Ist Entschleunigung eine reine Luxusfantasie?

15. April 2020, Regina Schlager

Ich gestehe etwas: Ich genieße die Entschleunigung, die ich in den letzten Wochen spüre. Aufgrund der Corona-Quarantäne hat sich mein innerer „Ich-muss-was-tun“-Schalter sehr weit in Richtung „innere Ruhe“ gedreht. Tatsächlich tue ich in diesen Tagen Einiges: Von meinem Arbeitszimmer (und manchmal vom Wohnzimmer oder Esstisch) aus halte ich Coachings online ab, ich gebe Online-Workshops, ich schreibe, ich entwickle Ideen. Ich backe Brot, koche und stelle Waschmittel aus Seife und Soda her. Ich nehme mir mehr Zeit für meine Achtsamkeitspraxis, ich mache Gymnastik und strample auf dem Hometrainer. Wenn ich hinausgehe, um spazieren oder einkaufen zu gehen, dann öffnet sich jede Pore, um die Frühlingsluft einzusaugen. Ich trinke die Farbenpracht auf den Balkonen. Selbst bin ich auch viel auf meinem Balkon – und trete auf innigere Weise als zuvor mit den Pflanzen dort in Kontakt.

"Die Romantik der Entschleunigung [...] halte ich für eine reine Luxusfantasie von Privilegierten" (Bernhard Pörksen)

Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft in Tübingen (ich schätze ihn sehr seit seinen feinfühlig-gescheiten Dialogen in Buchform mit dem konstruktivistischen Physiker und Philosophen Heinz von Förster), sagt in einem Interview auf Watson: „Die Romantik der Entschleunigung, die jetzt von manchen empathiefreien Intellektuellen propagiert und gefeiert wird, halte ich [...] für eine reine Luxusfantasie von Privilegierten. Sie ist praktisch illusionär und hat so überhaupt nichts mit der Realität derjenigen zu tun, die nicht wissen, ob sie nächsten Monat ihre Miete bezahlen können oder ob sie überhaupt noch einen Job haben, wenn das alles vorbei ist.

Das ist natürlich Nahrung für die Stimme in mir, die mir in meine entschleunigt-fröhliche Laune hinein sagt: „Und was ist mit den Menschen, denen es jetzt so richtig mies geht? Die ihren Job verloren haben und nicht wissen, wie es finanziell weitergeht? Die in einem Dauerzustand der Angst leben? Und gar nicht erst zu reden von Ländern wie Indien, wo Hunderttausende aufgrund fehlender Aufträge in den Textilfabriken keine Arbeit mehr haben und nicht wissen, was sie ihren Kindern zu essen geben sollen – wo tatsächlich Hunger und Verhungern die Konsequenz ist.“

Spüre ich dann näher hin auf die Resonanz in mir auf diese „reine Luxusfantasie von Privilegierten“ kommt ein: Ja. Und.

Ja. Es gibt jetzt Auswirkungen, die existentiell bedrohlich sind. Und damit verbundene Ängste. Menschen in dieser Lage zu sagen: „Komm, nutz doch die Chance jetzt und entschleunige. Ich tu das momentan auch im Home-Office, tut richtig gut!“ wäre tatsächlich nicht einfühlsam. Es wäre zynisch, wenn nicht grausam.

Und. Nicht alle befinden wir uns jetzt in einer so bedrohlichen Lage. Es gibt auch verschiedene Formen von Ängsten. Manche fühlen sich so an, als stände unser Leben auf dem Spiel. Tatsächlich aber haben wir noch genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und vielleicht auch noch Erspartes auf dem Bankkonto. Mir geht es so.

Und daher fühle ich mich umso mehr aufgerufen, mich mit solchen "Luxus"-Themen zu befassen.

Nicht, um anderen in einer Notlage zynisch abgehobene Ratschläge zu geben. Doch ich finde es sehr wichtig, dass wir in dieser Situation tiefer schauen. Und um das zu tun, braucht es einen Zustand der inneren Ruhe. Was sind die systemischen Ursachen dieser Krise? Und wie gehen wir aus ihr hervor, wie geht es weiter, wie wollen wir weitergehen? Oder wollen wir einfach „zurück zum Normalen“ – wie sieht diese Normalität für uns aus? Wenn uns doch die Krisensituation jetzt so viele Symptome heraufspült, die zeigen, dass in dieser „Normalität“ eigentlich vieles gar nicht funktioniert.

