Vom linearen zum zyklischen Weg

21. Oktober 2020, Regina Schlager

Früher dachte ich: Ich finde heraus, was ich will, und dann gehe ich meinen Weg. Und diesen Weg habe ich mir linear vorgestellt. Ich sah ihn als gerade Linie vom jetzigen Zeitpunkt in die Zukunft. Heute weiß ich, dass mein authentischer Weg ein zyklischer Prozess ist. Er gleicht eher einem Kreis und einer Spirale als einer Linie.

Pixabay - FreePhotos; Stiegengeländer, Spirale

Das lineare Denken ist notwendig und praktisch

Die Linearität hat natürlich auch ihre Berechtigung. Denn ich erlebe mich als Mensch in meinem Körper in der Zeit. Ich erlebe Situationen, an einige erinnere ich mich danach noch. Mein rationaler Verstand denkt in den Kategorien von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ich kann vorausschauen, planen, vorsorgen. Und das ist gut so.

Ohne diese Fähigkeiten wäre ich, gerade in der heutigen Zeit, wohl sehr verloren. Es sind notwendige und genial praktische Eigenschaften des Denkens. Und ohne sie wäre das, was "autobiografisches Selbst" genannt wird, nicht möglich. Wir greifen auf unsere Vergangenheit zurück und basteln uns so unsere Autobiografie, unsere Lebensgeschichte. Und wir machen uns Gedanken darüber, was wir im Leben noch erreichen und werden möchen.

Doch Linearität deutet eine Situation, die sich ähnlich wiederholt, als Scheitern: "Ach das schon wieder! Ich bin ein Versager."

Und dann gibt es Situationen im Leben, wo ich früher innerlich aufseufzte: "Ach, das schon wieder. Ich dachte, da sei ich bereits darüber hinweg." Ich habe mich doch lange vertieft mit mir selbst auseinandergesetzt, mit meinen Talenten, Werten und Bedürfnissen. Ich habe mich für einen beruflichen Weg entschieden. Alles lief gut. Ich war im Großen und Ganzen zufrieden. Es fühlte sich stimmig an, ich war auf dem richtigen Weg. Und nun dieser Einbruch? Diese innere Unruhe? Was hat das zu bedeuten?

Ich merke bei meiner Arbeit mit Menschen, dass viele auf so eine Situation stoßen, die ähnlich ist wie eine frühere (denn ganz gleich sind sie ja nie) – und das dann als Scheitern deuten. Sie stellen ihre einstigen Entscheidungen in Frage. Oder sie meinen, etwas sei nicht in Ordnung mit ihnen. Da ist die große Enttäuschung, "schon wieder an dem alten Punkt zu sein". Beginnt das nun wieder von vorne? Dieses Suchen?

Wie gut ich diese Enttäuschung kenne! Denn auch ich habe es früher negativ beurteilt, wenn ich an so einem Punkt war.

Das Bild des linearen Weges ist in seiner Ausschließlichkeit nicht hilfreich

Doch dann hat mir etwas geholfen, anders damit umzugehen. Hilfreicher. Lebensförderlicher: Ich habe herausgefunden, dass meine Reaktion stark mit dem ausschließlichen Bild des linearen Wegs zusammenhing. Da muss es immer vorwärtsgehen. Wenn nicht, dann kann das nur ein Zurückgehen, einen Rückschritt bedeuten. Und ich fange wieder an dem Punkt an, wo ich doch schon war!

Klingt ganz nach mühseliger Sisyphos-Arbeit. Sispyhos, eine Figur der griechischen Mythologie, der ein riesiges, schweres Felsstück einen Berg hinaufwälzen muss; kaum ist er fast am Gipfel angelangt, rollte der Fels wieder ins Tal. Sisyphos wird damit für eine begangene Tat bestraft.

Das ist eine Strafe – ja, so fühlt es sich häufig an bei diesen persönlichen Prozessen: Das ist eine Strafe dafür, dass ich nicht gut genug war, nicht genug getan habe: nicht zielsicher genug, nicht tatkräftig genug, nicht selbstbewusst genug...

