Gesunde Grenzen (1): Zwei Mythen

10/15/18, Regina Schlager

Grenzen sind eine entscheidende Zutat, um im Leben das zu verwirklichen, wozu man da ist. Daher werde ich eine Artikelserie zum Thema gesunde Grenzen schreiben. Im Teil 1 geht es um zwei häufige Sichtweisen – ich nenne sie Mythen –, die weder für uns noch für unsere Beziehungen förderlich sind.

Warum mir das Thema Grenzen so wichtig ist

Grenzen sind für mich persönlich ein großes Thema, da ich mir lange sehr schwer tat damit. Ich hatte einen Rucksack aus meiner Kindheit und Jugend mit auf die Reise genommen. Und mein Lernweg ist bei weitem noch nicht abgeschlossen. Auch im Coaching begegne ich laufend Menschen, die das Bedürfnis nach besseren Grenzen haben, doch nicht so recht wissen, wie sie das angehen sollen. Es geht dabei vor allem um die Frage, wie sie liebevoll mit sich selbst und anderen sein können und dennoch ihre eigenen Grenzen setzen und achten können.

Aufschlussreiche Hinweise finde ich auch in der Forschung. Eine Wissenschaftlerin, die ich sehr schätze, ist Brené Brown. Sie forscht zu Verletzlichkeit, Scham und Authentizität . Nach 12 Jahren Forschung, in denen sie Leben aus vollem Herzen untersucht hat, fasste sie den Entschluss, selbst angemessene Grenzen zu setzen. Sie fand nämlich heraus, dass die beziehungsfähigsten und mitfühlendsten Menschen aus ihren Interviews wie selbstverständlich Grenzen setzen und respektieren (siehe in Brené Brown: Verletzlichkeit macht stark, Kailash Verlag).

Bei meiner intensiven Beschäftigung mit dem Thema Grenzen bin auf zwei häufig vorkommende Sichtweisen gestoßen: 1) Wenn ich Grenzen habe, dann schotte ich mich von anderen ab – und das will ich nicht. 2) Ich muss mich radikal abgrenzen, indem ich mich abschirme.

Doch beides führt gerade nicht zu dem, wonach wir uns zutiefst sehnen: in gesunden Beziehungen zu leben, liebevoll zu uns selbst zu sein und unsere Stimme in der Welt auszudrücken.

Mythos 1: Wenn ich Grenzen habe, dann schotte ich mich von anderen ab

Lange Zeit dachte ich selbst: Wenn ich Grenzen setze, für mich und meine Bedürfnisse einstehe, dann grenze ich mich aus, dann grenze ich andere aus. Heute halte ich diese Ansicht jedoch für ein Missverständnis. Ich brauche gesunde Grenzen, um in gesunden Beziehungen zu sein.

Die Angst vor den Folgen der Abschottung ist verständlich: Als Menschen haben wir ein Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit. Vor nichts haben wir so sehr Angst wie ausgeschlossen zu sein. Ausgestoßen zu sein kann tödlich sein, physisch und emotional. Kein Wunder, dass uns das ängstigt. Aber oft ist die Situation nicht lebensbedrohlich, doch sie fühlt sich für unseren Organismus dennoch so an. Das löst Stressreaktionen aus.

Wie also soll es sogar gesund, also lebensförderlich für unsere Beziehungen sein, wenn wir auf die eigenen Grenzen achten? Wenn wir kein Gefühl dafür haben, wer wir sind, wo wir anfangen, wo wir aufhören, dann werden wir ständig »getriggert« durch das, was andere sagen oder tun. Wir trauen uns dann nicht, Raum einzunehmen, unseren Raum, den Raum, der uns zusteht. Wir fühlen uns von anderen wie ein Spielball herumgekickt. Stimmungen von anderen färben auf uns ab.

Wir selbst haben dann auch kein Verständnis für die Grenzen anderer. Wir übertreten sie, mischen uns in Dinge ein, die gar nicht die unseren sind. Dass wir uns dafür zuständig fühlen, kostet auch sehr viel Energie.

So bewegen wir uns permanent in den Mustern des verletzten Kindes, das noch in uns steckt. Wir agieren nicht als Erwachsene mit Erwachsenen. Da es den anderen mit ihren Grenzen meist ähnlich geht, verstärkt sich das nur um so mehr. 

Mythos 2: Ich muss mich radikal abgrenzen, indem ich mich abschirme

Wenn wir erkennen, dass wir Schwierigkeiten damit haben, zu unseren Bedürfnissen zu stehen, Nein zu sagen und nicht genau wissen, was eigentlich das tiefere Ja dahinter ist, dann ist eine häufige Lösung die, uns abzuschirmen. Abschirmung ist eine Methode, uns so etwas wie eine feste Panzerung, zum Beispiel eine Rüstung, vorzustellen, um dahinter geschützt zu sein.

Solch ein Schutzschild halte ich für ein Missverständnis, wenn es zu unserer permanenten Strategie und Haltung wird. Denn damit halten wir uns andere dauerhaft vom Leib – eine Verbindung ist so nicht möglich: Liebe, Zärtlichkeit, der Austausch von wahrhaftigen Gefühlen. Und das nicht nur in Bezug auf andere, auch unser inneres Erleben halten wir so auf Distanz.

Wie kommen diese zwei Mythen zustande? Sie wurzeln in unserer Kindheit. Ich werde das in meinem nächsten Artikel aus der Serie Gesunde Grenzen näher beschreiben.

Wie geht es Ihnen mit den zwei beschriebenen Sichtweisen? Erkennen Sie etwas davon wieder? Wenn ja, tendieren Sie eher zu Mythos 1 oder zu Mythos 2, oder trifft irgendwie auch beides zu? Gerne höre ich von Ihren Erfahrungen in den Kommentaren oder per E-Mail.

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Regina Schlager

Viele Menschen befinden sich heute in einer Phase des Wandels, sowohl persönlich wie auch beruflich. Das Alte passt nicht mehr; das Neue ist noch nicht da oder fühlt sich noch sehr unsicher an. Auch als Gesellschaft befinden wir uns weltweit in einer Zeit des Übergangs. Regina Schlager begleitet in diesen Phasen der Transformation als Coach, Facilitator und Autorin. Sie öffnet im Einzel- und im Gruppensetting Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln.

Schlagwörter: Selbstmanagement, Stressbewaeltigung, Achtsamkeit, Selbstfreundschaft, Veraenderung, Berufung

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