Mit Zielen in das neue Jahr

12.01.2013, Regina Schlager

Das Jahresende ist die Zeit, um auf das alte Jahr zurückzuschauen, aufzuräumen und nicht mehr Gebrauchtes oder Gewolltes loszulassen. Vielleicht haben ja auch Sie Dinge geordnet oder sich von einigen getrennt. Ich habe mich bei meiner Rückschau entschieden, mich von Glaubenssätzen zu verabschieden, die mich einengen und mein Wachstum behindern. Natürlich geht das nicht von heute auf morgen, aber der Entschluss des Loslassens war ungemein kraftvoll.

Das gab mir Schwung, um ins Neue aufzubrechen. Anfang Januar habe ich mir dann einen Tag lang Zeit genommen, meine neuen Jahresziele festgelegt und mich dazu selbstverpflichtet (im Deutschen klingt das etwas streng, das Englische committed drückt es meiner Meinung nach angenehmer aus).

Haben Sie sich auch Ziele für 2013 gesetzt? Der Jahreswechsel wird ja bei vielen von „guten Vorsätzen“ begleitet, wie wir das meist nennen. Oft halten wir diese dann nicht lange durch oder aber fangen erst gar nicht mit der Umsetzung an. Warum fällt uns das so schwer? Wann ist ein guter Vorsatz ein Ziel, das wir verfolgen und auch erreichen?

Prozesse und Strukturen

Um uns Ziele zu setzen und sie auch zu verfolgen, brauchen wir Prozesse und Strukturen: Überblick verschaffen, Prioritäten setzen, Listen führen (Papier oder virtuell), eventuell Visualisierungen einsetzen, Kalendereinträge machen, Erinnerungen einbauen usw. Wie sieht unser Zeitmanagement aus, welche Hilfsmittel wollen wir verwenden?

Es geht darum, dass wir auswählen und herausfinden, was zu uns passt. Da geht wohl nichts über Recherchieren, was es denn so gibt, von anderen lernen und vor allem: ausprobieren, wieder verwerfen oder behalten. So nach und nach bildet sich dann das eigene System heraus. Und auch das, was für uns richtig ist, wird sich immer wieder ändern – denn wir entwickeln uns ja weiter, so wie auch die Methoden und Werkzeuge.

Ein toller Blog, um sich Anregungen zu holen, wie wir uns bei der Zielerreichung organisieren können, ist zum Beispiel imgriff.com.

Das Ziel und die Beziehung zu uns selbst

Aber Prozesse und Strukturen zu haben, das alleine genügt nicht. Sie stehen eigentlich erst am Schluss. Zunächst ist da die Frage, welche Ziele wir uns überhaupt setzen. Was haben diese mit uns selbst und unseren Bedürfnissen zu tun? Da ist die Beziehung zu uns selbst angesprochen: die Art und Weise, wie wir mit uns selbst umgehen.

Welche Bewertungen treffen wir über uns? Marshall B. Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, macht mit seinen Workshop-TeilnehmerInnen regelmäßig eine Übung, in der er sie Folgendes bittet: „Erinnern Sie sich bitte an eine Begebenheit, wo sie etwas getan haben, das sie hinterher lieber nicht getan hätten. Was sagten sie da zu sich?“ Typische Antworten sind: „Das war blöd von mir“ oder „Wie konnte ich nur so was Dummes machen“. Wir kritisieren uns hier selbst für eine Handlung, die wir als falsch oder schlecht bewerten. Die Reaktion, die auf diese Art Bewertungen folgt: Wir schämen uns oder wir empfinden Schuld. Eine andere Möglichkeit wäre, aus diesen „Fehlern“ zu lernen und sie als Wachstumschancen zu sehen – denn sie zeigen uns unsere eigenen momentanen Grenzen auf. Wenn wir diese Grenzen erkennen, können wir auch darüber hinauswachsen. Scham oder Schuld würden uns daran hindern.

