Wie ich die Corona-Zeit erlebt habe - ein persönlicher Bericht zu Resilienz

20. Mai 2021, Regina Schlager

In diesem Blogartikel möchte ich dir gerne erzählen, wie ich die Zeit seit März 2020 erlebt habe, dieses außergewöhnliche Jahr mit dem Corona-Virus. Alles in allem bin ich gestärkt aus diesem Jahr gekommen. Ich schreibe diesen Bericht, um zu schildern, was ich ganz persönlich im vergangenen Jahr über Resilienz gelernt habe, welche Faktoren dabei für mich eine Rolle gespielt haben. Grundlegendes zu Resilienz findest du in meinen Artikeln "Was bedeutet Resilienz?" und "Wie Resilienz in der Corona-Pandemie, Lockdown und Homeoffice hilft".

In der ersten Zeit bin ich viel auf dem Balkon gesessen. Einfach so. Habe mein Gesicht in die Frühlingssonne gehalten. Den Wind auf meiner Haut gespürt. Die Pflänzchen betrachtet. Da ist etwas von mir abgefallen. Ein „ich muss doch!“. „Ich muss doch etwas tun. Ich muss rausgehen, unterwegs sein.“ Das hat mir gezeigt, dass immer noch ein inneres Skript in mir lief, dass ich etwas tun, etwas leisten muss, um etwas wert zu sein (obwohl mir das bereits bekannt war und ich mich schon Jahre damit beschäftigt hatte). Nun nützte dieses Muster die Gelegenheit, sich nochmals in seiner vollen Pracht zu zeigen.

Ich habe den Glaubenssatz gespürt: „Du darfst doch nicht einfach hier sitzen und genießen, wo es anderen jetzt doch schlecht geht, sie gar nicht wissen, wie sie zurande kommen sollen“.

Balkon mit Pflanze - pixabay (Joao Arquimedes)

Empathie mit anderen finde ich wichtig. Der Verweis auf andere Menschen, deren Situation schwerwiegender ist als die eigene, kann jedoch auch eine Strategie sein (nicht unbedingt bewusst), um keine Initiative für sich selbst ergreifen zu müssen. Denn gerade den eher Scheuen, Introvertierten unter uns fällt es schwer, sich selbst ernst zu nehmen und für sich einzustehen: Jawohl, hier bin ich! Ich habe ein Recht, hier zu sein und gut für mich zu sorgen!

Zum Glück hatte ich bereits Erfahrungen mit Homeoffice. Ich wohne mit meinem Mann in einer Wohnung in der Stadt Zürich, in der wir auch unseren Arbeitsraum haben. Schon seit dem Beginn meiner Selbstständigkeit im Jahr 2012 hatte ich viel von zuhause aus gearbeitet. Und ich war vertraut mit Online-Medien, war schon zuvor häufig in Online-Meetings und hatte mit meinen Kund*innen neben persönlichen Treffen auch online gearbeitet. Hier traf mich die Situation also nicht unvorbereitet.

Während der Lockdowns habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, tatsächlich regelmäßige Pausen bei der Bildschirmarbeit zu machen. Und mich zu bewegen. Während der Phase des strengen Lockdowns 2020 habe ich mich nur zuhause bewegt, mit Qi Gong, Ballett-Gymnastik und Zimmerfahrrad. Bald habe ich dann auch wieder meine Spaziergänge aufgenommen. In den ersten zwei Monaten verwendete ich keine öffentlichen Verkehrsmittel und war nur zu Fuß unterwegs, hauptsächlich in unserem Wohnviertel. Das hat mir die Gegend näher gebracht.

Das ist wohl eine der positiven Auswirkungen dieser Zeit für mich: Mir ist der Ort, an dem ich wohne, vertrauter geworden: die Straßen, die Häuser, die Bäume, auch die Vögel und Eidechsen.

Was mich in dieser Zeit sehr getragen hat, waren Methoden der Achtsamkeit. Auch hier traf mich die Covid-19-Lage nicht ohne Vorbereitung. Doch nun konnte ich testen, wie weit es damit her ist 😀. Immer wieder den festen Boden unter meinen Füßen oder unter meinem Po spüren, in Kontakt sein mit meinem Atem, das ist für mich eine Basis. Wenn ich mich in Sorgen über die Zukunft verliere, zum Boden zurückkehren – und dann von dieser Standfestigkeit aus schauen, was jetzt als nächstes zu tun ist. Welcher Schritt jetzt gegangen werden will. Dieser Schritt könnte auch Nichts-Tun sein, dann aber bewusst.

Buch, Kaffeetasse, Flieder, Brille. pixabay (Sofia Livarinen)

Ich habe Nachrichten gelesen über die Covid-Situation, eine Zeitlang auch im Fernsehen angesehen, mich dann aber immer wieder auch rausgenommen aus dem Medienkonsum: am Anfang der Pandemie habe ich mir tägliche Zeiten festgelegt, an denen ich Nachrichten lese; und ich habe mich bemüht, die Dauer nicht zu überschreiten. Und ich habe das weitergeführt, was sich für mich schon seit längerem bewährt hat, nämlich Medienfasten: an Sonntagen, in den Abendstunden oder in längeren Phasen gar keine Medien konsumieren, auch keine Mails anschauen, nicht in Social Media hineingehen, das Handy auf stumm schalten.

