Meine Visionssuche in den Bergen

25.07.2019, Regina Schlager

Seit 14. Juli bin ich zurück von meiner Visionssuche – genauer Riten des Übergangs – im Gebirge des Berner Oberlandes in der Schweiz. Geleitet wurde sie von Gabi Bott und Gunter Hamburger, bei denen ich 2017/18 das Holon-Jahrestraining (Die Arbeit, die wiederverbindet nach Joanna Macy) gemacht habe.

In meinen Coachings und Workshops arbeite ich viel mit Vision. Im Berufungscoaching steht am Schluss des Prozesses die Vision und aus ihr abgeleitet die nächsten Ziele und Schritte. Ich bin auch selbst viel in der Natur, verbinde mich mit den Elementen und nehme Zeichen wahr.

Doch fühlte ich mich darüber hinaus schon seit Jahren zu einer Visionssuche hingezogen, wo ich ein paar Tage und Nächte alleine in der Natur verbringe – für meinen eigenen Prozess und auch um Menschen aus erster Hand davon erzählen zu können, vor allem auch Klientinnen auf diese weitere Möglichkeit hinweisen zu können.

(Medien-)fasten als Unterstützung der inneren Prozesse

In den elf Tagen habe ich mein Handy nicht benutzt, auch kein einziges Foto gemacht, meinen Laptop hatte ich sowieso nicht mit. (Das Foto hier im Blogartikel von mir wurde 2017 in einem Wald in Zürich aufgenommen.) Und ich hatte auch keine Bücher dabei – das ist wirklich sehr ungewöhnlich für mich. Mitgekommen waren nur mein Notizbuch, eine Füllfeder und Buntstifte. Alleine dieses Medien-Fasten war bereits eine sehr wertvolle Erfahrung.

Und dann kam noch das körperliche Fasten dazu. Das war neu für mich; ich hatte vor der Reise auch Bedenken, ob das meinem Körper wirklich gut tut. Wir verbrachten die ersten drei Tage in der Gruppe, und wurden von Gabi Bott und Gunter Hamburger auf die drei Tage und Nächte alleine draußen vorbereitet. Die abendliche Suppe wurde Tag für Tag dünner, denn in der dreitägigen Solozeit sollten wir – wenn körperlich möglich – keine feste Nahrung zu uns nehmen.

Foto: Gerald Knoll (Rechte bei Regina Schlager)

Wer bin ich? Wozu bin ich hier? Was ist meine Aufgabe?

In der Vorbereitungsphase beschäftigten wir uns mit den Fragen: Wer bin ich? Wozu bin ich hier? Was ist meine Aufgabe? Ich spürte ganz deutlich eine Bestärkung, dass es essentiell für mich ist, Menschen auf dem Weg in ihre Berufung zu begleiten. Dieser Weg ist auch zutiefst mein eigener. Und dass dabei die Wiederverbindung mit allen Anteilen in uns und mit der Natur wesentlich ist.

Es ging auch darum, einen Platz für die Solotage zu finden. Mich hatte ein Platz mitten im Wald gerufen. Dort baute ich mir meinen Schlaf- und Rastplatz. Ich war ganz stolz, dass ich es – ruhig, heiter, gelassen – schaffte, mein Tarp aufzuspannen, das mich vor Wind und Regen geschützt hat. Wäre jemand bei mir gewesen, hätte ich wohl gesagt: »Mach du das, du kannst das besser!«

Und ich hatte gleich daneben auch einen extra Bereich für die Rituale, wo es darum ging, mit Menschen, Situationen und eigenen Anteilen, wo noch etwas ungeklärt ist, in einen Dialog zu gehen: Versöhnen, Verabschieden, Loslassen.

Die (Wieder-)Verbindung mit meiner Körperlichkeit

Ich habe gemerkt, welch entscheidende Rolle für meinen Prozess die Verbindung mit meiner Körperlichkeit spielt. Ich habe meinem Körper gedankt für die – inklusive Zeit im Mutterleib – 50 Jahre, die er nun bereits meine Heimstatt ist, um immer mehr in meine Bestimmung zu finden. Und ich habe Sorge getragen für ihn. Denn in diesen Tagen wurde mir auch seine Begrenztheit und Fragilität sehr bewusst. Als ich merkte, dass mir am zweiten Tag der Solozeit übel wurde, habe ich Elektrolyte genommen und Nüsse gegessen (die hatte ich als Notvorrat mitgenommen).

