Meine Lehrer*innen: Ein persönliches Dankeschön - Teil 2

14. April 2020, Regina Schlager

In meinem Blogartikel „Meine Lehrer*innen: Ein persönliches Dankeschön – Teil 1“ habe ich begonnen darüber zu erzählen, was ich von wem gelernt habe und in meine persöniche Praxis und in meine Arbeit integriere. Ich habe hingewiesen auf Russell Delman und Embodied Life sowie Focusing von Eugene Gendlin und Ann Weiser Cornell. In diesem zweiten Teil möchte ich noch näher darauf eingehen, was mir Embodied Life und Focusing bedeuten. Und auch, was durch TAE – Thinking at the Edge noch für Aspekte dazu kommen.

Gabriela Piwowarska, Pixabay

 „Einfach Sitzen“

Die Art der Meditation, die Russell Delman gerne „einfach Sitzen“ bezeichnet, ist eine Form der Achtsamkeit. Man geht dabei über die Körperwahrnehmung hinein in einen Zustand, bei dem alles sein darf, was aufkommt. Und man hält nichts fest. Gedanken, Gefühle, innere Bilder, Gespürtes - alles darf weiter ziehen. So wie Wolken, die am blauen Himmel vorbeiziehen. Vor allem lernt man so, sich nicht an Gedanken festzukrallen, die ja so häufig wie Haufen- und Sturmwolken herumstöbern.

Wenn ich ein Jucken auf der Nase spüre, nehme ich meinen Impuls wahr, mich zu kratzen: Nun kann ich entscheiden „Muss ich mich jetzt wirklich kratzen?“ Oder was ist dieses Jucken eigentlich genau? Wie fühlt es sich an? Und woher kommt dieser sofortige Impuls: „Kratz dich“! Falls es aushaltbar ist, entscheide ich mich dafür, still sitzenzubleiben und meine Hand nicht zur Nase zu bewegen.

Das bedeutet nicht, starke Schmerzen ertragen zu müssen. Falls mein Bein einschläft und sehr schmerzt  – wie das am Anfang meiner Meditationspraxis häufig passiert ist, es war das Linke –, dann kann ich bewusst wählen: Ok, jetzt verändere ich meine Position. Es geht dabei nicht um Marter, die man durchzustehen hat. Schon gar nicht um eine Körperfeindlichkeit. Doch kann ich so auf dem Kissen oder Stuhl sitzend Muster beobachten, die ich dann wiederum auch im Alltag bemerke – und reagiere dann nicht reflexartig, sondern habe die Freiheit, bewusst zu wählen, wie ich mich verhalten will.

Focusingartiges „Embodied Inquiry“

Mit dem focusingartigen „Embodied Inquiry“ (etwa „verkörperte Selbsterforschung“) erforsche ich, was in mir auftaucht. Auch hier darf alles sein, was in mir ist. Ausgangspunkt kann ein Thema sein, das mich gerade beschäftigt oder belastet. Oder ich will einfach in mich hineinspüren und herausfinden, was sich jetzt gerade zeigen will.

Genau wie beim "einfach Sitzen" ist auch beim Embodied Inquiry der Zugang über den Körper grundlegend. Wenn ich beispielsweise eine diffuse Angst wahrnehme rund um die Corona-Situation, dann kann ich mit diesem Thema in mein Inneres gehen. Und das erste, das auftaucht, ist vielleicht ein „Etwas“ in meinem Magen. Dieses Etwas erkunde ich näher. Was genau spüre ich? Welche inneren Bilder sind da? Welche Gefühle sind damit verbunden? Sind da vielleicht Erinnerungen?

Wie bei der Meditation geschieht auch das in einer nicht-wertenden Haltung. Nichts, was auftaucht, bewerte ich als schlecht oder „das darf nicht sein“. Oder, wenn ich das tue, dann schaue ich mir den Teil in mir an, der diese Bewertung vornimmt. Ich erkunde als „Selbst-in-Präsenz“, ich identifiziere mich nicht mit einem oder mehreren der Anteile in mir. Ich bin mit allen Anteilen, in einer aufmerksam-freundlichen Haltung. So, als würde ich mit allen meinen Anteilen am Teetisch zusammensitzen. Ich höre allen aufrichtig zu.

