Vom Corona- zum Courage-Virus

19. Mai 2020, Regina Schlager

Zugegeben, „eine Krise ist eine Chance” klingt für mich zuweilen schon ziemlich platt. Ich will die Auswirkungen, die sich aufgrund der Corona-Situation ergeben, auch keinesfalls schönreden. Oder die Gefühle von Menschen, die in Not geraten, ins Lächerliche ziehen. (In der Schweiz und in Österreich stellen sich schon viele Menschen bei Essensausgaben an. Und die Vereinten Nationen warnen von einer "Hunger-Pandemie" in Ländern außerhalb von Europa.) Und doch liegt Wahrheit in dieser abgedroschenen Phrase. Sie lenkt unseren Blick auf Möglichkeiten. Was wäre, wenn wir statt Corona-Viren Courage-Viren streuen würden?

Es ist weiterhin wichtig, dass wir uns und andere vor einer physischen Ansteckung mit dem Virus bestmöglich schützen. Gleichzeitig ist es aus meiner Sicht sehr energieraubend, wenn wir uns total von Angst bestimmen lassen. Und es kann uns auch total lähmen. Wir sehen uns dann als hilflose Opfer und kommen schlimmstenfalls nicht mehr aus dieser Opferrolle heraus. Und wir haben dann meist auch nicht den inneren Freiraum, um anderen zu helfen.

Corona-Virus, Pixabay PIRO4D

Diese Abbildung vom Corona-Virus ist ja tatsächlich sehr schön. Mich erinnert sie an das Logo des Courage Circle, die Pusteblume.

Was wäre, wenn wir uns jetzt individuell und gemeinsam auf unsere Stärken besinnen? Wenn wir Dinge wagen, über die wir uns zuvor nicht drüber getraut haben? Und dann vom Feedback lernen und Schritt für Schritt weitergehen? Noch nicht Hand in Hand, wenn wir nicht im gleichen Haushalt wohnen, aber doch auf anderen Ebenen miteinander verbunden.

So streuen wir den Courage-Virus. Wie die Samen der Pusteblume.

Wie bei der Pusteblume des Löwenzahns können wir nicht genau wissen und nachverfolgen, wo die Samen mit ihren Fallschirmchen hingelangen und ob sie aufgehen. Doch wir können darauf vertrauen, dass sie etwas bewirken.

Logo Courage Circle

Das verlangt Mut von uns. Es verlangt die Ehrlichkeit, auf das zu hören, was uns wirklich wichtig ist. Auf unser Herz zu hören.

Dem Herzen ist es ziemlich egal, was „die anderen denken”. Dass wir uns blamieren könnten. Das Herz sehnt sich nach authentischem Ausdruck: und dieser Selbstausdruck wird nicht immer elegant und eloquent sein. Vielleicht stottern wir herum, werden rot oder halten das Bild einer vermeintlich Dreijährigen in Händen. Sei’s drum!

Das alles darf in kleinen Schritten passieren, die uns nicht gleich total überfordern. Das kann ein persönlicher Entwicklungsschritt sein. Oder wir entscheiden uns für eine konkrete Tat, um jemandem zu helfen.

Ein aktuelles Beispiel aus meinem Leben: Ich habe einen Menschen kontaktiert, wo ein paar Jahre lang „Eiszeit” herrschte. Wir haben nicht mehr miteinander kommuniziert.

Als ich die Entscheidung getroffen hatte, meine Fühler auszustrecken, begegnete ich inneren Ängsten. Als ich das näher untersuchte, merkte ich, dass ich – hinter allen vorgeschobenen Argumenten, die Kontaktaufnahme zu unterlassen – vor allem Angst vor Ablehnung hatte. Angst, diese Person könnte negativ auf meine Kontaktaufnahme reagieren und mich zurückweisen. Als ich dann offen auch für diese Reaktion war, wurde es mir möglich, zum Handy zu greifen und anzurufen.

Denn ich wusste: Mir ist es sehr wichtig. Und ich tue etwas, was mir mein Herz sagt; und nicht, weil „ich es tun sollte”, „es sich so gehört” oder „ich es sonst später bereue”.

Ich habe mich also nicht länger zurück gehalten aus Angst, die Reaktion des anderen könnte schmerzlich für mich sein. Ich kann die Reaktion des anderen ja gar nicht kontrollieren, und ich will es auch nicht.

Letztendlich habe ich diesen Menschen telefonisch nicht erreicht. Doch ich bin froh, dass ich es versucht habe – und ich werde es nicht bei diesem einen Versuch belassen. Ich habe eine gefürchtete Erfahrung riskiert – abgelehnt, mit scharfen Worten zurückgestoßen zu werden – und dafür klopfe ich mir liebevoll auf die Schulter. Ich bin mir sicher, dass ich so auch freier wurde für weitere Schritte aus meinen echten Bedürfnissen heraus.

Was könnte ein kleiner Schritt für dich sein, um Courage-Viren zu streuen? Erzähle gerne davon im Kommentarfeld. Oder schreibe mir ein E-Mail, wenn du das nicht so öffentlich machen willst. Lasst uns den Courage-Virus mit Inspirationströpfchen weitertragen.

Bild: Pixabay PIRO4D

Regina Schlager

Regina Schlager öffnet im Einzel- und im Gruppensetting Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus die eigene Berufung zu gestalten. Sie ist Co-Inhaberin und Co-Geschäftsführerin der ReConnect GmbH. Seit Juni 2019 leitet sie die Gaia-Akademie Schweiz in Zürich.

Schlagwörter: Wachstum, Achtsamkeit, Veraenderung, Kommunikation

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