Vom „Was sagen die anderen?“ zum Vertrauen in dich selbst

22.11.2019, Regina Schlager

In meinem Leben war lange Zeit ein Muster sehr prägend: „Was sagen die anderen?“ Es war in meiner Herkunftsfamilie wichtig, wie man nach Außen gewirkt hat und was andere über einen gesprochen haben. Ich merke zudem in meinen Coachings: Auch wenn heute in Mitteleuropa „der Ruf“, den man hat - vor allem als Mädchen und Frau-, nicht mehr so eine große Rolle spielt und sich die soziale Kontrolle aufgeweicht hat, so fällt es vielen dennoch schwer, bei sich selbst zu sein und daraus zu handeln. Die Erwartungen anderer beeinflussen nach wie vor stark die eigenen Entscheidungen.

pixabay AJEL, Edward Lich

Meine Eltern kamen beide aus kleinen Ortschaften in Österreich und sind erst später in die Großstadt Wien gezogen. Ich habe noch gehört: „Für ein Mädchen ist ihr Ruf das Wichtigste.“ Da habe ich sowohl von der väterlichen als auch mütterlichen Seite ein Erbe mitbekommen. Nun bin ich fast 50, und es hat sich deutlich etwas verändert für mich. Es ist mir immer noch nicht in jeder Situation egal, was andere von mir denken. Doch ich fühle den großen Druck nicht mehr, der früher auf mir lastete. Ich fühle mich auf dem Weg zu Echtheit, Aufrichtigkeit, Authentizität und Freiheit.

Die Angst, abgelehnt, verstoßen oder verbannt zu werden

Doch warum ist es so schwer, aufrichtig zu sein? Die Erwartungen anderer erfüllen zu wollen wird verständlich, wenn wir uns die Situation eines Kindes vergegenwärtigen. Als Kind sind wir von unseren Bezugspersonen abhängig. Unser Leben hängt buchstäblich davon ab, ob sie uns mit Nahrung und Zuwendung versorgen und uns vor Bedrohungen beschützen.

Aus der kindlichen Perspektive ist die Angst, abgelehnt, verstoßen oder verbannt zu werden, real. Für das Kind ist es überlebenswichtig, dass die wichtigsten Bezugspersonen es nicht im Stich lassen.

Diese Ängste schleppen wir dann oft noch im Erwachsenenalter mit uns herum. Wir fürchten, dass wir abgelehnt, verstoßen oder verbannt werden, wenn wir uns zeigen: Etwas sagen, was von der Meinung anderer abweicht; nach Außen treten, zum Beispiel mit einer Webseite; wenn wir Gefühle ausdrücken wie etwa große Freude ("hat die nicht mehr alle Tassen im Schrank?"). Und vor allem auch, wenn wir das tun, was für uns wichtig ist, so etwa, einen neuen beruflichen Weg einschlagen.

Vertrauen in sich selbst entwickeln

Für mich hat sich grundlegend etwas verändert, als ich Vertrauen in mich selbst fasste - in meine Sicht, in meine Gefühle und Empfindungen. Das setzte voraus, dass ich mir zugestand, das Recht zu haben auf meine Sicht, meine Gefühle und Empfindungen. Nicht mehr länger die Erwartungen anderer erfüllen zu müssen. Und da bin ich weiterhin auf dem Weg, weil ich hier einen schweren Rucksack mit mir trage.

Ein erster Schritt auf diesem Weg war für mich, anzuerkennen, dass der Rucksack schwer ist. Dass da Anteile in mir sind, die Angst haben. Dass etwas in mir vor Veränderungen zurückschreckt. Mir mit Selbstmitgefühl zu begegnen. Und da mit mir in einer offenen, neugierigen, nicht wertenden Haltung zu sein.

Ein zweiter Schritt lag darin zu beobachten, dass ich Gefühle entweder vermied oder mich mit einem Gefühl vollkommen identifizierte. Etwas bewusst wahrzunehmen, ist der erste wichtige Schritt für eine Veränderung. So bemerkte ich, dass ich meine Wut unterdrückte, weil in mir eine Bewertung ablief, dass ich nicht wütend sein darf. Und ich war bei vielem ängstlich ("nein, das traue ich mir nicht zu", "wo führt das hin") und kippte dann total in die Angst hinein. Beides macht unfrei.

Der Schritt in die Freiheit lag darin, zu erleben: ich bin nicht nur diese Angst, ich bin mehr als das, und ich kann in einer Haltung des Selbst-in-Präsenz (engl. Self-in-Presence) diese Angst sehen, mit dieser Angst sein. Oder der Wut. Oder mit beidem.

Ich übe, laufend mit meinem Felt Sense  - wie es im Focusing genannt wird - in Kontakt zu gehen. So auch, wenn ich merke, dass ich mich mit anderen vergleiche. Da merke ich: Etwas triggert mich da. Was steckt da dahinter? Dann spüre ich in mein inneres Erleben hinein. Alleine durch dieses aufmerksam-neugierige Hinspüren und Dabeisein löst sich meist etwas spürbar.

Die bewusste Entscheidung, wie ich leben will - raus aus der Opferrolle

Beim Vertrauen in sich selbst gibt es noch eine Perspektive, die den Bogen weiter spannt: Ich habe ausprobiert, wie es sich mit der Überzeugung lebt „Du bist hier als einzigartiges Wesen mit einer einzigartigen Aufgabe“. „Einzigartig“ nicht im Sinne von: du bist herausragend, besser als andere; sondern im Sinne von - jeder Mensch ist wie ein Kristall, kein Kristall gleicht dem anderen, du bist wie jeder Mensch Ausdruck der wunderbaren Vielfalt des Lebens. Und du hast die Chance, in diesem Leben diese deine Einzigartigkeit in eine Form fließen zu lassen. Wenn du es nicht tust, wird es kein anderer tun.

Diese Überzeugung anzunehmen, hat mir Mut abverlangt. Denn ich kann mich nicht länger in die Opferposition begeben und sagen: Andere oder die Umstände sind schuld, dass ich kein erfülltes Leben führen kann. Ich selbst bin dann verantwortlich im Sinne von: Ich antworte auf eine Situation oder in einer Situation. Das ist der Schritt ins Erwachsen-Sein. Und dieser Schritt fällt so schwer, weil er in unserer Kultur nicht wirklich unterstützt wird.

Wie geht es dir mit dem Vertrauen in dich selbst? Versuchst du, die Erwartungen anderer zu erfüllen? Bist du in Sachen „reingerutscht“, ohne das selbst zu wollen oder zu entscheiden, z.B. in einen Beruf? Reflektiere für dich - und teile, wenn du willst und dazu bereit bist, gerne etwas dazu in den Kommentaren.

Regina Schlager

Regina Schlager öffnet im Einzel- und im Gruppensetting Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus die eigene Berufung zu gestalten. Sie ist Co-Inhaberin und Co-Geschäftsführerin der ReConnect GmbH. Seit Juni 2019 leitet sie die Gaia-Akademie Schweiz in Zürich.

Schlagwörter: Wachstum, Selbstfreundschaft, Veraenderung, Berufung

Kommentare werden vom Moderator freigeschaltet

Kommentar hinzufügen

* Felder sind erforderlich