Flow und Leidenschaft

23.10.2014, Regina Schlager

Karl – der Lebenskünstler hat mich zu seiner Blog Party mit dem Motto „Flow“ eingeladen. Flow ist das englische Wort für „Fluss“, „Fließen“, „Bewegung“, „Strom“. Mihaly Csikszentmihaly hat das Flow-Erleben wissenschaftlich erforscht. Wenn wir uns auf den Weg machen zu erkunden, was uns wirklich wichtig ist, wie wir leben und arbeiten wollen, dann ist dieser Zustand des „im Fluss seins“ ein wesentlicher Aspekt.

Welche Aktivitäten bringen Sie in den Flowzustand?

Im Rahmen eines Coachingprozesses, bei dem es darum geht, sich selbst in der Tiefe kennenzulernen und seiner Berufung auf die Spur zu kommen, frage ich daher immer:

  • Bei welchen Aktivitäten sind Sie so richtig im Fluss, vergessen Sie die Zeit und sind ganz bei sich selbst?
  • Welche Aktivitäten haben Ihnen als Kind besondere Freude gemacht?

Flow hat zu tun mit Leidenschaft. Wenn wir etwas mit Leidenschaft tun, dann sind wir begeistert davon. Wir lieben, was wir tun.

Es ist wichtig herauszufinden, welche Tätigkeiten es sind, die uns in diesen Zustand bringen. Als Kinder sind wir diesem Aufgehen in einer Tätigkeit noch total zugänglich. Peter Michalik schreibt in seinem Artikel darüber, was er von seiner Tochter diesbezüglich lernen kann.

Welche Qualität hat Flow für Sie?

Noch wichtiger aber ist es meiner Meinung nach, welche Qualität dieser Zustand für uns hat. Denn dann können wir „Flow“ auch bei Dingen erleben, die uns zuvor langweilig erschienen sind und die wir getan haben, weil sie halt getan werden müssen. Abendessen kochen, Fenster putzen, mit den Kindern basteln, die Buchhaltung erledigen, E-Mails bearbeiten...

Natürlich können wir solche Tätigkeiten auch delegieren, dafür bezahlen, dass sie jemand anderer macht, falls das in unseren finanziellen Möglichkeiten liegt. Nur, macht nicht die Gesamtheit dieser zunächst unbedeutsam erscheinenden Dinge unseren Alltag aus? Was für eine Chance, auch sie als potenzielle Flow-Bringer zu betrachten.

Daher frage ich auch: „Wie fühlt es sich an, wenn Sie im Fluss sind?“ und lade meine Kundin ein, sich in diesen Zustand zu versetzen, ihn mit allen Sinnen zu spüren. Das ist eine Ressource, die wir in uns tragen. Und die kann wachsen, wenn wir unsere Aufmerksamkeit immer wieder darauf richten.

Wie erlebe ich selbst Flow?

Ich fühle mich bei mir und gleichzeitig ganz bei meiner Aktivität. Ich bin im Einklang mit mir und der Welt. Ich spüre Verbundenheit. Ich bin präsent im Moment, meine Gedanken tragen meine Aufmerksamkeit nicht fort. Ich erlebe mich in Beziehung mit dem, was ich tue.

Beispiele?

Ein Coachinggespräch führen. Wenn sich so etwas wie ein Tanz ergibt zwischen mir und der Kundin. Ich erlebe mich dann ganz hier. Zwischen uns entsteht ein Fluss. Allerdings vergesse ich die Zeit in dieser Situation nicht für lange, weil ich als Coach auf die Prozessführung achte, es liegt in meiner Verantwortung, die Zeit im Blick zu haben. Es sind Momente während des Gesprächs, die dann der ganzen Stunde eine besondere Qualität verleihen.

Schreiben. Wenn ich schreibe, dann erlebe ich es manchmal so, dass ich mich ganz in die Tätigkeit vertiefe. Ich bin fokussiert auf mein Tun und gleichzeitig fühlt es sich weit und aufnahmebereit an. Plötzlich sind zwei Stunden um und ich staune.

Ein Spaziergang in der Natur. Besonders im Wald, wozu ich hier in Zürich gleich in der Nähe meiner Wohnung Gelegenheit habe. Ich gehe, gehe, gehe...ich spüre den Boden unter meinen Füßen, ich nehme meine Schritte wahr, in meinem Brustkorb ist eine Weite, meine Arme schwingen locker mit, ich nehme die Sonne auf meiner Haut wahr, mein Herz klopft, ich höre Vogelgezwitscher, da ist das Geräusch von Blättern, die sachte von den Bäumen segeln, es duftet nach Herbstlaub und frisch gefällten Baumstämmen, das Gehen fühlt sich leicht an und fließend, ich gehe, gehe, gehe...

In die Welt eines Romans, einer Erzählung oder Lebensgeschichte eintauchen. Wenn ich mich wirklich darauf einlasse, dann kann ich  Zeit und Raum vergessen. Im Moment lese ich allerdings eher Fachliteratur. Das Scheiben dieses Artikels bringt mich darauf, mir mehr Belletristik zu gönnen.

Was macht ein Flow-Erleben aus?

Ich habe den Eindruck, es ist dieses Gefühl von Einssein, von Verbindung und Verbundenheit, das bei diesen Zuständen mitschwingt. Es erzeugt tiefe Zufriedenheit und auch Geborgenheit. Es hat etwas zu tun mit Hingabe an den Moment. Mich dem Fluss der Situation überlassen, letztlich dem Fluss des Lebens. Darin liegt für mich eine sehr weibliche Qualität. Wir können diese Momente nicht erzwingen, wir können sie einladen und dann zulassen.

Und wir können Rahmenbedingungen schaffen, um solche Flow-Zustände zu ermöglichen. Da kommt dann mehr die männliche Qualität der Planung ins Spiel: Uns so in unserem Alltag organisieren, dass Spielraum bleibt dafür. Dass wir in die volle Aufmerksamkeit gehen können. Zum Beispiel Zeiten der Arbeit ohne Ablenkung durch E-Mails und Social Media. Siehe dazu den Artikel von Andrea Giesler: Plane deinen Flow im Rahmen der Blog Party. Sie spricht von „geplanter Leidenschaft“.

 

Weitere Artikel zum Thema Flow finden Sie im Kommentar des Artikels "Flow - Blog Party" von Lebenskünstler.at

 

Schlagwörter: Entschleunigung, Achtsamkeit, Kreativitaet, Berufung

3 Kommentare

Andrea Giesler at 24.10.2014:

Lieben Dank für die Erwähnung. Es ist immer spannend zu sehen, welche Vielfalt bei einer Blog Party zu Tage kommt. Beste Grüße, Andrea Giesler

Peter Michalik at 24.10.2014:

Ein spannender Artikel. Das Planen kann tatsächlich helfen um Zeit zu für den "Flow" zu schaffen Danke fürs Erwähnen. Liebe Grüsse Peter

Claudia at 26.10.2014:

Interessanter Artikel :-)- Mit dem Flow beim Schreiben und Lesen haben wir auf jeden Fall etwas gemeinsam, und auch ich denke, dass man den Flow keinesfalls erzwingen kann, der kommt nur freiwillig ;)

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