrum, egozentrisch also.

Selbstwert und Selbstwertschätzung

In der Psychologie wird Selbstwertschätzung - soweit ich das derzeit überblicke - mit Selbstwert gleichgesetzt. Selbstwert ist die Bewertung, die man von sich selbst hat. Bei Selbstwertschätzung kommt meines Erachtens etwas sehr Spezifisches ins Spiel. Sich selbst wertzuschätzen bedeutet, dass man sich annimmt, so wie man ist. „Ich bin ein wertvoller Mensch, unabhängig von bestimmten Eigenschaften.“

Mein Selbstwert hängt dann nicht davon ab, ob ich freundlich bin oder körperlich fit. Ich muss auch nichts leisten. Das muss beim Selbstwert nicht unbedingt der Fall sein, da könnte mein Wert von gesellschaftlich anerkannten Eigenschaften abhängig sein, wie beispielsweise bestimmte Karriereziele zu erreichen, besonders ehrgeizig oder aber besonders bescheiden zu sein.

„So wie ich bin“ bedeutet: mit all meinen Seiten, meinen Stärken und meinen Schwächen. Das heißt, ich muss mich selbst kennen lernen, um überhaupt sagen zu können, was ich als Stärke oder als Schwäche an mir wahrnehme.

Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge

Ich erfahre an mir selbst, dass man Selbstwertschätzung lernen kann. Und davon geht auch die Psychologie aus. Für mich war es entscheidend zu erkennen, welche Haltung ich mir selbst gegenüber einnehme. Lange war ich sehr hart zu mir, habe viel von mir gefordert oder mich klein gemacht. Nie war ich gut genug. Nicht, dass das jetzt nicht mehr vorkommt, ich übe jedoch nun eine fürsorgliche Beziehung zu mir selbst.

Im Englischen spricht man von „Self-Compassion“, also Selbstmitgefühl. Die Herz- und Hirnforschung untersucht die Jahrtausende alte Metta-Praxis der „Liebenden Güte“ der Buddhisten. Es stellt sich nun auch in der westlichen Wissenschaft heraus, dass ein liebevoller Umgang mit sich selbst Auswirkungen auf das körperliche Wohlbefinden hat.

Ja, aber geht es dabei nicht wiederum nur um das eigene Wohlfühlen? Was ich bemerkenswert finde: Durch den fürsorglich-liebevollen Umgang mit mir selbst kann ich auf andere zugehen. Ich öffne mich dem Leben. Ich fühle mich nicht mehr in mich selbst verschlossen, wie abgetrennt. Indem ich mich selbst wertschätze, empfinde ich Wertschätzung für andere Menschen. Und ich empfinde Verbundenheit mit allem, was ist. Das ist nicht etwas, was ich aus wissenschaftlichen Studien oder Büchern weiß, sondern was ich selbst erlebe.

„Der Kern der Sorge für andere ist die Sorge für sich selbst, die Selbstfreundschaft und Selbstliebe.“ (Wilhelm Schmid, Mit sich selbst befreundet sein, S. 114).

 

 

Literaturhinweise:

Kristin Neff: Selbstmitgefühl. Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen und uns selbst der beste Freund werden (2012)

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit uns selbst (2004)

Schlagwörter: Wachstum, Selbstfreundschaft

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