Still in einer lauten Welt

09/13/18, Regina Schlager

»Sie ist so still – wie deutlich ist mir diese Aussage über mich aus meiner Kindheit und Jugend in Österreich in Erinnerung.« So beginnt der Abschnitt »Über mich« auf meiner Webseite. 2012 beschrieb ich mich mit diesen Worten, seither habe ich nur kleine Änderungen am Text vorgenommen. Mindestens zwei Jahre lang blitzte gelegentlich in mir auf: »Ändere diesen Text über dich ab, das ist nicht mehr aktuell.«

Der Text schien mir aus zwei Gründen nicht mehr auf dem neuesten Stand. Zum einen ist viel passiert, seit ich mich vor sechs Jahren als Coachin selbständig machte – diese Ereignisse und Entwicklungen erwähne ich in der Geschichte über mich nicht. Mehr noch aber zweifelte ich, ob ich dieses »Still-Sein« weiterhin dermaßen in den Vordergrund stellen will. Huch, welches Bild erhalten die Leute denn da von mir: Wirke ich damit nicht als Mäuschen, das sich nicht aus dem Bau traut, weil es nicht sehr erfahren ist und wenig weiß? Und entspricht mir das überhaupt noch? Hört man nun nicht sehr wohl meine Stimme, wenn ich Menschen für meinen Podcast interviewe, den Courage Circle leite oder mein The-Economics-of-Happiness-Filmevent moderiere?

Als ich mich näher mit diesen Gedanken und Gefühlen befasste, wurde mir plötzlich klar: »Sie ist so still« ist eine Aussage, die mein Leben geprägt hat. Sie tut es immer noch.

Es ist daher richtig, dass das in der Beschreibung über mich im Zentrum steht. Das ist mir mit einem Aha-Moment deutlich geworden. Und dazu beigetragen hat ganz wesentlich das Buch »Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt« von Susan Cain*). Es ist 2011 im Original und in deutscher Übersetzung erschienen. Bis vor einem Monat kannte ich es allerdings noch nicht. Focusing-Lehrer Elmar Kruithoff war Ende August für einen Workshop, den ich organisierte, in Zürich; er machte mich auf das Buch aufmerksam.

»Still« hat mich gepackt. Skeptisch reagiere ich auf Schwarz-Weiß-Einteilungen, die Menschen auf Persönlichkeitsmerkmale oder Charakterzüge festlegen. Ich habe da innere Leuchten, die warnend aufflackern. Doch die Autorin betont, dass es ein großes Spektrum zwischen »introvertiert« und »extrovertiert« gibt und jeder Mensch dabei seine individuelle Färbung hat. Introvertiert zu sein ist auch nicht gleichzusetzen mit schüchtern sein. Das kann zusammenfallen (und tut es häufig), muss aber nicht.

Extroversion und Introversion unterscheiden sich darin, welchen Grad der Stimulation wir brauchen, um uns gut zu fühlen und in unserer Höchstform zu sein. Die einen blühen auf, wenn sie auf der Bühne stehen und den ganzen Tag ohne Pause mit einer großen Gruppe von Menschen zusammen sind. Die anderen bevorzugen Zweiergespräche und brauchen Zeiten, in denen sie alleine sein können. Vor einer größeren Menge sprechen sie dann, wenn es unbedingt sein muss, um für das einzutreten, was ihnen wirklich wichtig ist (und manche tun das mit der Zeit dann sogar richtig gern). Susan Cain beschreibt viele Studienergebnisse und erzählt von sich selbst. Da hat sich mich also abgeholt.

Aber was hat mich nun so gepackt? Ich realisierte, dass ich mich immer noch dafür kritisierte, ein introvertiertes Temperament zu haben. Wenn ich in einer Gruppe saß und es wurden Ideen gebrainstormed, dann wurde ich sehr schnell unsicher: Die anderen spucken ihre Ideen nur so aus, ich selbst brauche dafür Zeit, am besten alleine für mich. Ich fühlte mich in so einem Setting sehr schnell erschöpft.

