Minako Seki: Was kann ich tun für das Leben und für die Welt? (Interview)

19.08.2014, Regina Schlager

Minako Seki gründete heuer das Unternehmen reEnter - Creative Dojo. Ihre Vision ist ein Haus, in dem Menschen lernen, die Einheit von Körper und Geist zu erfahren, aufmerksam miteinander zu leben und Sinn zu finden. Sie spricht mit mir über ihre Arbeit als Tänzerin, Choreographin und Workshopleiterin. Sie sieht das Potenzial in Menschen. Sie hat Vertrauen in das Leben und den Mut, ihre Träume zu leben. Im Oktober hält Minako Seki einen Workshop in Zürich ab.

Crowdfunding Seki Method Center

Regina Schlager (RS): Ende Januar bin ich auf die dreimonatige Crowdfunding-Initiative aufmerksam geworden, die damals gerade noch ein paar Tage gelaufen ist. Das Seki Method Center wurde dort beschrieben als ein physischer Ort, an dem Menschen zusammenkommen können und an dem eine Balance zwischen Kunst, Wissenschaft, Philosophie, Ernährung sowie Spiritualität angestrebt wird.

Minako Seki (MS): Die Crowdfunding-Intitiative war eine besondere Erfahrung für mich. Ich habe gemerkt, dass es mir nicht einfach fällt, um Geld zu fragen. Und wir haben auch nicht so viel Geld zusammen bekommen, wie wir uns gewünscht hatten. Viele haben es total toll gefunden, aber dann Geld zu geben ist wieder etwas anders.

reEnter creative dojo

RS: Wie ist der derzeitige Stand des Projektes?

MS: Wir haben eine Nonprofit-GmbH gegründet. Der neue Name ist nun „reEnter creative dojo“.  

Unser Ziel ist, anerkannt zu werden als öffentliches Bildungsinstitut und präventives Gesundheits- und Rehabilitionszentrum. „Creative Dojo“ meint Tanz, makrobiotisches Kochen, Heilkunde aus der traditionellen japanischen Medizin und Meditation. Diese Aspekte gehören zusammen. Das Ziel ist mittlerweile sehr klar, darüber bin ich sehr froh.

"Geist und Bewegung kann ich nicht trennen"

RS: Was ist denn deine tiefere Motivation dahinter? Gibt es so etwas wie eine Vision, die dich inspiriert hat, das reEnter creative dojo ins Leben zu rufen?

MS: Ich wünsche mir aus tiefem Herzen, dass die Menschen aufmerksam miteinander leben können. Seit 30 Jahren gebe ich Workshops. Während dieser Zeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Teilnehmer in der Tiefe ihres Herzens und in ihrem Geist Sinn gefunden haben. Solche Momente zählen zu den schönsten meines Lebens. Das ist reinigend für mich und für die Teilnehmer. Ich frage mich: Was kann ich tun für dieses Leben und für die Welt? Mit meiner Arbeit habe ich das gefunden, was ich der Welt geben kann.

In Europa basiert die traditionelle Kunst- und Medizingeschichte auf Trennung, alles wird in Kategorien eingeteilt. In der asiatischen Welt ist es das genaue Gegenteil: alles wird als eins gesehen, eins ist ganz. Aus meiner Tradition heraus kann ich Geist und Bewegung nicht trennen, das geht überhaupt nicht. Alles ist miteinander verbunden – das wollen wir in unserer Schule ausdrücken. Die Schüler lernen nicht nur Bewegung, auch die Gefühle werden einbezogen.

Mittlerweile hat auch in Europa die Kunstszene begonnen, Verbindung von Bewegung und Geist zu schaffen. Klassische Ballettänzer unterrichten Yoga, das hat ungefähr vor 15 Jahren angefangen. Aber ich kenne keine Institution in Europa zum einfach Da-Sein.

 

"Wie und was wir essen ist von großer Bedeutung"

RS: Wie war dein Weg dahin?

MS: Ich tanze schon 30 Jahre, mache 30 Jahre Choreographien und unterrichte. Ich kann am Körper lesen, was Menschen denken. Ich sehe, wie sich der Magen nach hinten drückt und erkenne, welches Problem diese Person mit sich herumträgt. Das habe ich in meinen Unterricht eingebaut. Ich sehe „Oh, sie hat so große Magenschmerzen“ – da möchte ich gerne, dass diese Person geistig und körperlich Leichtigkeit erfährt.

