Mathias Morgenthaler, Marco Zaugg: Aussteigen - Umsteigen

13.08.2013, Regina Schlager

Ziele und Zielgruppe

Mathias Morgenthaler und Marco Zaugg wollen mit ihrem Buch „Aussteigen – Umsteigen. Wege zwischen Job und Berufung“ weder einen Karriereratgeber noch ein Selbstverwirklichungs-Buch vorlegen. Von beiden gibt es ihrer Meinung nach viele. Sie möchten Menschen erreichen, die sich beruflich verändern wollen – und das kann aus den verschiedensten Gründen sein: aus akutem Leidensdruck wie Stellenverlust oder Erkrankung, aber auch einfach aus dem Bedürfnis heraus sich mit der Frage zu beschäftigen, worauf es einem ankommt im Leben. Auch Menschen, die mit ihrem derzeitigen Job unzufrieden sind, ohne noch akuten Handlungsbedarf für Veränderung zu sehen, wollen die Autoren ansprechen.

Mathias Morgenthaler und Marco Zaugg

Mathias Morgenthaler ist Journalist, er führt seit 15 Jahren Interviews mit Menschen über ihren Beruf und ihre Berufung. Marco Zaugg ist Coach und Prozessbegleiter. Beide leben und arbeiten in der Schweiz.

Über Veränderungen

Im ersten Teil des Buches gibt Marco Zaugg eine Einleitung in das Thema Veränderung. Er stellt mit dem Modell „Die vier Zimmer der Veränderung“ sehr anschaulich vor, was bei dem Prozess vor sich geht. So ist es z.B. ganz normal, dass wir uns zunächst gegen neue Situationen wehren. Wir befinden uns da im „Zimmer der Verleugnung“. Und bevor wir ins „Zimmer der Erneuerung“ treten können, gilt es noch das „Zimmer der Verwirrung“ zu durchschreiten, mit all den Ängsten und Unsicherheiten, die in diesem Stadium einfach dazu gehören.

Was bringt uns in Bewegung? Hier gibt Marco Zaugg einige Anregungen. Bei der Buchvernissage in Bern vergangenen Juni empfahl er kleine Schritte, sodass Herz und Hirn sich daran gewöhnen. So könnten wir z.B. in der Früh Tee trinken statt Kaffee. Das bringt uns in einen Veränderungsmodus. Wie sollen wir uns im Großen verändern, wenn wir so kleine Veränderungen nicht angehen und einüben?

Aussteiger und Umsteiger im Interview

"Wer nie etwas probiert, gibt dem Glück keine Chance, es gut mit einem zu meinen." (Yve Bangerter)

Der zweite Teil stellt Menschen vor, die es gewagt haben, sich und ihr Berufsleben zu verändern. In 45 Interviews schildern sie vielfältige Wege, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Die Mehrzahl der Interviewten sind Selbständige und Unternehmer. Da könnte der Eindruck enstehen, nicht angestellt zu sein sei der einzige Weg, um berufliche Erfüllung zu finden. Mathias Morgenthaler erklärte dazu bei der Buchvernissage in Bern, dass sich Angestellte seiner Erfahrung nach häufig nicht trauen, offen zu reden bzw. dass die PR-Abteilungen der Unternehmen dann einen Großteil des Interviewinhalts nicht freigeben.

Da gibt es beispielsweise auch die Künstlerin, die für den Broterwerb in einem Büro arbeitet. Und die Leserin und der Leser erfahren ebenso von der Angestellten, die in ihrer Freizeit malt. Sich selbständig machen? Viele Freunde raten ihr dazu. „Es ist immer leichter, es jemand anderem ans Herz zu legen als selber diesen Schritt zu wagen“.

Und ein weiteres schnelles Urteil könnte sein, die Gesprächspartner seien sowieso von vornherein erfolgreiche Angestellte mit einem großen finanziellen Sicherheitspolster, die dann mit ihrem Unternehmen noch mehr Geld verdienen. Das sehe ich nicht so. Ich finde in den Gesprächen eine große Vielfalt. Was den Geschichten gemeinsam ist: Diese Menschen haben Mut bewiesen. Sie reflektieren sich und ihr Verhalten. Einige sprechen an, dass es ihnen um ihre Werte geht. Da will ein Unternehmer „tanzen auf der Bühne der Wirtschaft, und zwar so, dass ich am Abend mit gutem Gefühl und gutem Gewissen einschlafen kann.“ Andere wiederum betonen, Schwerpunkte hätten sich für sie verschoben, sie erleben Zeit nun anders, einigen ist Stille wichtig.  