Aber ich führte meine Unsicherheit und Erschöpfung nicht auf die Rahmenbedingungen zurück, die mir eben nicht entsprechen, sondern meinte, mit mir sei etwas nicht in Ordnung. Ich glaubte, anders sein zu müssen. Dabei hatte ich doch angenommen, es nicht mehr als einen Makel von mir zu sehen, still zu sein. Darüber hinweg zu sein. Hatte ich doch mit Mitte 30 beschlossen, mich anzunehmen und wertzuschätzen, so wie ich bin. Und dadurch wurde so viel Neues und Schönes möglich.

Mein stilles Wesen anerkennen und gleichzeitig meine Stimme finden und ausdrücken, auf die mir eigene Art und Weise: Das ist der Faden, der sich durch mein Leben zieht. Und darin liegt auch mein Talent.

Die Menschen, die mir aufrichtiges Feedback geben, nennen häufig: Du hörst gut zu. Ich habe mich gesehen gefühlt. Ich habe mich wohl gefühlt. Ich schätze deine ruhige Art. Für sie hat sich dadurch ein Raum geöffnet, in dem sie sich sicher fühlten. Dadurch konnten sie sich in unbekannte Gebiete vorwagen und Neues von sich entdecken. Und auch das Vertrauen fassen, sich Dinge anzuschauen, die sie zuvor nicht sehen wollten.

Ich merke, dass sich vorwiegend Menschen für ein Coaching bei mir melden, die sich wie ich für vieles interessieren, Dinge tief ergründen wollen und Zeit für sich und in der Natur brauchen, um aufzutanken. Sobald sie sich nicht mehr kritisieren für das, was sie brauchen und was ihre Eigenart ist, beginnt es zu fließen: Sie gehen aus sich heraus, ohne sich Gewalt anzutun oder sich zu verleugnen. Sie trauen sich, sich zu zeigen.

Sich mit seiner Stimme in der Welt auszudrücken, das muss nicht heißen, laut zu sein oder ständig zu reden.

Auch nicht, auf einer Bühne herumzuspringen und euphorisch auszurufen: »Seht mich. Ich bin die Beste. Mein Angebot ist das Beste.« Ich finde es gut, wenn wir Stillen darauf hören, dass wir uns nicht so verhalten wollen – ganz einfach, weil es uns nicht entspricht. Dafür brauchen wir uns nicht zu entschuldigen. Und dennoch können wir uns auch etwas abschauen: Uns nicht von Zweifeln überwältigen zu lassen, aufrecht hinauszutreten, unsere Stimme zu erheben. Denn wir haben etwas zu sagen.

P.S.: Zu meiner Eigenart zähle ich auch, längere Artikel zu schreiben, als es für das Internet angemessen ist – wie von vielen behauptet wird (von Social-Media-Experten, anderen Bloggern, Schreibtrainern, Kollegen und Freunden von mir). Manchmal sogar so lange wie dieser hier. Ich schreibe nicht einfach so vor mich hin; ich habe Sie als Leserin und Leser durchaus im Blick, ich schätze und respektiere Sie. Aber manche Dinge lassen sich nicht in der Schnelle abhandeln. Für mich jedenfalls nicht. Das gehört wohl ebenfalls zu meinem »Still-Sein«, auch wenn darin eine gewisse Ironie liegt, oder vielleicht gerade deshalb.

*) Susan Cain: Still. Die Kraft der Introvertierten (mittlerweile auch als Taschenbuch erhältlich)

Regina Schlager

Viele Menschen befinden sich heute in einer Phase des Wandels, sowohl persönlich wie auch beruflich. Das Alte passt nicht mehr; das Neue ist noch nicht da oder fühlt sich noch sehr unsicher an. Auch als Gesellschaft befinden wir uns weltweit in einer Zeit des Übergangs. Regina Schlager begleitet in diesen Phasen der Transformation als Coach, Facilitator und Autorin. Sie öffnet im Einzel- und im Gruppensetting Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln.

Schlagwörter: Lebenskunst

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