Nehmen wir die Beschleunigung einfach als gegeben hin? Ist das die Rückkehr zum Normalen? Das stete Wachstum? Die stete Digitalisierung? Das ist ja nicht naturgegeben. Das ist von uns Menschen gemacht.

Sicher werden wir nicht sofort Antworten auf all das finden, nicht ein „neues Normal“, wo plötzlich alles rosarot-heile-Welt ist. Doch sind Visionen einer lebenswerteren Zukunft bloßer Luxus? Für mich schließen solche Visionen auch das Wahrnehmen der derzeitigen Realitäten ein. Es ist kein Wegschauen. Im Gegenteil: Es ist ein waches Hinschauen. 

Und ja, es mag sehr unfair sein, dass ich mich diesen Themen jetzt widmen kann - während jemand anderer seinen Job verloren hat und nicht mehr ein und aus weiß.

Doch soll ich deshalb sagen: OK, dann darf auch ich keine tieferen Fragen stellen? Darf auch ich nicht neue Antworten suchen? Dann darf auch ich keinen Zustand der inneren Ruhe und Entschleunigung erleben – sondern muss auch ich voller Angst und Unsicherheit sein? Ich finde, dass das eine sehr fantasielose Antwort wäre. Unsere Fantasie ist wichtig. Unsere Imagination. Es gibt nicht einfach „die Realität“. Wir sind keine teilnahmslosen Beobachter. Wir gestalten die Zukunft mit.

 

Erhalte frischen Content per E-Mail: 1 bis 2 Mal pro Monat.
Du kannst dich jederzeit wieder abmelden.

Hier geht es zur Anmeldung für den Newsletter "Berufung gestalten"

Regina Schlager

Regina Schlager öffnet im Einzel- und im Gruppensetting Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus die eigene Berufung zu gestalten. Sie ist Co-Inhaberin und Co-Geschäftsführerin der ReConnect GmbH. Seit Juni 2019 leitet sie die Gaia-Akademie Schweiz in Zürich.

 

Schlagwörter: Zeit, Slowing-down, Selbstmanagement, Entschleunigung, Selbstfreundschaft, Veraenderung, Lebenskunst, Neue-wirtschaft, Systemtheorie

2 Kommentare

Jürg Messmer, 16. April 2020

Ja, den Kritiken muss man sich stellen, sie sind ja „objektiv“ wie die Statistiken rund um Covid-19. Sie sind jedoch deshalb Unsinn, weil sie aus selbsternannter „privilegierter“ Sicht die Wirklichkeit von Menschen beurteilen und diese auch abwerten, deren Leben, Not UND Glück wir nicht wirklich - von innen - kennen. Es gibt auch Armut, einfaches Leben, das aufmerksam und intelligent, und ideenreich gelebt wird, auch „glücklich“, das vergessen wir oft ob unserer „privilegierten“ Sicht, überzeugt von Statistiken zu Bruttosozialprodukt, Sterberaten und Wohlbefinden - unseren Beruhigungsmitteln - die nur Messbares, und Besitz, bestimmen können.

Aber auch klar, dass es oft erzwungene Armut gibt - die meist in Städteflucht, und Slums, endet - deren Ursache in verlorenem, oft jedoch „legal“ gestohlenem Land, und verbrannter Erde begründet ist. Deren Wurzeln sind leicht auch in die Schweiz zurück zu verfolgen, ins Land der „mehrheitlich“ Selbstzufriedenen. Sich dessen bewusst zu sein ist wichtig, doch kein Grund, sich nicht wohl zu fühlen und aus deinem Leben das Beste zu machen!

Regina Schlager, 17. August 2020

Danke, lieber Jürg, für deinen wertvollen Kommentar. Ich finde, du sprichst hier sehr wesentliche Aspekte an. Und - offenbar war meine Entschleunigung so tiefgehend, dass ich erst jetzt antworte ;-)

Kommentare werden vom Moderator freigeschaltet

Kommentar hinzufügen

* Felder sind erforderlich