Angst, Unsicherheit und Unklarheit in der Corona-Krise

2. April 2020, Regina Schlager

Momentan bin ich viel zuhause. Ich habe schon zuvor viel von zuhause aus gearbeitet. Jetzt aber gehe ich nur hinaus, um Lebensmittel einzukaufen und spazieren zu gehen - und das in meiner unmittelbaren Umgebung. Gestern am Vormittag habe ich eine Runde in meinem Quartier in Zürich gemacht: Am Morgen war es noch sehr kalt gewesen, jetzt war die Sonne bereits kräftig. In den Vorgärten frisches Grün, blühende Sträucher und fröhliche Vögel. Ich bin an einen Zaun gelehnt stehen geblieben, habe den Lufthauch auf meiner Gesichtshaut gespürt. Verbunden mit meinem Atem war mir fast schmerzend bewusst, wie kostbar es ist, hinausgehen zu können in den Frühling. Und nicht selbstverständlich.

Ich bin per Telefon und Zoom mit vielen Menschen in Kontakt: sehr dankbar dafür, dass es diese technischen Möglichkeiten gibt, um in Verbindung zu sein. Mein Leben ist sowohl lokaler als auch virtueller als vor der Corona-Pandemie – ein interessantes Zusammenspiel.

Alles akzeptieren, was in mir auftaucht

Mir kommt es zuweilen vor, als hätte ich mich in den vergangenen Jahren auf diese Situation vorbereitet. Wie? Indem ich lernte und geübt habe, alles, was in mir auftaucht, zu sehen und zu akzeptieren. Und mit akzeptieren meine ich nicht, dass ich alles schön finde. Es bedeutet, meine inneren Anteile – Stimmen, Gefühle, Bilder und Gedanken – nicht zu verurteilen.

Ja, da sind in diesen Tagen auch Stimmen der Angst in mir. Auch Unsicherheit. Unklarheit. Früher hätte ich wohl daraus Dramageschichten entworfen: Was wird nicht alles passieren, was mache ich dann, wie furchtbar wird das sein… Begleitet von einem fahrigen Gefühl in mir.

Und dabei hätte ich meinen Atem nicht mehr gespürt, auch nicht meine Füße auf dem Boden, es wäre mir eng gewesen in der Brust. Doch ich hätte nicht darauf geachtet. Mich nur weiter hineingedreht in den Strudel der Angst. Dann hätte es sich so angefühlt, als wäre ich nur noch das, als bestünde ich alleine aus dieser Angst, die mich hinabzieht in ein schwarzes Loch. Vielleicht wäre es gar nicht soweit gekommen, sondern ich hätte den Fernseher aufgedreht oder etwas gegessen, obwohl ich gar keinen Hunger gehabt hätte. Mich irgendwie abgelenkt, um das schwarze Loch nicht spüren zu müssen oder es zu stopfen.

Ein erster Schritt: Innehalten und sich spüren

Menschen, mit denen ich in meinen Coachings und Gruppen arbeite, erzählen von Themen, die sie jetzt belasten: Angst um die Gesundheit der Eltern, wirtschaftliche Existenzsorgen aufgrund drohendem Jobverlust oder Auftragseinbruch, Schwierigkeiten, die neue Sitation mit Home-Office und Kinderbetreuung zu vereinbaren, die Herausforderung, den Arbeitstag jetzt anders und neu zu strukturieren und den Alltag zu organisieren. Und wie gehen wir als Gesellschaft mit all dem um, wie geht es weiter? Damit sind Gefühle verbunden, die sie als negativ und sehr unangenehm empfinden.

Ich lade sie dann als ersten Schritt dazu ein, innezuhalten und sich zu spüren. Ganz konkret. Körperlich. Den Kontakt zum Boden wahrnehmen, das Einströmen und Ausströmen des Atems. Das erlaubt eine Pause. Und die wird meist als erfrischend und beruhigend zugleich erlebt.

Und dann wird es möglich, sich den Gefühlen näher zuzuwenden – ohne sich mit ihnen zu identifizieren und in von ihnen mitgerissen zu werden. Denn ich bin immer mehr als diese Angst oder diese Unsicherheit. Etwas in mir ist ängstlich. Etwas in mir ist unsicher. Und ich kann dieses Etwas sehen und mit ihm in Kontakt treten.

P.S.: Wenn ich von Angst schreibe und zu einem Schritt einlade, damit umzugehen - dann ist mir bewusst, dass es verschiedene Formen der Angst gibt: auch wirklich existentiell bedrohliche Situationen, gerade auch jetzt in der Corona-Pandemie. Für manchen kann es als Luxus erscheinen, sich mit solchen Fragen gerade jetzt zu befassen. Doch umsomehr sind Leute wie ich aufgerufen, das zu tun, die immer noch genug zu essen haben, ein Dach über dem Kopf und keine Gewalt erleben.

 

Erhalte frischen Content per E-Mail: 1 bis 2 Mal pro Monat.
Du kannst dich jederzeit wieder abmelden.

Hier geht es zur Anmeldung für den Newsletter "Berufung gestalten"

Regina Schlager

Regina Schlager öffnet im Einzel- und im Gruppensetting Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus die eigene Berufung zu gestalten. Sie ist Co-Inhaberin und Co-Geschäftsführerin der ReConnect GmbH. Seit Juni 2019 leitet sie die Gaia-Akademie Schweiz in Zürich.

Schlagwörter: Slowing-down, Selbstmanagement, Entschleunigung, Stressbewaeltigung, Achtsamkeit, Koerperwissen, Selbstfreundschaft, Lebenskunst, Embodiment

Kommentare werden vom Moderator freigeschaltet

Kommentar hinzufügen

* Felder sind erforderlich