Selbstbestimmt zu arbeiten, etwas Eigenes zu realisieren, wird als großer Luxus beschrieben: Entscheidungen fällen, ohne einen Chef fragen zu müssen oder über 50 mit mehr Energie arbeiten als vor 25 Jahren. Doch auch die Kehrseiten kommen zur Sprache: Bei einer Event-Organisatorin wachsen Arbeit und Freizeit zusammen, jedoch um den Preis, sich keine Krankheit und kein arbeitsfreies Wochenende leisten zu können. „Es ist eine Gratwanderung. Ich muss lernen, haushälterischer mit den Kräften umzugehen.“

Das sind keine glatten Erfolgsstories, sondern auch Geschichten von Fehlern und Misserfolgen. Und dennoch gelang es diesen Menschen, immer wieder aufzustehen und weiterzugehen, oder weiterzutanzen wie im Fall von Maya Farner. Was das Geld betrifft, erzählen ein paar von riskanten Schritten im Vertrauen darauf, dass es gut gehen wird. Oft stehen dahinter Menschen, die das mittragen und sie– moralisch und finanziell – unterstützen.

Hier noch ein Zitat aus einem Interview mit Christian Wenk, das mich besonders beeindruckt hat. Er war Spitzensportler und wurde durch einen Unfall querschnittgelähmt. Nun ist er erfolgreich als Arzt und Pianist: "Ich bin überzeugt, dass wir hier eine Aufgabe haben. Unsere Lebensgeschichte macht uns mit allen Stärken und Schwächen zu dem, was wir sind. Das zu wissen, ist in der schwierigsten Situation sehr hilfreich. Wir können das Verlorene beklagen oder das Erlebte dankbar als Teil unseres Lebens annehmen. In den meisten Fällen behindern wir uns selbst."

Werkzeuge für die eigenen Schritte

Im dritten Teil finden Leserin und Leser dann Übungen, die bei den eigenen Schritten unterstützen. Marco Zaugg hat hier eine umfangreiche Sammlung zusammenstellt: Wie gelangen Sie in den Veränderungsmodus? Woher kommen Sie und wo stehen Sie? Wohin wollen Sie? Was tun, wenn Blockaden auftreten? Schön finde ich, dass man als Käuferin des Buches auf der Website auch noch zusätzliche Materialien herunterladen kann.

Fazit

Den Aufbau des Buches mit den drei Teilen finde ich sehr gelungen: Einleitung in das Thema – Inspirierende Interviews – Übungen, um sich selbst auf den Weg zu machen. Der erste Abschnitt stimmt auf das Thema ein und gibt wertvolle Einblicke, wie gewisse Muster der Veränderung ablaufen. Es ist beruhigend zu lesen, dass gewisse Hürden einfach Teil des Prozesses sind und nicht Zeichen persönlichen Ungenügens. Auch als Coach kann ich vieles mitnehmen, ich würde daher die Zielgruppe noch um Personen erweitern, die Menschen bei der beruflichen Neuorientierung begleiten. Auch wer sich schon viel mit dem Thema beschäftigt hat, findet sicher noch nützliche Hinweise und Materialien.  

Was mir fehlt, ist die Erwähnung einer weiteren Säule, die ich als ganz wichtig erachte: gegenseitige Vernetzung und Unterstützung mit Menschen, die sich ebenfalls auf dem Weg der Neuorientierung befinden. Man kann das Buch alleine lesen und die Übungen durcharbeiten, vielleicht möchte der ein oder die andere auch einen Coach oder Laufbahnberater aufsuchen, um sich professionell begleiten zu lassen. Die dritte Möglichkeit sehe ich darin, sich mit anderen auszutauschen, gegenseitig Mut zu machen und gemeinsam zu üben. Zwei oder drei dieser Komponenten miteinander zu kombinieren, ist meiner Ansicht nach besonders kraftvoll.

Das Layout finde ich übersichtlich, ansprechende Zitate in grauen Kästchen und Bilder lockern den Text auf.

Ich kann das Buch allen empfehlen, die erkannt haben: Ich will beruflich neue Wege gehen!, oder aber noch ein diffuses Unbehagen spüren bei dem, was sie derzeit tun. Es ist kein Ratgeber, der einfache Rezepte liefert oder Erfolgsversprechen gibt. Das Buch inspiriert, macht Mut, gibt aber auch Hintergrundinformationen zum Veränderungsprozess und Werkzeuge, um selbst in Bewegung zu kommen.

 

 

 

Cover Morgenthaler, Zaugg: Aussteigen - Umsteigen

 

Mathias Morgenthaler, Marco Zaugg: Aussteigen - Umsteigen. Wege zwischen Job und Berufung. Oberhofen am Thunersee: Zytglogge 2013 (ISBN: 978-3-7296-0864-1 )

 

Buchwebsite mit Materialien zum Download

Portal Beruf + Berufung

Interviews Beruf + Berufung Mathias Morgenthaler auf dem Blog von "Der Bund"

Website Marco Zaugg

 

Schlagwörter: Buchbesprechungen, Selbstmanagement, Berufung

Kommentare werden vom Moderator freigeschaltet

Kommentar hinzufügen

* Felder sind erforderlich