Wie dich der freie Fluss deiner Gefühle empowert

11. Juni 2020, Regina Schlager

Momentan befinden wir uns aus Sicht des Gaia-Prinzips in der Phase „Flow und Wachstumshöhepunkt“. Was hat das mit dem Umgang mit unseren Gefühlen zu tun? Sehr viel: Wenn du alle Gefühle, die in dir auftauchen, offen und achtsam wahrnimmst, dann befreist du Anteile in dir, die feststecken. Du findest zurück zum vollen Spektrum deiner Lebendigkeit.

In Zürich regnet es seit einigen Tagen. Vielleicht ist ja das erste Bild, das dir bei Flow und Wachstumshöhepunkt in den Sinn kommt, mit Sonne, Wärme und strahlend-bunten Blüten verbunden. Bei mir ist das jedenfalls so. Regen kann da störend wirken. Hält er uns nicht davon ab, rauszugehen, uns genüsslich im Freien zu bewegen und gemeinsam mit anderen zu feiern?

Wasser, Gefühle und Flow

Auf den ersten Blick mag das so sein. Doch wenn ich näher hinschaue, merke ich, wie passend der Regen gerade ist. Weil die Pflanzen Wasser als Nahrung brauchen, so dringend gerade jetzt, wo es lange besonders trocken war. Und wegen der besonderen Bedeutung des Elementes Wasser.

Wasser wird meist mit Gefühlen in Verbindung gebracht. Wasser kann viele Zustände annehmen. Wasser fließt. Wenn wir unsere Gefühle zulassen, dann dürfen sie frei fließen. Wir sind im Flow.

Fluss im Wald, pixabay Hardebeck Media

Doch was heißt das eigentlich: Die Gefühle fließen frei?

Was es nicht heißt, was ich nicht darunter verstehe: Lass alles, was du fühlst, einfach raus. Denn das würde unter anderem bedeuten: Wenn du Hass auf jemanden spürst, dann attackiere ihn oder sie mit Worten oder Fäusten. Oft ist die Gewalt dabei ja subtiler. Da meint jemand, besonders spontan zu sein, indem er immer geradeheraus sagt, was er gerade denkt oder fühlt. Ich hatte eine Tante, die war so. Als Kind haben mich ihre Bemerkungen sehr gekränkt.

Wenn jemand so schlagfertig ist, besteht meist keine Pause zwischen eigener Empfindung und dem Handeln (außer diese Person agiert mit Überlegung und bewusster Absicht so verletzend). Wenn wir in dieser Weise unterwegs sind, dann handeln wir aus unseren alten, festgefügten Mustern heraus. Und wir nehmen uns aus der Verantwortung für unsere Taten. „Ja, ich habe ihm eine Ohrfeige gegeben, aber ich kann ja nicht anders, er hat mich provoziert und das hat mich wütend gemacht“.

Vom Reagieren zum Antworten

Freies Fließen von Gefühlen hat damit zu tun, dass ich meine Gefühle zulassen kann, im Sinne von: ich nehme sie wahr, sie dürfen sein - und ich entscheide dann bewusst, wie ich reagiere. Eigentlich ist es dann gar kein Reagieren mehr, es ist ein Antworten. Ich antworte in der spezifischen Situation. Im Englischen gibt es dafür die schöne Unterscheidung zwischen reaction und response.

Wenn ich meine Gefühle zulasse, dann habe ich Zugang zu meinen authentischen Gefühlen, zum ganzen Spektrum meiner Lebendigkeit. Das sind dann nicht nur Gefühle der Freude und Zuneigung, sondern auch Gefühle der Trauer, der Wut, der Angst. Doch Trauer, Wut und Angst können sich wandeln, wenn ich sie anschaue, wenn ich sie wahrnehme - und nicht gleich verurteile, wegdränge oder gar nicht zulassen kann.

Doch wie gelingt ein Zugang zu den authentischen Gefühlen und damit zu unserer Lebendigkeit?

Machen wir uns zunächst deutlicher, warum es nicht gelingt.

Ein wesentlicher Grund liegt in der Art und Weise, wie wir den Umgang mit unseren Gefühlen gelernt haben: wie es uns vorgelebt wurde und wie Erwachsene mit uns umgegangen sind. Hier spielen unsere Eltern oder anderen nahen Bezugspersonen eine ganz entscheidende Rolle. Und die Kultur, in der wir aufwachsen: mit ihren Vorstellungen, Normen und Tabus. Und in diese Kultur sind ja unsere Eltern und Bezugspersonen ebenfalls eingebunden, auch sie haben ihre Lern- und Erfahrungsgeschichte.