Wie und was wir essen ist in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung. 1993 haben ich mit dem Makrobiotischen angefangen. Das ist das traditionelle japanische Essen. Ich kenne die Gerichte von meiner Mutter. Ich habe mit Kochworkshops begonnen. Wichtig ist es, dass wir die Energie, die sich so den ganzen Tag sammelt – Chemie im Essen, Stress, schlechte Luft – säubern, um den Körper zu entgiften. Damit wir uns leichter bewegen und leichter denken können. Das gehört in der traditionellen japanischen Medizin dazu. Das kam alles sehr natürlich.

RS: Ja, für mich hört sich das so an, als hätte sich das für dich organisch entwickelt: aus der Tradition heraus, aus der du kommst und deinen Erfahrungen hat sich das weiter entwickelt – bis zum jetzigen Zeitpunkt, wo du das in seiner Ganzheit in dem Haus anbieten willst.

MS: Ja, darüber freue ich mich sehr.

"Groß anfangen heißt, Großes bekommen"

RS: Du hast am Anfang erwähnt, dass nicht so viel Geld bei der Crowdfunding-Initiative zusammengekommen ist, wie du dir gewünscht hättest. So ein Projekt setzt viel Mut voraus. Wie gehst du mit dem finanziellen Aspekt um?

MS: Ich habe die Einstellung: Besser das Geld, das mir zur Verfügung steht, jetzt benutzen als nach meinem Tod. Groß anfangen heißt, Großes bekommen. Ich hatte diesbezüglich ein prägendes Erlebnis. Mit 20 Jahren war ich mit dem Motorrad ohne Geld unterwegs, in Japan. Damals habe ich geahnt „Ich habe kein Geld, aber ich werde nicht verhungern.“ Es kam auch jedes Mal jemand, der mich eingeladen hat. Ich hatte immer Essen, ohne Geld. Das ist mein Vertrauen. Dieses Vertrauen ist mir geblieben.

RS: Ich habe den Eindruck, dass es in unserer Kultur gar nicht einfach ist, dieses Vertrauen zu entwickeln. Die Botschaft scheint zu lauten: Möglichst viel sammeln, möglichst viel sparen und auf dem Konto haben. Eine große Angst bei den Frauen, die zu mir ins Coaching kommen, ist in vielen Fällen der Verlust von finanzieller Sicherheit.

MS: Natürlich ist es manchmal nicht einfach, z.B. wenn der Kontostand schon wieder gegen Null geht. Da muss ich dann damit umgehen. Bei meinen Eltern, die bereits verstorben sind, habe ich gesehen, dass es nicht so gut ist, wenn man im Alter kein Geld hat. Also in gewisser Weise für das Alter vorzusorgen ist schon vernünftig. Aber mehr als nötig, das muss nicht sein. Wir können ja sowieso nichts nach dem Tod mitnehmen.

RS: Du investierst dein Geld in deinen Traum.

MS: Ja, genau.

"Ich kann sehen, welches Potenzial Menschen haben"

RS: Wie ist es zu der Seki-Methode gekommen? Was bedeutet Tanz für dich?

MS: Es gibt etwas, das ich sehr gut kann: Ich kann sehen, welches Potenzial Menschen haben. Ich habe immer versucht, wie ich sie dabei unterstützen kannn, dieses Potenzial herauszuholen.

Meine Bewegungsphilosophie lautet: Jeder Körper ist flexibel, egal ob alt oder jung. Das ist das Grundprinzip, dass wir biologische Flexibilität haben. Der andere Aspekt ist die Verbindung mit der Gravitation. Alle Sachen fallen, es gibt eine Verbindung mit der Erde. Vom Universum aus gesehen hängen alle Menschen. Dazu gibt es eine kraftvolle Übung, bei der wir wahrnehmen, wie Energie von der Erde aus durch den Körper fließt und beim Kopf wieder austritt. Das ist sehr physikalisch und gleichzeitig spirituell. Das unterrichte ich schon 30 Jahre.

RS: Neulich bin ich auf das Zitat gestoßen: „Spiritualität geht durch den Körper“. Häufig stoße ich auf die Vorstellung, dass Spiritualität nur mit dem Geist zu tun hat, abgehoben vom Körper. Da kommt dann leicht auch die Wertung hinein, dass das Körperliche schlechter ist als das Geistige. Das Körperliche wird als etwas gesehen, von dem man sich befreien muss.