Rosenberg trifft nun eine radikale Aussage: „Vermeiden Sie, sich selbst zu ‚sollten‘“, d.h. verbannen sie „sollte“ bzw. „hätte sollen“ aus ihrem Sprachgebrauch, so wie auch das häufig gebrauchte müssen. Für ihn sind es Worte, mit denen wir uns selbst Gewalt antun. Und wie reagieren wir auf Gewaltherrschaft? Denken Sie an sich: Wie sieht Ihre Reaktion aus, wenn Ihnen jemand eine Forderung stellt? Höchstwahrscheinlich leisten Sie in irgendeiner Form Widerstand. Und das, weil Sie sich in Ihrer Autonomie bedroht fühlen.

Was bedeutet das nun für eigene Vorsätze oder Ziele? Wenn wir sie formulieren in der Form: „Ich sollte dieses Jahr wieder mehr Sport betreiben“ oder „Nie schaffe ich es, Ordnung zu halten, ich muss mich dieses Jahr wirklich ändern“, dann blockieren wir uns. Und wenn wir den Forderungen dennoch nachgeben, so handeln wir ohne Freude. Und geht es nicht darum, unser Leben zu bereichern? Vielleicht ist hier auch die Sprache wie so oft vielsprechend: Wenn wir „gute Vorsätze haben“, dann ist das womöglich so, als würde uns jemand etwas vorsetzen -  so wie man einem Kind einen Teller mit Spinat auf den Tisch stellt, obwohl es dieses Gemüse grauenhaft findet. Wir empfinden das uns Vorgesetzte nicht als zu uns gehörig, es entspricht nicht unserem Geschmack, nicht unserem Gusto. Wir schieben den Teller von uns weg.

Aus meiner Sicht ist es zudem hilfreich, näher nachzuspüren, warum wir dieses Ziel überhaupt gewählt haben. Welches tiefere Bedürfnis steckt hinter „Mehr Sport betreiben“? Möglicherweise ist es gar nicht in mir verwurzelt, sondern ich lasse mich beeinflussen von Medien oder den Aussagen von mir nahe stehenden Menschen.

Ins Handeln kommen

Wann bringt uns ein Ziel tatsächlich dazu, dass wir Schritte setzen, um auf das Ziel zuzugehen? Auch hier reicht es meines Erachtens nicht, die für einen selbst richtigen Methoden und Tools zur Verfügung haben. Einen Ansatz, den ich sehr schätze, bietet das Zürcher Ressourcenmodell (ZRM). In diesem wissenschaftlich begleiteten Selbstmanagement-Training werden drei Kriterien für ein handlungswirksames Ziel genannt. Eines davon ist, dass ein Ziel von einem positiven somatischen Marker begleitet wird.

Das Konzept der somatischen Marker stammt vom Neurowissenschafter Antonio Damasio: Unser Körper reagiert auf Situationen (sowohl realen als auch nur vorgestellten) mit einer körperlichen Reaktion. Meist spielt sich dies außerhalb unserer bewussten Wahrnehmung ab. Diese Reaktion ist spontan und bewertet die Situation: ist sie gut für uns, also erstrebenswert, oder schlecht und somit zu vermeiden? Dieses „Markieren“ ist beobachtbar, wenn wir sensibel darauf achten. Es äußert sich durch ein besonders „gutes Gefühl“. Wir können uns das bei der Zielformulierung zunutze machen, indem wir beobachten: plötzlich hervorbrechendes Lächeln, feucht werdende Augen, Veränderung im Klang der Stimme und anderes mehr weisen auf einen positiven somatischen Marker hin.

Dieses positive Gefühl bringt eine starke Motivation zum Ausdruck, die aus unserem Inneren kommt. Das Ziel passt dann zu unseren Bedürfnissen und Werten – und nur dann gelingt Selbstmotivation. Wenn wir  nur Ziele verfolgen, die uns selbst nicht entsprechen, sondern von außen kommen, dann macht uns das auf Dauer krank. Das zeigen wissenschaftliche Untersuchungen.

Die Wahrnehmung der Körpersignale ist nicht jedem sofort zugänglich. Hier ist es wichtig, sich Zeit zu geben und sich selbst regelmäßig liebevoll zu beoachten. Marshall B. Rosenberg spricht in diesem Zusammenhang von Selbst-Einfühlung oder Selbst-Empathie.