Lade ich beim Focusing meine Anteile zum Tee ein, so begrüße ich sie in der Meditation freundlich bei der Tür – und begleite sie sofort zur Hintertür, wo ich sie ebenso freundlich wieder verabschiede.

Bewegung durch „Embodied Movement“ und Feldenkrais

Durch „Embodied Movement“ kommt noch der Aspekt Bewegung hinzu. Die Bewegung ermöglicht, nochmals mehr die Verbindung zum Boden zu spüren und mich aus der Mitte, meinem Kraftzentrum, heraus zu bewegen. In der Bewegung kann ich Muster erspüren, die sich buchstäblich „verkörpert“ haben: vielleicht merklich als Verspannung, als ruckartige Bewegungen oder als körperliche Grenze. In der achtsamen Bewegung können sie sich verändern.

Embodied Life arbeitet stark mit der Feldenkrais-Methode. Diese Methode selbst hat mir in einer Phase großer Umbrüche sehr geholfen. Und ich habe damit auch Wesentliches über Grenzen gelernt.

TAE – Thinking at the Edge

Seit ich Focusing kennengelernt habe, hat mich auch die philosophische Ebene von Eugene Gendlins Arbeit angezogen. Gendlin hat aus seiner Philosophie des Impliziten sowohl Focusing als auch TAE ­Thinking at the Edge entwickelt (Letzteres wurde als Prozessmodell vor allem von seiner Frau Mary Hendricks ausgearbeitet).

Mich hat beschäftigt, wie wir zu einem kreativen Denken kommen können. Inwieweit Denken wirklich bloß ein Mess- und Zahlenspiel ist, bei dem wir uns auf eine scheinbar objektive Wirklichkeit beziehen und uns Selbst mit unserem Sein nicht einbeziehen. Oder etwas, das nur Philosophen und Wissenschaftlern vorbehalten ist. Oder etwas, das wir uns in der Schule mühsam aneignen - und dann froh sind, wenn die Ausbildungszeit vorbei ist.

Bei Thinking at the Edge habe ich gemerkt: Hah, da hat jemand aufgegriffen und ausgearbeitet, was ich als bedeutsam gespürt hatte: Wie können wir wahrlich kreativ denken? Schöpferisch mit der Sprache umgehen. So denken, dass wir unser inneres Erleben einbeziehen, unseren Körper. So denken, dass es mit uns selbst etwas zu tun hat. Dass es unser Herz miteinbezieht. Und wir damit neue, lebensdienliche Antworten und Lösungen finden: individuell und kollektiv. Und vor allem auch so denken, dass wir den Denkprozess genießen können.

In meinen Artikeln "Thinking at the Edge und Interbeing" und "Thinking at the Edge für Lebendigkeit und Wandel" schreibe ich ausführlicher darüber, warum ich in dieser Methode so viel Potenzial sehe.

Ich bin Russell Delman, Eugene Gendlin, Ann Weiser Cornell und Elmar Kruithoff sehr dankbar für das, was ich von ihnen lernen durfte und weiterhin lerne. (Bei Eugene Gendlin nicht in persönlichem Kontakt, sondern mit Büchern, einem Online-Kurs und DVDs). Das, was ich lerne, das, was ich erlebe und übe, darf einfließen in die individuelle Art und Weise, wie wiederum ich es in die Welt gebe.

Und im Laufe der letzten Jahre sind noch andere Lehrer*innen dazu gekommen. Doch davon zu einem anderen Zeitpunkt.

Siehe auch: "Meine Lehrer*innen: Ein persönliches Dankeschön - Teil 1"

Bild: Gabriela Piwowarska, Pixabay

Regina Schlager

Regina Schlager öffnet im Einzel- und im Gruppensetting Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus die eigene Berufung zu gestalten. Sie ist Co-Inhaberin und Co-Geschäftsführerin der ReConnect GmbH. Seit Juni 2019 leitet sie die Gaia-Akademie Schweiz in Zürich.

Schlagwörter: Wachstum, Achtsamkeit, Koerperwissen, Selbstfreundschaft, Veraenderung, Lernen, Embodiment

Kommentare werden vom Moderator freigeschaltet

Kommentar hinzufügen

* Felder sind erforderlich