Als Kind nimmst du wahr, wie deine Bezugspersonen auf deinen spontanen Selbstausdruck reagieren oder antworten. Wenn du wütend bist, dann erlebst du vielleicht deine Mutter, wie sie ablehnend auf diese Wut reagiert. Du bekommst den Eindruck: „Wut darf nicht sein. Wut ist schlecht. Wenn ich wütend bin, bin ich schlecht. Wenn ich wütend bin, bin ich böse. Wenn ich nicht wütend bin, bin ich brav. Wenn ich brav bin, werde ich geliebt. Wenn ich nicht geliebt werde, werde ich verstoßen, dann sterbe ich.“

Kinder bilden sich ihre eigenen Kausalketten, also Ursache-Wirkungs-Ketten: Wenn ich X, dann Y. Wann Y, dann Z… Dahinter steht eine Grundangst: nicht geliebt, verlassen, verstoßen zu werden – was aus der Perspektive des Kindes Tod bedeutet. Und diese Kausalketten leben dann in einem fort, sie werden im Organismus abgespeichert. Und auch die konkrete Situation lebt im Körper als Erinnerung weiter.

Bist du dann als Erwachsene wütend, weil jemand etwas tut, wobei du dich zurückgestoßen oder nicht beachtet fühlst, dann kommt deine Kausalkette ins Spiel. Was tun? Du kannst in deine innere Landschaft hineingehen. Und hier den Anteilen begegnen, die bestimmte Wertungen und Glaubenssätze eingenommen haben.

Das setzt einen sehr respektvollen, achtsamen Umgang mit sich selbst voraus. Auch eine offene, neugierige Haltung. Das wird uns nicht immer idealtypisch gelingen, doch wir können uns entscheiden, das als unsere Haltung zu wählen. Und das bedeutet dann auch: Wenn es uns nicht gelingt, wir etwas in uns angreifen, verspotten, verletzen - dass wir dann auch das in Offenheit wahrnehmen und mit ihm sind.

Das „Selbst in Präsenz“

Was dafür notwendig ist, ist zunächst die Annahme und dann auch das direkte Erleben, dass es so etwas wie ein „Selbst in Präsenz“ gibt. Manche sprechen auch vom „authentischen“ oder „wahren“ Selbst. Es ist die Instanz in uns, die mit allem, was in uns auftaucht, SEIN kann. Ohne Verurteilung und Bewertung. Ohne sich mit einem Teil zu identifizieren.

Doch von dieser Position aus kann ich in einzelne Anteile hineingehen, hineinspüren - und erkunden, wie es sich von seiner Warte aus anfühlt. So z.B.: Wie ist es für diesen wütenden Anteil in mir? Wo nehme ich ihn wahr? Was nehme ich da genau wahr? An Bildern, Farben, Gefühlen, Körperempfindungen, Erinnerungen. Und welche Worte formen sich dafür in mir? Welche Worte passen?

So viel verändert sich alleine dadurch, dass sich diese Teile ENDLICH gesehen und ernst genommen fühlen.

Dir selbst zu den Eltern werden, die du nicht gehabt hast und die du dir wünscht

Du kannst mit dieser „Selbst in Präsenz“ selbst zu den Eltern werden, die du dir gewünscht hast. Statt deinen leiblichen oder Adoptiveltern dein ganzes Leben lang Vorwürfe zu machen, kannst du wählen: Ich bin jetzt Vater und Mutter für mich, für meine inneren Anteile, meine inneren „jüngeren Selbste“, die sich steckengeblieben und blockiert fühlen. Ich bin selbst verantwortlich für mich und für mein Leben.

Warum das Ganze? Weil du dich dann dafür entscheidest, deine Lebendigkeit mehr und mehr zu befreien.

Du lässt dich nicht mehr länger von den Triggern herumschleudern, die bestimmte Menschen und Situationen in dir auslösen. Du gewinnst deine Kraft und Macht (im positiven Sinne) wieder. Und nur mit diesem Empowerment, dieser deiner Power, fühlst du dich ermächtigt, deinen Weg zu gehen, dein Leben zu leben: Einzustehen für das, was dir wirklich wichtig ist. Aufzustehen, wenn etwas für dich nicht in Ordnung ist. Dich einzusetzen für das, was deinen tiefsten Werten entspricht.

 

Siehe dazu auch: Gaia-Prinzip Reifen

Bild: pixabay Hardebeck Media

 

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Schlagwörter: Leadership, Selbstmanagement, Stressbewaeltigung, Achtsamkeit, Koerperwissen, Selbstfreundschaft, Veraenderung, Lebenskunst, Embodiment

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