Was kann ich mir Gutes tun? Das habe ich mich immer wieder gefragt – weil ich fürsorglich mit mir umgehen will. Ich habe wieder mehr Musik gehört als zuvor, und ich habe zurückgefunden zur Literatur. Einige Jahre hatte ich hauptsächlich Fachliteratur gelesen und auch geschrieben, mir jedoch keine Zeit mehr genommen für Erzählungen, Romane und Gedichte. Nun habe ich in dieser „Zeitverschwendung“ geschwelgt! Auch wieder begonnen, Geschichten zu schreiben. Und ich tue es weiterhin.

Ja, überhaupt: das "Zeit verschwenden" in Frage stellen. Merken, dass es ein Zugewinn an Lebenskraft, an Lebensenergie ist, wenn ich mich dem widme, was mich nährt, was meine eigene Kreativität anregt und sprudeln lässt. Bloß funktionieren, ständig nützlich sein und immerzu etwas Nützliches machen – das alles liebevoll verabschieden.

Bleistifte, Schreibhefte - pixabay (Jess Bailey)

Ich habe darauf geachtet, laufend per Zoom oder Chat im Austausch mit der Familie, mit Freund*innen und Menschen aus meinem Netzwerk zu sein. Die ersten Monate haben mein Mann und ich einen täglichen Zoom-Call für die Familie gehostet. So konnten alle aus Österreich und der Schweiz online zusammenkommen. Das hat uns auch Familienmitgliedern näher gebracht, die wir sonst aufgrund der Entfernung gar nicht so oft sehen.

Sehr geholfen haben mir meine regelmäßigen Online-Treffen mit meinen Coaching-, Embodied-Life- und Focusing-Kolleg*innen. Da Teil unserer Ausbildungen und unserer jeweiligen Arbeit tiefes Zuhören und achtsames Sprechen ist, finden wie aneinander Gesprächspartner*innen, wo wir uns offen zeigen können und wirklich gehört werden. Das war schon zuvor so, doch hat es sich gerade in der Corona-Phase als so besonders wertvoll erwiesen.

Es haben sich Themen gezeigt, wo ich merkte: Da möchte ich etwas verändern. Dafür habe ich Hilfe angenommen mit Online-Kursen und in 1:1-Begleitung. Das betrifft unter anderem meinen Umgang mit Wut oder besser, meine lange Unterdrückung von Wut-Gefühlen. Mein Eindruck ist, dass gerade jetzt sehr viel hochkommt: individuell und kollektiv. Und dass es eine große Chance ist, das jetzt anzuschauen und in lebensförderliche Qualitäten zu transformieren.

Gerade am Anfang, von März bis Herbst 2020, habe ich mich sehr damit auseinandergesetzt, was mir wirklich wichtig ist. Und was meine Arbeit ist. Was mein Eigenes ist. Was ich geben möchte und geben kann. So hat sich die ReConnect Kreis-Spirale gezeigt: plötzlich fügte sich das zusammen, was ich erlebt, gelernt und womit ich Menschen bereits seit Jahren begleitet hatte. Ein wunderbares Gefühl!

Für mich war es auch ein Jahr der Trauer. Mein Vater ist im Mai 2020 gestorben. Auch meine Mutter ist bereits tot. Elternlos. Das war ich plötzlich. Und so war es auch in diesem Sinne ein neuer Lebensabschnitt für mich. Denn schon kurz vor dem Corona-Ausbruch hatte ich gespürt, dass nun ein neuer Abschnitt kommt: Mein 50. Geburtstag war im März 2020, und den wollte ich ausgiebig feiern. Ich hatte Monate lang geplant und organisiert. Und das, obwohl ich sonst nicht so der Typ für riesige Feiern bin. Doch es hat sich für diesen Geburtstag richtig angefühlt, total angebracht. Ich wollte bei der Feier sogar etwas singen 😲 (der scheue Teil in mir sagte im Nachhinein: „Puh, gut dass es nicht soweit gekommen ist. Das hätte eine Blamage werden können.“)

Ach ja, der Gesang. Auch der hat mich durch das Jahr getragen. Ich habe vor dreieinhalb Jahren mit Gesangsunterricht begonnen. Und den Unterricht habe ich in der Pandemie online fortgesetzt. Zwischen den Gesangsstunden habe ich mehr geübt als vor den Lockdowns. Beim Singen lerne ich viel über mich und meine Muster. In diesem Jahr hat sich vieles verändern können. So war mir im Unterricht häufig regelrecht übel geworden. Das hatte zu tun mit dem „Räume öffnen in mir“ und „mich zeigen“. Jetzt gehe ich spielerischer heran, erkunde, habe Freude daran. Doch wahrscheinlich kommt dann wieder die nächste Lernschwelle, wo es sich unangenehm anfühlt. Singen ist so eine Lebensschule!

Das Unangenehme annehmen, nicht nur den Komfort suchen, denn an der Schwelle geschieht Lernen und Veränderung.

Wie ist es dir ergangen seit März 2020? Schreibe doch gerne über deine Erfahrungen im Kommentarfeld oder sende mir ein E-Mail.

Bilder:

Balkon mit Pflanze: pixabay (Joao Arquimedes)
Buch, Kaffeetasse, Flieder, Brille: pixabay (Sofia Livarinen)
Bleistifte, Schreibhefte - pixabay (Jess Bailey)

 

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Schlagwörter: Selbstmanagement, Entschleunigung, Stressbewaeltigung, Achtsamkeit, Koerperwissen, Selbstfreundschaft, Veraenderung, Selbstführung, Resilienz

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