Thinking at the Edge für Lebendigkeit und Wandel

27. März 2020, Regina Schlager

Seit ich vor etwa zehn Jahren auf die Methode Focusing gestoßen bin, hat mich besonders auch die Philosophie von Eugene Gendlin interessiert. Gendlin hat, gemeinsam mit anderen, aus seiner Philosophie des Impliziten sowohl Focusing als auch Thinking at the Edge (TAE) entwickelt. Ich sehe in Thinking at the Edge (auf Deutsch etwa Denken am Rand oder Denken an der Schwelle) sehr viel Potential für eine neue Art des Denkens: ein Denken, das uns individuell zu mehr Lebendigkeit führt und uns kollektiv bei einem lebensförderlichen Wandel unterstützt.

Dieses neue Denken ist in Kontakt mit dem eigenen inneren Erleben, wofür Gendlin den Begriff Felt Sense geprägt hat. Und es geht von dem aus, was noch diffus und unklar ist. Wir sind jetzt in der Situation mit der Corona-Pandemie aufgefordert, uns grundlegende Fragen zu stellen: Was ist wirklich wichtig? Wie will ich leben? Und wie wollen wir gemeinsam unsere Zivilistation neu visionieren und gestalten? Thinking at the Edge kann hier einen wesentlichen Beitrag leisten. (Siehe dazu auch mein Blogartikel "Thinking at the Edge und Interbeing").

TAE - Thinking at the Edge: Was ist das?

Eugene Gendlin war Philosoph und Psychotherapeut. Er hat die Methode Focusing entwickelt. Focusing ermöglicht es einem, mit allen inneren Anteilen in Beziehung zu treten. Und das in einer Haltung der Wertschätzung, ohne zu beurteilen oder zu verurteilen, wie etwa: "Meine Angst ist schlecht... ich bin schlecht".

Dieses achtsame In-Kontakt-Sein mit dem inneren Erleben ermöglicht den Felt Sense, wie ihn Gendlin nennt. Wir fühlen und spüren etwas, das bedeutsam für uns ist, das wir jedoch noch nicht in Worte fassen können. Wir erhalten Zugang zu unserem impliziten Wissen.

Und dennoch ist es wichtig, dieses implizite Wissen in Sprache zu fassen. Für Gendlin ist Sprache tief im menschlichen Körper verankert. Bevor ich etwas sage, habe ich ein körperliches Gefühl davon.

Gendlin nimmt den Körper und das Erleben in die Philosophie hinein. Bei Thinking at the Edge handelt es sich allerdings nicht um etwas, das bloß für Philosophen interessant und verständlich ist. Es beruht auf Gendlins "Philosophie des Impliziten", ist jedoch eine Methode für jederfrau und jedermann.

Jeder Mensch birgt einen enormen Schatz an noch nie Gesagtem

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass eh schon alles gedacht und gesagt wurde? Und es doch auf Ihren Beitrag gar nicht mehr ankommt? Für Gendlin ist jeder Mensch ein enormer Fund von etwas, das die Welt noch nie gehört hat. Studenten, mit denen er den TAE-Prozess durchging, teilten ihm freudig mit, dass sie nun fähig seien, über das zu sprechen, was sie zuvor nicht zu sagen imstande waren. Das war ein Aha-Erlebnis für sie: Ich kann ja denken!

Denken ist dann nicht mehr bloß ein neu ordnen oder kopieren von bereits vorhandenen Wissensbausteinen, die abgekoppelt sind von eigenen Gefühlen und Empfindungen. Denken wird zu einem wahrlich kreativen Prozess - und das löst Freude aus. Es ist dann auch nicht mehr nötig, "den Kopf" abzuwerten und gegen Gefühle auszuspielen. Denn dieses Denken findet eben nicht bloß abgetrennt im Kopf statt.

Tiefe politische und soziale Bedeutung von TAE - Thinking at the Edge

In dieser Form des kreativen Denkens, das schöpferisch Neues hervorbringt, liegt auch eine tiefe politische und soziale Bedeutung. Denn wie oft sagen oder schreiben wir nur das, was zu dem passt, was es bereits an Gesagtem und Geschriebenem gibt? Wie oft trauen wir uns nicht, von dem zu sprechen, was wir gerade durchleben? Wie groß ist nicht die Angst, inkompetent zu wirken, wenn wir nicht sofort wohlformulierte Sätze parat haben? Oder wenn wir von dem abweichen, was bekannt und akzeptiert ist?

Gendlin spricht von der "allgemeinen öffentlichen Sprachbarriere", die wir meist nicht zu überschreiten wagen. Mit Hilfe der Schritte des Prozessmodells Thinking at the Edge können wir uns üben, über die Barriere zu treten. Und das darf neugierig-spielerisch geschehen.

Jeder hat etwas, das die Welt bereichert. Frisch und neu. Es sind nicht bloß andere Leute, die Ideen haben und deshalb etwas zu sagen und zu entscheiden haben: "die Kreativen", "die Intellektuellen", "die Wissenschaftler". Wir alle haben ein reiches Innenleben, mit einer ganz eigenen symbolischen Sprache. Und wir können diesen inneren Schatz nach Außen bringen. So finden wir unsere Stimme. Und das bringt uns auch in unsere Kraft und den gesunden Gebrauch von Macht.

 

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Regina Schlager

Regina Schlager öffnet im Einzel- und im Gruppensetting Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus die eigene Berufung zu gestalten. Sie ist Co-Inhaberin und Co-Geschäftsführerin der ReConnect GmbH. Seit Juni 2019 leitet sie die Gaia-Akademie Schweiz in Zürich.

 

Schlagwörter: Fuehrung, Leadership, Achtsamkeit, Koerperwissen, Kompetenz, Veraenderung, Kreativitaet

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