MS: Ja, da ist wieder diese Auffassung einer Trennung. Mir geht es darum: Welches Potenzial ist da in dem Menschen? Sich bewegen, da sein, um zu lernen. Das ist es, was Spaß macht.

RS: Weil du jetzt lernen ansprichst:  In einem Workshop kann sich viel tun, es kann sich meiner Erfahrung nach sogar eine neue Welt öffnen. Allerdings, um dann weiterzulernen und das, was man da erfahren hat, ins Leben zu integrieren, das braucht meist länger. Wird es in dem Haus die Möglichkeit geben, längerfristig zu lernen?

MS: Schon seit langem mache ich jedes Jahr einen ganzen Monat einen Workshop. Da kommen Leute aus den USA, viele Menschen aus Südamerika und Europa. Das werde ich weitermachen.

Ziele und Zielerreichung

RS: Du hast erwähnt, dass das Ziel mittlerweile sehr klar ist. Wie gehst du um mit der Zielerreichung? Die Spannung liegt meiner Meinung nach darin, ein klares Ziel zu haben, um sich auszurichten, und trotzdem offen zu bleiben für das, was passiert. Diese Spannung ist sehr kreativ, nur gar nicht so leicht auszuhalten.

MS: Hier spielt Vertrauen mit. Ich habe wenig Angst. Das ist sowohl ein guter als auch ein schlechter Aspekt an mir. In der Kindheit und Jugend habe ich Dinge einfach gemacht. Ich habe zum Beispiel ein Motorrad gekauft und bin gefahren. Den Fahrschein habe ich in kürzester Zeit gemacht. Aber da ist man dann ja noch nicht wirklich in Übung. Trotzdem bin ich losgefahren. Ich habe während des Fahrens viel erlebt und habe gelernt, wie man fährt.

RS: Da bin ich ein gegensätzliches Beispiel: Ich habe den Führerschein (wie es in Österreich heißt) gemacht – und bin dann nie Motorrad gefahren. Ich war zu ängstlich. Habe es mir nicht zugetraut. So konnte ich es natürlich auch nie üben und gut darin werden. Also in dem Sinne kennst du keine Angst, du probierst einfach aus.

MS: Ich bin immer sehr intuitiv, mit dem ganz starken Gefühl: „Ich will“ – und dann gehts los. Ich denke nicht darin: Was ist die Gefahr? Was könnte kommen? Das kann natürlich auch ins Auge gehen. Ich spüre eine starke Motivation, und dann muss es unbedingt sein. Mein Körper sagt es mir und zieht los. Aber es ist nicht unbedingt chaotisch, was ich mache. Ich habe es mir angeeignet, gut zu planen. Aber da kann ich immer noch weiter dazulernen. Das Profil für ReEnter zu schaffen, an der Vision zu arbeiten, da entwickle ich mich weiter. Wenn man selbständig arbeitet, braucht man Struktur.

RS: Ich finde es ideal, wenn das Planen aus dem Intuitiven heraus kommt. Der Gegensatz wäre, zu planen ohne auf die Intuition - auf die Gefühle und den Körper - zu hören. Ohne zu träumen.

MS: Anders kann ich einfach nicht. Ich muss träumen, ganz bunt.

RS: Sonst kommen auch solche großen Dinge, wie du es gerade umsetzt, wohl gar nicht zustande. Das kann man nicht auf dem Reißbrett entwerfen. Wenn man das nur mit dem Kopf macht – oder aber, glaubt, man könnte es rein mit dem Kopf machen. Weil ich selbst glaube ja gar nicht daran, dass man den Kopf vom Rest trennen kann. Aber man kann sich die Zugänge zu seinen tieferen Quellen verschließen.

 

Im Oktober kommt Minako Seki nach Zürich! Näheres zum Workshop, den Clarissa Hurst organisiert, finden Sie hier: http://www.clarissahurst.com/#!klassen-und-workshops/cyw8

 

Links:

Reenter – Creative Dojo (Slides)

Dancing Between – Seki Method in a Nutshell (Video)

Schlagwörter: Achtsamkeit, Kreativitaet, Vision, Video, Ziele, Interview

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