Barfuß berührte ich den Waldboden, legte mich auf den Boden. Ich habe getanzt und gesungen. Mich genüsslich eingecremt, mich nackt ausgezogen und es trotz Morgenkälte genossen, ohne Kleidung im Wald zu stehen und mich zu waschen. Diese Art der Sinnlichkeit ist etwas, auf das ich im Alltag noch mehr Wert legen will. Lange Jahre habe ich sehr getrennt gelebt davon.

Ausrichtung, Aufrichtung und Grenzen ermöglichen Aufrichtigkeit

Täglich in der Früh habe ich Körperübungen gemacht, um mich in meiner Ausrichtung und Aufrichtung zu spüren: zwischen Erde und Himmel. Diese körperliche Haltung ist unmittelbar verbunden mit meiner inneren Haltung. Aufrichtigkeit war ein Thema, das sehr stark da war in diesen Tagen. Aufrichtig sein, zu meiner Wahrheit stehen. Ausdrücken, was in mir vorgeht. Wie ich es sehe, was ich fühle. Sehr lange hat mich die Angst, andere könnten nicht damit umgehen und mich dafür bestrafen, davon abgehalten. Die Angst vor Beziehungsabbruch saß seit meiner Kindheit tief in mir.

Zusätzlich habe ich jeden Tag QiGong praktiziert, um meine Grenzen zu spüren und zu würdigen. Es nicht länger zulassen, dass andere meine Grenzen überschreiten. Mir meinen Raum nehmen. Und das würdevoll, in Liebe. Es hat sich bestätigt, wie zentral das Thema Grenzen für mich ist. Und ich erlebe beinahe in jeder Coachingstunde, wie wichtig es für die Frauen ist, die zu mir kommen. Gerade in der Wandlungsphase der Wechseljahre. Das wird daher ein Thema sein, das ich noch stärker aufgreife in meiner Arbeit.

Mich auf das Wesentliche konzentrieren – Gaia-Qualität Ernteschnitt

Eine Erkenntnis in diesen Tagen war, dass es bei meiner Arbeit für mich jetzt darum geht, Dinge loszulassen. Mich auf bestimmte Projekte und Themen fokussieren. Achtsam und konzentriert daran arbeiten. Nicht zu viel auf einmal wollen. Mich nicht ausbrennen.

Das ist ja sehr passend zur beginnenden Gaia-Qualität Ernteschnitt, die laut Gaia-Konzept am 2. August beginnt. Da sind die zentralen Fragen: Was ist die Essenz, was ist wirklich wesentlich? Was braucht jetzt einen klaren Schnitt? Was reift in diesem Jahreszyklus nicht mehr aus? Was lasse ich sterben – im Bewusstsein, dass es wertvolle Nahrung ist im großen Kreislauf des Lebens? Und worauf konzentriere ich meine Energie in den nächsten Monaten? Das ist für jemanden für mich, die vielseitig interessiert ist und und viele Inspirationen und Impulse spürt, nicht einfach. Doch so wichtig!

Ich bin mir sicher: Nach dem Ernteschnitt wird mir nochmals klarer sein, was jetzt ansteht. Worauf ich in den nächsten Monaten meine Energie lenke und in welchen Angeboten sich das manifestieren wird.

Reduktion, Einfachheit – gespeist von der Vielfalt. Verwoben in der Verbindung. So nehme ich das derzeit wahr.

Ein Tipp: Im Oktober findet eine Intensivwoche des Holon-Trainings mit Gunter Hamburger und Gabi Bott im Allgäu in Deutschland statt. Es gibt die Möglichkeit, dann im Sommer 2020 an einer Visionssuche teilzunehmen. Nähere Infos dazu: https://www.holoninstitut.de/holontraining.html und https://tiefenoekologie.de/termine/69 und https://www.gabibott.de/termine/

Foto: Gerald Knoll (Rechte bei Regina Schlager)

Regina Schlager

Regina Schlager öffnet im Einzel- und im Gruppensetting Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus die eigene Berufung zu gestalten. Seit Juni 2019 leitet sie die Gaia-Akademie Schweiz in Zürich.

 

Schlagwörter: Achtsamkeit, Koerperwissen, Vision, Berufung, Embodiment, Weiblichkeit

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