Warum die eigenen Bedürfnisse zentral sind

9. September 2021, Regina Schlager

In der Einzelbegleitung bringe ich ziemlich am Anfang des Prozesses die Frage ein: "Was brauchen Sie, damit es Ihnen wirklich gut geht?" Ich habe beobachtet, dass es beim Thema Berufung und Sinn häufig sehr schnell um die Stärken und die Werte geht. Die sind auch grundlegend; doch habe ich gemerkt, dass die Beschäftigung mit den eigenen Bedürfnissen den fruchtbaren Boden schafft für alles Weitere. Allerdings ist das oft gar nicht so einfach.

Einige Gründe, warum die Beschäftigung mit den eigenen Bedürfnissen oft nicht einfach ist:

Wenn es um die eigenen Bedürfnisse geht, ist schnell der Einwand im Raum, dass man dann doch egoistisch sei. "Ich möchte nicht nur an mich denken. Es geht mir auch um andere und um das große Ganze."

Dabei spielt vielleicht auch die Formulierung "mir geht es gut" eine Rolle, im Sinne von materiellem Wohlstand. "Ich lasse es mir gut gehen, während andere nicht über die Runden kommen und die Welt den Bach runter geht." Das kann damit verbunden sein, sich schuldig zu fühlen für das eigene Wohlbefinden.

Manchen fällt es schwer, sich auf die eigenen Bedürfnisse einzulassen, weil sie Bedürfnisse mit "Bedürftigkeit" gleichsetzen (englisch "neediness") - etwas, wobei man schwach ist, unselbständig und von anderen abhängig.

Es gibt auch gewisse spirituelle Ideen, dass man seine Bedürfnisse zu überwinden habe, sich davon frei machen solle.

Wenn man auf die eigenen Bedürfnisse achtet, dann gestattet man sich, hier zu sein und Raum einzunehmen. Diesbezüglich kann es tiefsitzende Glaubenssätze und Muster geben, das gar nicht zu dürfen.

Die Beschäftigung mit den eigenen Bedürfnissen ist grundlegend für Wohlbefinden und Sinnerfüllung

Wer, wenn nicht ich selbst, kann gut für mich sorgen? Wenn ich es nicht selbst tue, schiebe ich die Verantwortung ab: auf meinen Partner, meine Freundin, meine Chefin, den Staat oder sonst wen.

Für mich geht es bei den eigenen Bedürfnissen um Lebensenergie, um Lebendigkeit. Niemand anderer ist dafür verantwortlich als ich selbst. Niemand anderer trägt die Verantwortung dafür, was ich aus meinem Leben mache.

Das heißt nicht, dass ich ein autarkes Wesen bin, das niemand anderen braucht. Ganz im Gegenteil! Erst, wenn ich erkunde, was mir selbst gut tut, kann ich auch anderen zugestehen, dass sie das für sich selbst tun. Treffen dann unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander, dann brauche ich den anderen nicht zu bekämpfen. Es geht dann um einen kommunikativen Prozess des Aufeinander-Einstimmens und "Aushandelns".

Ich habe es wieder und wieder gemerkt: Wenn die Menschen, mit denen ich arbeite, sich mit der Frage auseinandersetzen, was sie brauchen, damit es ihnen wirklich gut geht, dann entwickelt sich Vertrauen und Zuversicht. Es öffnet sich ein Raum, in welchem weitere Aspekte von sich selbst erforscht werden können.

Wie geht es dir damit?

 

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Schlagwörter: Selbstmanagement, Berufung, Lebenskunst, Selbstführung, Resilienz

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