Auf deine Bedürfnisse achten

29. August 2020, Regina Schlager

Für mich hat sich auf meinem eigenen Weg und in der Arbeit als Berufungscoach etwas ganz deutlich gezeigt: Entscheidend bei der Erkundung "Wer bin ich und was ist mir wirklich wichtig?" sind die eigenen Bedürfnisse. Doch ohne es selbst in einem persönlichen Erkundungsprozess zu erleben, stößt es zunächst manchmal auf Ablehnung: Ist das nicht egoistisch? Drehe ich mich dabei nicht ständig eitel um mich? Oder auch: Ich bin doch nicht bedürftig!

Eine Krise vor 15 Jahren brachte mich zu der Frage: "Was brauchst du, damit es dir wirklich gut geht?"

Vor rund 15 Jahren schlitterte ich in eine Krise. Ich arbeitete in einem internationalen Beratungsunternehmen in Wien. In einem Bereich, der mir von der Thematik her sehr gefiel: Es ging um Wissensmanagement. Also darum, dass das Wissen im Unternehmen zirkulieren kann, möglichst über Abteilungs- und Fachgrenzen hinaus.

Ich war auf einer Konferenz, wo es um neue Erkenntnisse und Praxisbeispiele zu Wissensmanagement ging, als ich plötzlich heftige Stiche in meinem rechten Unterbauch spürte. Am nächsten Tag in der Früh waren sie so heftig, dass ich zuhause im Bad zusammensackte. Im Spital wurde eine Blinddarmentzündung diagnostizert. Ich wurde operiert.

An und für sich ist eine Blinddarm-OP heute etwas, das als "Routineoperation" bezeichnet wird. Ich habe es allerdings als sehr intensiven Eingriff erlebt. Also, selbst wollte ich es so schnell wie möglich "abhaken", wieder gesund sein, und ganz diensteifrig wieder ins Büro gehen. Doch mein Körper machte nicht mit.

So habe ich in den Wochen und Monaten nach der Operation gemerkt, dass es darum ging, diese Situation anzunehmen und mich für tiefgehende Fragen zu öffnen: "Wie gehst du mit dir um?", "Was brauchst du?", "Was tut dir gut?" Das reichte von alltäglichen und ganz praktischen Dingen wie meiner Ernährung bis zu der existentiellen Frage, wie ich eigentlich leben will.

Die Erkundung der eigenen Bedürfnisse führt in Zuversicht und Vertrauen

Meine eigene Erkenntnis, wie entscheidend die Frage nach den eigenen Bedürfnissen ist, hat sich dann bestätigt, als ich die Ausbildung zum Berufungscoach Wave gemacht habe. In diesem Prozessmodell von Prof. Dr. Alexander Kaiser aus Österreich steht die Frage "Was brauche ich, damit es mir wirklich gut geht?" am Anfang des Prozesses.

Diese Ausbildung ist nun 10 Jahre her. Und ich habe in der Begleitung von Menschen in Coachingprozessen seitdem erleben dürfen, wie sehr die Beschäftigung mit dem, was "mir wirklich gut tut" befreit und ins Vertrauen bringt. Und vor allem auch ermöglicht, die weiteren Schritte zu gehen.

3 Voraussetzungen, um über die Hindernisse bei der Beschäftigung mit deinen Bedürfnissen zu klettern

Meine Erfahrung zeigt mir auch, dass der Beschäftigung mit den eigenen Bedürfnissen Hürden im Weg stehen. Und dass es mindestens drei Voraussetzungen gibt, über diese Hindernisse zu klettern.

1) Dir die Erlaubnis dazu geben

Ausschlaggebend ist die Erlaubnis, dich überhaupt damit zu beschäftigen. Dir das zuzugestehen. Denn für viele sitzt tief: "Aber das ist doch egoistisch, ich trenne mich damit ja von anderen ab". Und das ist auch nicht erstaunlich in einer Gesellschaft, wo es so häufig um ein ellbogen-remplerisches "Ich, Ich, Ich zuerst!" geht. Und in der Bedürfnisse zu haben gleichgesetzt wird mit, "schwach zu sein" und daher abgelehnt zu werden.

2) Zugang zum inneren Fühlraum und Spürraum

Was es ebenfalls braucht, ist ein Zugang zum inneren Fühlraum und Spürraum. Denn die eigenen Bedürfnisse sind nicht etwas, das sich rein intellektuell erforschen lässt.

3) Selbstmitgefühl

Es ist wichtig, in welcher Haltung du mit deinem inneren Erleben in Kontakt bist. Für mich hat sich herausgestellt, dass Selbstmitgefühl ganz entscheidend ist. Wenn ich selbstmitfühlend bin, dann begegne ich mir selbst mit liebevoller Freundlichkeit. Ich erlebe eine Instanz in mir, die in liebevoller Präsenz mit allem sein kann, was auftaucht – ohne mich mit einem Teil zu identifzieren. Eine andere Haltung wäre, meine inneren Anteile in gleißendem Licht in ein Kreuzverhör zu nehmen, oder wie mit verschränkten Armen, als teilnahmsloser Beobachter, auf mein inneres Erlebnis zu schauen.

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Schlagwörter: Achtsamkeit, Selbstfreundschaft, Lebenskunst, Selbstmitgefühl

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