Die Grundlagen von TAE - Thinking at the Edge

10. September 2020, Regina Schlager

Der Psychotherapeut und Philosoph Eugene Gendlin sprach von der "allgemeinen öffentlichen Sprachbarriere", die wir meist nicht zu überschreiten wagen. Damit meinte er, dass wir uns nicht zu sagen getrauen, was wirklich in uns vorgeht. Und dass wir unter Denken verstehen, bereits vorhandene Wissensbausteine neu zu ordnen. Mit Hilfe der Schritte des Prozessmodells Thinking at the Edge (TAE) (siehe mein Artikel: "Thinking at the Edge für Lebendigkeit und Wandel") können wir uns üben, über die Barriere zu treten. So entsteht kreatives Denken, das Neues hervorbringt. Und das darf neugierig-spielerisch geschehen. Ich gebe hier einen kurzen Überblick über das, was grundlegend für Thinking at the Edge ist.

Der Felt Sense ist für TAE - Thinking at the Edge grundlegend

Eugene Gendlin hat sowohl Focusing als auch Thinking at the Edge begründet. Grundlegend für beides ist der Felt Sense. Mit "Felt Sense" ist die körperlich gespürte Bedeutung eines Themas oder einer Situation gemeint. Und "körperlich gespürt" umfasst sowohl körperliche Empfindungen wie warm, kalt oder ein Kribbeln im Bauch, als auch Gefühle und innere Bilder. Es ist all das, was in deiner inneren Landschaft zu dem Thema da ist und von dir erkundet werden kann. (Ausführlicher schreibe ich darüber in: Was ist ein Felt Sense eigentlich?)

Indem du etwas in deiner inneren Landschaft interessiert und ohne Druck erkundest, nimmst du etwas wahr, was noch nicht in Worte gefasst ist – und du kannst versuchen, die Worte zu finden, die dafür stimmig sind. Und das kannst du für Themen machen, die für dich in deiner persönlichen Entwicklung wichtig sind. Oder auch um ein vertieftes Verständnis zu einer Thematik zu finden: zum Beispiel, was der Begriff "Arbeit" für dich bedeutet.

TAE – Von dem ausgehen, was noch unklar ist

Thinking at the Edge gliedert sich in 14 Prozess-Schritte, die in drei Phasen gegliedert sind. In der erste Phase sprichst du über ein Thema vom Felt Sense aus. Du findest deine eigene Sprache dazu. In der zweiten Phase findest du neue Bedeutungen, ausgehend von deinen eigenen Erfahrungen. Und in der dritten Phase kannst du soweit gehen, eine Theorie oder ein Konzept zu bilden.

Ausgangspunkt ist etwas, das dir noch unklar ist. Wo du merkst: Da zieht mich etwas an, da will ich mehr darüber wissen. Oder aber: Da möchte ich einen Aufsatz dazu schreiben oder einen Website-Text. Du möchtest jemandem darüber erzählen, doch beim Versuch, das zu tun, stammelst du herum.

Meist ist uns so ein Gestammel peinlich. Vielleicht sagt unser Gesprächspartner sogar: "Was redest du da so wirr herum? Was willst du eigentlich sagen? Komm auf den Punkt." Das Schöne bei TAE ist: Es geht eben nicht darum, sofort auf den Punkt zu kommen. Dass dich da etwas anzieht, jedoch noch neblig-unklar ist, das zeigt an: Halt, da ist etwas Wichtiges, da kündigt sich etwas Neues an. Gib dir Zeit, gib diesem Etwas Zeit. Damit es sich entwickeln kann.

"Dafür brauchen wir Sie nicht, wir haben es bereits in der Bibliothek."

Gendlin schreibt in einem seiner Aufsätze, dass er mit Studenten an der Universität von Chicago mit Thinking at the Edge gearbeitet hat. Und für sie war es total neu, in dieser Weise an Themen heranzugehen. Wenn ein Student sofort sehr klar über etwas sprach, dann sagte Gendlin zu ihm: "Dafür brauchen wir Sie nicht, wir haben es bereits in der Bibliothek."

Ein geschützter Rahmen für den schöpferischen Prozess

Wie beim Focusing ist es auch bei Thinking at the Edge hilfreich, nicht alleine, sondern mit einem Partner zu arbeiten. Und dafür gibt es einen geschützten Raum mit klaren Regeln.

  • Klare Aufteilung der Rollen in Zuhörenden und Sprecher
  • Der Zuhörende kümmert sich um die Zeit und schreibt für den Sprechenden stichwortartig mit (das Mitschreiben ist beim Focusing meist nicht so wichtig)
  • Beide bringen sich in einen Zustand der Gegenwärtigkeit; der Zuhörende hört interessiert und aufmerksam zu. Er enthält sich persönlicher Kommentare; anders als im Focusing ist es wichtig, dass er dem anderen inhaltlich folgt und zu verstehen gibt, wenn er nicht aufmerksam bei der Sache war ("Könntest du das bitte wiederholen?")
  • Besondere Vertraulichkeit: der Zuhörende spricht nicht mit anderen über das, was er vom Sprechenden gehört hat, und spricht diesen auch nicht nach den Zweier-Settings von sich aus darauf an.

Der Zuhörende macht dem Sprecher damit ein unbeschreiblich wertvolles Geschenk: Er schenkt seine Zeit und seine Präsenz, er hält einen wertschätzend-achtsamen Raum. So kann der Sprechende sich vertrauensvoll mit seinem Felt Sense zum Thema verbinden und die zarten Pflänzchen dessen, was sich zeigt, in Worte zu fassen versuchen.

Und der Sprechende schenkt dem Zuhörenden sein Vertrauen, seine Offenheit und Verletzlichkeit. Und er lässt den anderen zum Zeugen für seinen kreativen Prozess werden.

Individueller Denkprozess vor einem Gruppenprozess

Ich habe früher oft in Brainstorming-Settings gelitten – mit flauem Unbehagen bis hin zu Übelkeit. Ich merkte, dass das nicht der richtige Rahmen für mich ist, um wirklich Kreatives aus mir zu schöpfen. Gendlin hat betont, wie ausschlaggebend es ist, nicht zu schnell mit anderen über die eigenen zarten Pflänzchen zu reden, außerhalb eines geschützten TAE-Rahmens. Er hielt es für sehr wichtig, dass wir zuerst Zeit und Raum für unseren individuellen Spür-Denkprozess haben, bevor wir unsere Erkenntnisse mit anderen in Gruppenprozessen teilen und in der Gruppe damit weiterarbeiten.

Das ist eine ganz andere Auffassung als: Machen wir sofort ein Brainstorming, los, los, sei kreativ, raus damit! Das kann ja auch mal durchaus sinnvoll sein, aber wohl nicht für wirklich tiefgehende Prozesse, wo wirklich jede Person – auch die Stille – einbezogen ist und wir auch als Gruppe oder im Unternehmen die "allgemeine öffentliche Sprachbarriere" überschreiten.

Vielleicht auch interessant für dich:

Was ist ein Felt Sense eigentlich? (Blogartikel vom 23. Juli 2020)

Thinking at the Edge für Lebendigkeit und Wandel (Blogartikel vom 27.03.2020)

 

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Schlagwörter: Achtsamkeit, Kreativitaet, Focusing, Neues-denken

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