Fabian Scheidler: Chaos (Rezension)

17.02.2018, Regina Schlager

Der Autor Fabian Scheidler geht davon aus, dass wir uns in eine Übergangsphase hineinbewegen, deren Ausgang ungewiss ist. In den letzten zehn Jahren bin ich vielen Menschen begegnet, die spüren, dass sie sich in einer Phase des Übergangs befinden. Die ihre derzeitige Lebens- und Arbeitssituation als sinnentlehrt und stressig empfinden. Was gewiss scheint: Dass es nicht so weitergeht wie bisher. Das Buch »Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen« ermöglicht es einem, die eigene Situation im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu betrachten.

Fabian Scheidler: Das neue Zeitalter der Revolutionen. Erschienen im Promedia-Verlag in Wien.

Was ich häufig beobachte, ist, dass Menschen eine tiefe Angst packt, gewohnte Strukturen und Lebensweisen loszulassen – vor allem in Bezug auf Geld und ein damit verbundenes Gefühl von Sicherheit. Ist es ihnen möglich, tiefer in sich hineinzuspüren, so zeigt sich oftmals eine große Traurigkeit.

Ich bemerke zwei Antworten darauf: Die Situation wird als persönliches Problem gesehen. Menschen werden in Therapie geschickt oder mit Medikamenten behandelt. Oder aber Ängste und Unsicherheiten werden, nicht zuletzt von Coaches und Beratern, weggeredet mit einem »Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst«, »Wer Arbeit will, findet auch eine Stelle« oder »Vertraue! Wenn du nur fest an dich glaubst, fließt auch das Geld zu dir.« 

Über den Autor

Fabian Scheidler arbeitet als freischaffender Autor. 2009 gründete er gemeinsam mit David Goeßmann das unabhängige Fernsehmagazin Kontext TV. Sein Buch »Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation« erschien 2015.

Augen öffnen für systemische Zusammenhänge

Ein Buch wie das vorliegende von Fabian Scheidler öffnet einem die Augen für neue Sichtweisen. Ich finde dieses Buch äußerst wichtig, weil es systemische Zusammenhänge in den Blick nimmt und den geografischen Fokus weitet: Nicht mehr nur Deutschland, die Schweiz oder Österreich werden isoliert betrachtet. Nicht nur die Gegenwart wird gesehen, sondern auch die geschichtliche Entwicklung.

Für unsere heutige Weltordnung verwendet der Autor den Begriff »Megamaschine«. Es wird bei der Lektüre klar, dass es bestimmte Voraussetzungen gibt, die zu den Symptomen führen, die wir heute erleben. So muss es systembedingt ein starkes Gefälle zwischen den »Zentren« (dazu zählt Europa), wo das meiste Geld abgeschöpft wird, und der »Peripherie« geben, die billige Rohstoffe und Arbeitskräfte liefern.

Und Fabian Scheidler macht deutlich, dass das heutige Weltsystem auf einer ganz wesentlichen Dynamik beruht: dem »Prinzip der endlosen Geldvermehrung«. Damit das eingesetzte Kapital vermehrt werden kann, muss immer mehr produziert, müssen immer neue Märkte geschaffen werden. Das hat Folgen für uns alle: als Arbeitnehmer, als Unternehmerin, als Konsument, als Bürgerin.

Eine neue Sichtweise, die mir das Buch ermöglicht hat, liegt darin, wie sehr von Anfang an die kapitalistische Marktwirtschaft mit staatlichen Herrschaftsstrukturen und damit mit physischer oder struktureller Gewalt verbunden war. Es war nicht einfach für mich, die Ausführungen dazu zu lesen. Es tut weh. Für Scheidler hatte Kapitalismus von Beginn an wenig mit freien Märkten zu tun und kann zudem nicht ohne öffentliche Alimentierung existieren – so beispielsweise durch die Subventionierung von Industrien und Konzernen durch Steuergelder (siehe hiezu seine Ausführungen S 57ff.)

Das Zerbröckeln der klassischen Lohnarbeit

In seinem Buch »Das Ende der Megamaschine« geht der Autor ausführlich auf die Entwicklung der Arbeit ein. Die Arbeit im heutigen Sinne ist eine ziemlich neue Erfindung. Und – die Menschen wurden in den Ländern, die heute zu den »Zentren« zählen, am Anfang des Industriezeitalters mit Gewalt in die Lohnarbeit hineingezwungen, wie er dort genauer beschreibt. In den »Peripherien« ist das ein noch andauernder Prozess.

Heute, wo ich immer noch in den Nachrichten von »Vollbeschäftigung« als Wahlversprechen höre, wird die Lohnarbeit nicht nur tendenziell immer schlechter bezahlt, sie wird auch weltweit immer weniger. Es kann also gar nicht aufgehen, dass jeder, der einen Angestelltenjob will, auch wirklich einen findet.