Ich sehe dann mein Leben als ein bis zum Tode andauerndes Hinaufrollen und Hinunterrollen des Felsbrockens, ein Weg der Mühe und der Schmerzen. Ich nehme die Rolle des Opfers oder Märtyrers an. Freude in meinem Leben fühlt sich dann fast als Frevel an, es würde ja meine Rolle in Frage stellen. Oder aber ich sage mir: Das tue ich mir nicht mehr an. Was soll das Gerede von Berufung, Bestimmung, vom eigenen Weg. Ist doch alles Nonsens. Ich wähle dann also Zynismus und Resignation.

Warum also nicht das Bild des Weges ändern?

Den Lebensweg, der immer mehr zu sich selbst und in die eigene Bestimmung führt, sehe ich nun als Kreis und Spirale. Kreis und Spirale sind Formen, die für die Menschheit sehr wichtig waren, bevor sich das lineare Weltbild als fast einzig gültige Norm durchgesetzt hat.

Die Natur mit ihren Jahreszeiten zeigt uns, dass Lebensabläufe zyklisch sind. Gerade jetzt im Herbst merken wir, dass wir in einer Übergangszeit sind. Die Blätter auf den Bäumen färben sich gelb. In ein paar Wochen werden die Blätter abgefallen sein. Die Säfte ziehen sich in die Äste und Stämme zurück. Im Baum bereitet sich alles auf das Leben, das im Frühling neu heraussprießen wird, vor. Der Winter lädt zu Ruhe ein: Die Farben sind nicht so bunt wie in den anderen Jahreszeiten. Vögel sind fortgezogen, andere Tiere verkriechen sich in der Erde oder ziehen sich zum Winterschlaf zurück. Bei frisch gefallenem Schnee ist der Schall gedämpft.

Ich glaube nicht, dass der Baum sich sagt: "Oh, jetzt fallen meine Blätter schon wieder ab. Ich bin doch ein Versager". "Ich müsste doch weiter mein prächtiges Blättergewand haben, ja, es sollte noch prächtiger werden!" Er ist in einem Prozess wie im vergangenen Herbst, doch ist der Prozess und ist auch der Baum selbst dennoch nicht ganz gleich wie im Jahr zuvor. Das, was im Frühling neu an Blättern hervorkommt, schaut für uns auf den ersten Blick vielleicht gleich aus, wie wir es vom letzten Jahr kennen. Doch schauen wir genauer hin, hat sich etwas verändert. Und es gibt darüber hinaus sicherlich vieles, was unserem Sehen gar nicht zugänglich ist.

Nun erfahre ich meinen Lebensweg als Kreiszyklus

Heute achte ich einerseits ich auf die Rhythmen der Jahreszeiten, die ich immer mehr in meinem eigenen Leben und Wirken wiederfinde. Und, wenn ich an einen Punkt komme, wo ich mir zunächst sage: "Da war ich ja schon, das schon wieder!" Dann spüre ich näher hin. Und meistens erkenne ich: "Ja, ich bin wieder da, aber auf einer anderen Ebene. Lass mich das näher erkunden!" Wie bei einer Spirale. Es fühlt sich so an, als würde es immer tiefer gehen. Dabei kann es sich auch so anfühlen, als würde sich die Spirale nach oben drehen. Eigentlich ist es ein nach oben und nach unten Ausdehnen. Und es wird auch weiter.

Der lineare Weg ist dadurch nicht weg. Ich bin froh, dass ich aus vergangenen Ereignissen etwas lernen kann. Ich setze mir weiterhin Ziele. Möchte etwas umsetzen. Doch ist das nun eingebettet in das zyklische Verständnis. Die Linearität hat ihren Wert, ist aber nicht mehr das Einzige und nicht das Wichtigste, wonach ich mich orientiere.

Bild: Freephotos (pixabay)

 

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Schlagwörter: Wachstum, Achtsamkeit, Veraenderung, Berufung, Lebenskunst, Neues-denken

1 Kommentar

Rosmarie Marti, 23. Oktober 2020

Liebe Regina, ja, ja ruft es in mir beim Lesen.

Die Spirale ist mein Symbol. Der Weg von innen nach aussen und umgekehrt ist für unverzichtbar. Er tut mir gut und ich kann durch ihn verbinden. Unsere vier Jahreszeiten mit ihren Qualitäten und Rhythmen ins Geschehen zu integrieren, sie zu fühlen, nach ihrem Terminus mitschwingen, ist für mich sehr unterstützend und hilfreich.

So vereinen sich die Spirale und die Rhythmen für mich zu einem pulsierenden Leben mit Weisheit. Danke für den schönen Artikel.

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