Warum dich Druck und Kontrolle beim Wachsen hindern

21. November 2020, Regina Schlager

In meinen Coachings arbeite ich Focusing-orientiert und achtsamkeitsbasiert. Ich beobachte, wie sich bei den Menschen, dich ich begleite, eine tiefe Erleichterung zeigt, wenn sie erleben: "Alles darf sein." Diese Haltung ist für viele ganz neu. Ist es doch üblich, eigene Gefühle und Verhaltungsweisen abzuwerten oder weghaben zu wollen: "Ich bin eine Versagerin", "Ich will diese Angst nicht mehr".

Ja aber, wenn alles sein darf, dann heiße ich doch mein Gier, meine Wut, meine Gleichgültigkeit gut. Das will ich nicht!

Ich verstehe diese Frage sehr gut. In "Alles darf sein" liegt ein gewisses Paradox. Denn wenn ich merke, dass mir eine Emotion oder eine Verhaltungsweise von mir nicht gut tut, dass dadurch meine Beziehungen belastet sind und ich mich in meiner Kreativität blockiert fühle, dann möchte ich mich verändern. Der Wunsch, mich zu verändern, zu wachsen, mich weiterzuentwickeln, ist zutiefest menschlich. Ich persönlich will mein Leben lang wachsen.

Nur funktioniert Wachstum und Veränderung nicht, wenn ich

  • mich unter Druck setze
  • mich ständig kontrolliere
  • mich - oder gewisse Anteile von mir - abwerte und verurteile

Zumindest nicht langfristig und tiefgreifend.

Warum funktioniert es nicht? Stell dir vor, jemand setzt dich unter Druck, kontrolliert dich, wertet dich ab. Wie geht es dir dabei? Vielleicht hattest du einen Lehrer, der dich so behandelt hat. Oder eine Bezugsperson. Hat das dazu geführt, dass du dich öffnen konntest? Dass du mit deinen Gefühlen in Kontakt gehen konntest? Dass du den Reichtum deines inneren Erlebens erforschen konntest? Wahrscheinlich nicht.

Person, warnender Zeigefinger, finsterer Blick. Pixabay - rickey123

Ein kontrollierendes, Druck machendes oder abwertendes Verhalten von anderen führt eher dazu, dass wir uns entweder zurückziehen oder rebellieren. Es ist nicht vertrauensfördernd. Es gibt uns nicht den Raum, den wir brauchen, um das zu erkunden, was sich schwierig in uns anfühlt. Und wir stecken damit auch unsere kreativsten Seiten weg, aus Angst, etwas falsch zu machen. Mir ist es als Kind zum Beispiel mit dem Singen so gegangen.

"Alles darf sein" bedeutet nicht Stillstand

Im Gegenteil, es schafft Raum dafür, dass etwas in uns Vertrauen fasst und in Bewegung kommt – und wir dann auch im Außen entsprechende Handlungen setzen können.

"Alles darf sein" bedeutet nicht, dass du dich und andere gefährdest und verletzt

"Alles darf sein" bedeutet nicht, dass du dann deinen Gefühlen einfach freien Lauf lässt und dich und andere zum Beispiel mit deiner Wut in Gefahr bringst. Es ist eine innere Haltung. Eine freundliche, wohlwollende Einladung. Und es braucht einen sicheren Rahmen.

Du erkundest in deiner inneren Landschaft – und kannst dann bewusst handeln; was eben nicht bedeutet, deine Wut einfach ungezügelt rauszulassen oder – was häufig vorkommt, besonders bei sensiblen Menschen – dich zurückzuziehen und nicht für dich einzustehen.

 

Bild: pixabay - rickey123

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Schlagwörter: Achtsamkeit, Koerperwissen, Selbstfreundschaft, Veraenderung, Kreativitaet, Lebenskunst, Selbstmitgefühl, Focusing

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