In den Industriestaaten bedeutet das Zerbröckeln der klassischen Lohnarbeit einen ökonomischen und kulturellen Bruch: »Wenn Lebensentwürfe vor allem darauf beruhen, dass man sich irgendwo anstellen lässt, dann verschwinden mit den Jobs nicht nur Einkommen, sondern auch Sinnstiftung und Orientierung.« (S. 55)

Und der Autor führt auch an, dass sich hinter den vielbeschworenen Start-ups immer öfter ein »digitales Proletariat« verbirgt, das häufig unterhalb der Mindestlöhne Arbeiten verrichtet, die früher gut bezahlte Angestellte erledigten.

Wandel zu neuen gesellschaftlichen Strukturen

Im zweiten Teil des Buches geht der Autor darauf ein, wie wir uns auch anders organisieren könnten. Bereits im letzten Kapitel des ersten Teils hatte er ausgeführt, dass komplexe Systeme – wie unser Weltsystem – anfällig sind für Systemausfälle. Solche Ausfälle erleben wir heute schon, Beispiele hierfür waren ein großes Blackout bei der Stromversorgung in Indien vor ein paar Jahren oder die Finanzkrise 2008.

Eine besondere Bedeutung liegt darin, ob alternative Subsysteme aufgebaut werden können, die Systemausfälle ausgleichen können. Fabian Scheidler sieht im Aufbau von Subsystemen, wie zum Beipiel einer unabhängigen Wasserversorgung, die große Chance, damit der Übergang positiv und nicht als Katastrophe verlaufen kann.

Ein Aha hat bei mir ausgelöst, wie Fabian Scheidler den Wandel zu neuen gesellschaftlichen Strukturen sieht. Es gibt viele Ansätze. Statt den einen gegen den anderen auszuspielen schlägt er vor, »sich darin zu üben, die Gleichzeitigkeit der Gegensätze zu denken: Welche Mischungsverhältnisse sind in welchen Situationen sinnvoll? Wie lassen sich die widerstreitenden Ansätze auf konkrete Situationen in Raum und Zeit anwenden?«

Dabei spielen Topien eine wesentliche Rolle. Statt einer Utopie, die »Nicht-Ort« bedeutet, schlägt er Topien als »auf die konkreten Orte und Menschen bezogenes Denken und Handeln« vor. Systemischer Wandel wird so nicht als Großutopie gedacht, sondern als eine Vielzahl von Topien mit gemeinsamen Themen.

Einen neuen Blick ermöglicht mir der Autor auch im dritten Teil mit den Ausführungen über die Geschichte Chinas. China bringt völlig andere politische, wirtschaftliche, kulturelle und militärische Traditionen mit. Und dennoch ist es zu einer Wirtschaftsmacht aufgestiegen, die die europäisch-nordamerikanische Vormachtstellung herausfordert. Fabian Scheidler fragt sich, ob die besondere Geschichte Chinas Wege zu einer neuen globalen Friedensordnung öffnen könnte.

Fazit

Ein Buch für alle, die bereit sind, ihren Blick zu weiten – und auch dem damit verbundenen Schmerz zu begegnen. Die wissen wollen, welche Gefahren und Chancen mit den heutigen Krisen verbunden sind. Und die nicht länger akzeptieren wollen, dass etwas »nicht mit ihnen stimmt«, wenn sie die Sehnsucht nach einem Leben spüren, in dem sie in Freude, mit anderen gemeinsam so tätig sind, dass sie ihre Talente, ihre Einzigartigkeit zum Wohle aller einbringen können.

Wer sich näher in die geschichtlichen Zusammenhänge vertiefen möchte, dem empfehle ich Fabian Scheidlers Buch »Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation«. Ich habe es erst nach dem Buch »Chaos« gelesen und bin noch dabei, das Gelesene zu verdauen.

Angaben zum Buch

  • Titel: Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen
  • Autor: Fabian Scheidler
  • Verlag: Promedia
  • Jahr: 2017
  • Seiten: 238
  • Softcover
  • ISBN: 978-3-85371-426-3

 

Erhältlich beim Promedia-Verlag, Amazon, anderen Online-Plattformen sowie bei Ihrem lokalen Buchhändler.

Links

Promedia-Verlag

Kontext TV

Buchseite »Das Ende der Megamaschine«

Regina Schlager

Viele Menschen befinden sich heute in einer Phase des Wandels, sowohl im persönlichen wie auch im beruflichen Bereich. Das Alte passt nicht mehr, das Neue ist noch nicht da oder fühlt sich noch sehr unsicher an. Auch als Gesellschaft befinden wir uns weltweit in einer Zeit des Übergangs. Regina Schlager begleitet in diesen Transformationsphasen als Coach, Facilitator und Autorin. Sie öffnet im Einzel- und im Gruppensetting Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln.

Schlagwörter: Buchbesprechungen, Neue-wirtschaft, Systemtheorie

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