Wachstum braucht (seine) Zeit

04.09.2012, Regina Schlager

Aufbauprozesse brauchen Zeit,
Zerstörungsprozesse gehen beliebig schnell
(Hans-Peter Dürr)

Ich erinnere mich: Als Kind war ich mit meiner Familie in Italien. Gemeinsam mit meiner Schwester habe ich mit Begeisterung und viel Geduld eine Sandburg gebaut: ein wunderbares Gebilde, das belebt war von Geschichten. Da kam plötzlich ein größeres Kind vorbei und zerstörte mit einem Tritt unsere Burg.

Auf meinem Balkon stehen Tomatenpflanzen. Einige Früchte habe ich bereits geernet und genussvoll hineingebissen: In mir war wieder der Geschmack der Paradeiser im Garten meiner Großeltern (dieses österreichische Wort Paradeiser für Tomaten: ich liebe es. Paradiesapfel!).

Im März legte ich Samen in einen Topf mit Erde. Den Topf stellte ich an einen hellen Ort am Fensterbrett, aber nicht unter direkte Sonneneinstrahlung. Ich hielt die Erde mit Wasser feucht. Nach acht Tagen zeigte sich die erste grüne Spitze, in den folgenden Tagen weitere. Ich konnte das Wachsen nun beobachten: jeden Tag ein Stückchen.

Dann war es bald Zeit, die Pflänzchen einzeln in kleine Töpfe zu versetzen. Als es warm genug war, stellte ich die Töpfe hinaus ins Freie, vorerst in ein vor Wind und Regen geschütztes Eck. Auch mussten sich die Pflanzen erst an die warmen Strahlen der Sonne gewöhnen. Die Tomatenstöcke wuchsen, und nochmals verpflanzte ich sie in einen anderen, nun reichlich größeren Topf.

Tomatenpflanze

Der Prozess des Wachstums braucht Zeit. Aber keine der fünf Pflanzen sieht gleich aus, ist gleich groß oder trägt die gleiche Anzahl an Früchten – obwohl sie (von meiner Warte aus gesehen) die gleichen Bedingungen vorfanden. Jede Pflanze braucht ihre eigene Zeit, hat ihren eigenen Rhythmus. Entwicklung hat ihre Eigenzeit.

Mir fällt eine Geschichte ein, die ich von einer Freundin per E-Mail als Power-Point-Präsentation bekommen habe. Kurz darauf bin ich in einem Buch von Deepak Chopra ebenfalls darauf gestoßen: Eine Raupe hat sich verpuppt. Plötzlich beginnt es sich im Kokon zu regen. Es scheint, dass das Lebewesen im Inneren verzweifelt um seine Befeiung ringt. Es bleibt zunächst stecken, von außen gesehen tut sich nichts weiter. Der Mensch, der das beobachtet, beschleunigt den Prozess: er schneidet den Kokon auf, hilft - aus seiner Sicht - dem Schmetterling heraus. Die Flügel des Schmetterlings aber sind verkrüppelt, er kann nicht fliegen.

Was lässt die Pflanze wachsen? Sie braucht die für sie optimalen Bedingungen: den passenden Zeitpunkt der Aussaat, die Erde als Nährboden, Wärme, Feuchtigkeit, die Kraft und Energie der Sonne. Ich spüre, dass es das alleine nicht ist. Da war auch Vertrauen, Neugierde, Behutsamkeit und Freude. Da war Geduld. Ich habe darauf vertraut, dass aus dem Samen eine Pflanze keimen wird. Die ausgewachsene Pflanze ist bereits angelegt in diesem kleinen Korn. Ich war neugierig auf das, was da entstehen und sich entfalten wird. Und mir wurde klar, dass ich nichts erzwingen oder beschleunigen kann. Ich war behutsam, um die zarten Triebe nicht zu verletzen. Ich habe an keinem Tag vergessen, die Töpfe zu befeuchten. In mir war eine stille, tiefe Freude über das, was da heranwächst.

Die Früchte ernte ich mit Sorgfalt, in mir ein Staunen: ja, es braucht Zeit, und doch geht es auch so schnell. In ein paar Monaten sind aus einem winzigen Samenkorn große, starke Pflanzen herangewachsen, die Früchte tragen. Diese Früchte nähren mich. Ich bereite sie zu und esse sie mit einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit für das Wunder des Lebens.

Schlagwörter: Wachstum, Zeit

2 Kommentare

Nicola Haueis at 04.09.2012:

Liebste Regina! Deine Geschichte über das "Aussamen" der Tomatenstäudlein hat mich tief berührt. Ja, wie du beobachtet hast, jedes Wesen wächst ganz individuell - hat ein eigenes Zeitempfinden etc. und von AUSSEN unterstützt alleinig, das VERTRAUEN, dass aus dem Samenkorn die schönste Pflanze wachsen wird - "ziehen und zerren" - richtet nur Schaden an. Danke für das Teilen deines inneren Reichtums! Ganz liebe Grüße - Nicola

Gudrun Kofler at 05.09.2012:

Liebe Regina, sehr gefühlvoll beschrieben und schön zu lesen. Ja, so ist es! Wir sollten uns öfters daran erinnern im Tempo des Alltags.

Auch bei im Garten meiner Tante Irma in Kärnten gab es die göttlichsten Paradeiser, deren verschiedenste Formen und Duft eine Freude waren.

Liebe Grüsse Gudrun

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