Die Intelligenz und Kraft des Herzens

14. Oktober 2020, Regina Schlager

Eigentlich spürte ich ja schon früher, dass das Herz zentral ist. Sicherlich als Kind. Doch irgendwann im Laufe der Kindheit und Jugend haben sich Schichten über dieses tiefe innere Wissen gelegt. Heute weiß ich und stehe ich dazu, wie wichtig das Herz ist. Es wohnt ihm eine eigene Intelligenz inne und es mit dem Verstand permanent im Austausch. Das ist ein Zusammenwirken, Kooperation im besten Sinne. Ich muss den Verstand nicht mehr gegen das Herz ausspielen. Neuere wissenschaftliche Forschungen zeigen, dass es ein Herzhirn gibt; das Herz kommuniziert auf vielfältige Weise. Indigene Menschen wissen seit jeher um die Weisheit, die vom Herzen ausgeht. Und wir können lernen, wieder mit dieser Weisheit in Kontakt zu treten.

In meinen jüngeren Jahren war mir das Herz irgendwie peinlich. Den Roman "Geh, wohin dein Herz dich trägt" habe ich in meinen 20-ern von einem guten Freund geschenkt bekommen – und damals nicht gelesen. (Mein lieber Freund verzeih mir, ich habe das Buch mit deiner Widmung allerdings all die Jahre und Umzüge hinweg aufbewahrt. Und vor ein paar Wochen sogar gelesen.)

Herz, gemalt, von: pixabay - Martin Eklund

Warum habe ich das Buch damals ungelesen ins Regal gestellt? Weil ich es mit "Schmalz" und "Herz-Schmerz-Literatur" abtat. Der Titel und dann noch der große Erfolg des Buches ließen mich so urteilen. (Ich war zu der Zeit Germanistik-Studentin.) Nun, bei Literatur kann man ja geteilter Meinung sein oder ein bestimmtes ästhetisches Empfinden haben, doch spielte bei meiner Abneigung noch mehr mit: Eine Abwertung des Herzens gegenüber dem Verstand.

Die Abwertung des Herzens gegenüber dem Verstand

Meine abwertende Haltung war auch keineswegs verwunderlich: Denn einerseits wurde das, was "vom Herzen kommt" ab einem bestimmten Alter wirklich als naiv, unreif und realitätsfern abgetan ("sei nicht kindisch", "sei nicht emotional", "das ist doch naiv"). Oder es zeigte sich in Form von kitschigen Filmen oder Romanen, bei denen Liebe als Abhängigkeit, Unfreiheit bis hin zu Gewalt gezeigt wurde – das war nicht wirklich erstrebenswert für mich.

2016 startete ich mit dem Courage Circle. Und ich veröffentlichte das Buch "Mutig mit dem Herzen führen. Gespräche mit Frauen, die ihre Berufung gestalten." Damals hatte ich schon über zehn Jahre einen bewussten Umgang mit meinen Gefühlen und Emotionen kultiviert. Und immer mehr Zugang zu meinem Herzen gefunden. Doch hatte ich nach der Veröffentlichung trotzdem Stimmen in mir, die Bedenken äußerten: Werden die Leute jetzt denken, ich meine, die Ratio sei nicht wichtig und man solle blind seinen Gefühlen folgen?

Courage - Zitat Regina Schlager

Das Herz weiß, was gut, schön und wahr ist

Wir – damit meine ich uns Erwachsene in der westlichen Welt – beginnen wohl erst zu erahnen, was das Herz wirklich bedeutet. Hier ein paar Anregungen:

  • Eine wesentliche Rolle bei der wissenschaftlichen Erforschung des Herzens spielt das HeartMath Institute. Die Forschungen zeigen: Das Herz ist nicht nur ein Organ, das unablässig Blut pumpt – schon das ist herausragend. Wie neuere Forschungen herausgefunden haben, hat das Herz ein eigenes neuronales Netzwerk, man spricht vom Herzhirn; es kommuniziert mit dem Gehirn im Kopf. Und es gehen mehr Botschaften vom Herzen zum Gehirn als andersherum. Das Gehirn kommuniziert darüber hinaus auch biochemisch über Hormone, biophysisch über den Puls und energetisch über elektromagnetische Felder.
  • Vivian Dittmar führt die Herzintelligenz als eine der fünf Disziplinen des Denkens an. Sie unterscheidet in ihrem Buch "Das innere Navi. Wie du mit den fünf Disziplinen des Denkens Klarheit findest" die Intelligenz des Herzens von Intuition und Inspiration. Sie schreibt: "Die Herzintelligenz hingegen ist die Hüterin einer universellen, kulturübergreifenden Ethik. Jenseits von Regeln, Gesetzen und kulturellen Normen weiß diese Instanz, was gut, schön und wahr ist. Wenn wir auf sie hören, ist sie ein zuverlässiger Kompass für das, was gerne als Menschlichkeit bezeichnet wird."
  • Indigene Älteste streichen die Bedeutsamkeit des Herzens hervor. Der Verstand bringt Wissen hervor, das Herz Weisheit. In seinem Buch "Wisdom Keeper" schreibt Ilarion Merculieff, unter anderem über das, was ihm Älteste aus verschiedenen Traditionen mitgeteilt haben. Sie betonen, dass wir in einer "umgestülpten Gesellschaft" leben, wo der Verstand kontrolliert und dem Herzen diktiert. Früher habe das Herz den Verstand geleitet. Für sie ist das Herz die Instanz, die dem Menschen sagt, was er tun muss. Und mit seinem Verstand findet er dann heraus, wie er das umsetzen kann. Auf das Herz zu hören macht den Menschen zu einem "real human being". Es macht den Menschen erst wirklich menschlich.

Auf dein Herz hören - eine kleine Übung

Auf unser Herz hören? Das setzt voraus, dass wir überhaupt erst einmal mit unserem Herz in Kontakt treten. Du könntest damit beginnen, indem du in deinen Brustraum spürst. Und deinen Atem dort wahrnimmst. Dein Brustkorb hebt und senkt sich. Du kannst dir die Neuronen vorstellen, die sich in deinem Herzraum befinden, dein Herzhirn. Und wie es Botschaften mit deinem Kopfhirn austauscht. Vielleicht fühlt es sich richtig für dich an, deinem Herzen zu danken dafür, dass es unablässig schlägt. Und es hat damit begonnen kurz nachdem du empfangen wurdest, schon vor deiner Geburt also.

Bild: Pixabay - Martin Eklund

 

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Schlagwörter: Stressbewaeltigung, Achtsamkeit, Koerperwissen, Selbstfreundschaft, Neues-denken

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