„Berufung klingt so groß!“

18. August 2020, Regina Schlager

Mein Jahrzehnt Arbeit als BerufungsCoach und mein persönlicher Weg mit dem Thema Berufung zeigen mir: Manche Menschen lehnen das Wort „Berufung“ ab. Es erscheint ihnen „zu groß“. Und ich kann das verstehen: Es kann einem den Eindruck geben, etwas Großes, Besonderes schaffen zu müssen. Doch muss man Berufung nicht so deuten.

Eine Zeit lang war ich nahe dran, den Begriff Berufung nicht mehr zu verwenden. Doch ich bin froh, dass ich dabei geblieben bin.  Durch dieses „Große, Besondere“ muss ich mich nicht einschüchtern lassen, und ich kann meine eigene Bedeutung des Wortes wählen.

pixabay people-2595616_1920 (Stock Snap)

Begriffe existieren nicht für sich. Wir geben ihnen Bedeutung. Und wir müssen nicht die Bedeutung eines Wortes von anderen übernehmen, wenn sie nicht sinnvoll für uns ist. Doch es ist wichtig, über unsere individuellen Bedeutungen zu kommunizieren: Um uns selbst klarer darüber zu werden und um uns mit anderen zu verständigen. (Ja, ich weiß, da geht die Philosophin und Sprachwissenschaftlerin mit mir durch 😉 - doch ich finde es wirklich wichtig! Wir reden so oft über etwas, als wäre ganz klar, was alle darunter meinen - und dass du das gleiche meinst wie ich. Aber das führt zu Missverständnissen bis hin zu Kriegen.)

Für mich hat Berufung grundlegend mit den Fragen zu tun: „Wozu bin ich hier und wie will ich meine kostbare Lebenszeit verbringen?“

Insofern ist es schon eine sehr bedeutungsvolle Frage, und eine zutiefst menschliche: Eine, die es wert ist, erkundet zu werden.

Allerdings verstehe ich Berufung nicht in dem Sinne, etwas leisten oder vollbringen zu müssen, das im Außen als besonders oder groß gilt: bei den Eltern, den Freunden, im Hochglanzmagazin oder im Karriereteil der Zeitung.

Für mich schwingt bei „Berufung“ mit, dass wir der Welt unsere Schönheit schenken. Du bist schön, wenn du du selbst bist. Dich authentisch zeigst. Echt. Aufrichtig. (Und es wird Situationen geben, wo diese Echtheit bedeutet, klare Grenzen zu ziehen und auch bewusst etwas nicht preiszugeben. Mit Authentizität meine ich also nicht totale Offenheit immer und jederzeit.)

Jeder Mensch ist einzigartig. Du, ich, wir alle sind schon auf körperlicher Ebene keinem anderen Menschen gleich. Das zeigt sich etwa in unserer Stimme und in unseren Fingerabdrücken. Und niemand hat die gleichen Anlagen, Talente, Erfahrungen und Eigenschaften wie du selbst.

Jeder Mensch ist wertvoll, ist wichtig, wird gebraucht.

Vielleicht hast du das Talent, gut zuzuhören, andere mit Humor zu inspirieren oder mehr Achtsamkeit in die Welt zu bringen.

Aus diesem Geschenk etwas zu machen, darauf kommt es an. Du kannst das Päckchen unausgepackt in eine Ecke werfen und nie wieder ansehen. Du kannst sagen: „Na, so toll ist das aber nicht. Ich hätte mir etwas anderes gewünscht, meine Schwester hat etwas bekommen, das mir viel besser gefällt!“ Oder du packst es mit Dankbarkeit im Herzen aus. Erforscht, was in diesem Päckchen drin ist. Wie du dafür Sorge tragen kannst, damit es sich entfalten kann. Und wie du etwas davon weiterschenken kannst.

Und das kann in jedem Lebensbereich sein, in jeder Rolle und in jedem Augenblick: mit deinen Kindern, beim Abwasch, beim Einkaufen, beim Yoga, beim Gespräch mit Freunden, bei einem Hilfsprojekt in der Nachbarschaft...

Schwierigkeiten ergeben sich meiner Erfahrung nach dann, wenn du glaubst, nur bestimmte Menschen hätten die Fähigkeit und auch das Recht, etwas Kreatives zu erschaffen oder etwas Wertvolles beizutragen. In der Vergangenheit hat man nur Künstler, Priester oder Nonnen als berufen angesehen. In dem Sinne, dass sie einen Ruf spüren, ganz in ihrer Kraft zu sein, sich selbst einzubringen und etwas in der Welt zu bewirken. Doch ist das nicht etwas, das auf jeden Menschen zutrifft? Gehört das nicht essentiell zum Mensch-Sein? Ich bin der Meinung: Ja!

Was bedeutet Berufung für dich? Was hältst du von dem Begriff? Hat er für dich etwas Großes und Bedeutungsschweres?

P.S.: In meinem Buch „Mutig mit dem Herzen führen. Gespräche mit Frauen, die ihre Berufung gestalten“ habe ich jede meiner Gesprächspartnerinnen am Anfang des Interviews gefragt, was sie unter „Berufung“ versteht. Da sind interessante Antworten zusammengekommen. Vielleicht magst du hineinlesen.

Bild: pixabay people-2595616_1920 (Stock Snap)

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Schlagwörter: Kreativitaet, Berufung, Lebenskunst

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