 

Wie sind Ihre Erfahrungen dazu? Haben Sie sich Ziele für 2013 gesetzt und wenn ja, wie gehen Sie dabei vor? Wie gelingt es Ihnen, Ziele auch wirklich umzusetzen?

 

Links

imgriff.com (Zeitmanagement, Motivation, Organisation, Tools)
Zentrum für Gewaltfreie Kommunikation (The Center for Nonviolent Communication)
Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens.
Das Zürcher Ressourcenmodell (ZRM)

 

 

Schlagwörter: Motivation, Selbstmanagement, Koerperwissen, Ziele

2 Kommentare

Annette Hexelschneider at 13.01.2013:

Hallo Regina,

habe viel zu Jahres-Fazit ziehen und neue Jahres-Ziele erreichen in den letzten Wochen gelesen und bin überrascht, wie vielfältig und umfassend die Inspirationen dazu waren. Du hast Sie mir ebenfall ergänzt. Danke dafür.

Ad "eventuell Visualisierungen einsetzen". Das kommt sicher darauf an, was einem hilft. Mir tut dieses Sichtbarmachen sehr gut und ist Garant, die Ziele nicht aus dem Blick zu verlieren.

Ich hatte dieses Jahr die Möglichkeit mit einer Freundin die Zielsetzung zu machen in einem sehr visualisierten Prozess. Wir haben in ihrem Wohnzimmer das Jahr 2013 als Strecke dargestellt und mal vom 6.1.2013 aus betrachtet und mal vom 31.12.2013. So lange bis aller Verstand und alle Emotionen sich gemeldet haben. Die so gefundenen Ziele hat jede auf die Strecke des Jahres verteilt und herausgekommen ist einen sehr berührende und sich sehr gut anfühlende Landkarte für das Jahr 2013. Die ich mir zu Haus aufgezeichnet habe und sichtbar aufhänge.

Der Unterschied zum Zielsetzen im letzten Jahr war, dass hier nicht nur Leistungszielwünsche sondern auch Herzenszielwünsche sichtbar wurden.

Für den Blick "bin ich gut unterwegs?" nehme ich u.a. das Selbsttrainings-Formular von Zeit zu Leben. Damit kann man mühelos sehen, wie man unterwegs ist. Und natürlich beherzige ich auch, was ich anderen via knowvis als Tipps gebe und werde noch ein paar Fotos/Zielbilder machen. Die mich zeigen, wie ich das Ziel erreicht habe bzw. eine starke Metpaher dafür das ich das Ziel erreicht habe.

Denn wie hat uns Prof. Kaiser doch gesagt :-) „Was wir im Auge haben, das prägt uns, dahin werden wir verwandelt. Und wir kommen, wohin wir schauen." Heinrich Spaemann

Annette

Regina Schlager at 14.01.2013:

Liebe Annette,

vielen Dank für deinen Kommentar und die Hinweise. Das bringt mich darauf, noch einen Artikel mit weiteren Quellenangaben zu schreiben. Das habe ich in meinem Beitrag ja sehr knapp gehalten. KnowVis gehört dann natürlich unbedingt dazu :-) und auch Zeit zu leben. Hast du vielleicht noch Links der Blogartikel, die dich besonders inspiriert haben?

Deine Vorgehensweise bei der Zielsetzung heuer gefällt mir sehr. Ich erlebe es auch als besonders kraftvoll, das mit jemand anderem zu machen. Bei meinem jährlichen Jahresanfangs-Ritual tue ich mich auch mit einer zweiten Person zusammen, wir nehmen uns einen Tag Zeit für unser "Business Retreat". Wesentlich ist dabei die Art und Weise: Zeit, Raum und Strukturen, um auch an die Herzensziele heranzukommen (und in Folge integrierte Kopf-Herz-Bauch Ziele zu formulieren).

Wäre interessant, das einmal in der Gruppe auszuprobieren. Vielleicht gleich noch ein Ziel für mich für Januar 2014?...

Ja, das Zitat von Spaemann ist sehr gut. Das ist zentral im Berufungscoaching.

Regina

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