Darf ich traurig sein?

22.05.2015, Regina Schlager

Kennen Sie das auch? Es gibt Tage, da ist alles grau. Ich habe letzte Woche so einen Tag erlebt. In mir wohnte eine Traurigkeit. Ich spürte Heimweh, ohne dass ich hätte sagen können, wonach genau. Ich fühlte mich unbehaust. Draußen regnete es in feinen Schnüren, die Wolken am Himmel ließen keinen Sonnenstrahl durch. Traurig sein, darf das sein? Im Mai, wo alles grünt und sprießt? Wo ich doch meinen Weg gehe und meine Berufung gestalte?

Grüne Zweige über dunklem Wasser

Es war der 15. des Monats, ich hatte mir vorgenommen, meinen Newsletter fertigzustellen und zu versenden. Ich wusste ein Thema, aber es fühlte sich schwer an, darüber zu schreiben. Ich fand nicht die passenden Worte.

Kennen Sie diesen Zustand, der sich irgendwie wackelig anfühlt? Oder auch so, als würden Sie auf einem regennassen Gehsteig entlang gehen, immer wieder auf dem feuchten Laub ausrutschend.

Ich bin gerade dabei, eine Online-Konferenz für September zu entwickeln und zu organisieren. Ich werde mit 11 Frauen Gespräche über das Thema “Berufung gestalten” führen. Wir sind also mit mir als Gastgeberin 12, eine schöne Zahl. Die Frauen erzählen von ihrem eigenen Weg, geben Impulse und konkrete Hinweise und laden zu Übungen ein. Interessierte können sich registrieren und die Gespräche anhören.

Seit zwei Jahren trage ich das in mir, vor drei Monaten war plötzlich ganz deutlich: “Jetzt ist es soweit”. Es ist ein wunderbarer Prozess, schon allein der Kontakt zu den Gesprächspartnerinnen war bisher ungemein bereichernd.

Und doch: Was für ein Riesenprojekt, ich mache das zum ersten Mal. “Kannst du das überhaupt? Wie machst du das mit der Technik, wird das alles hinhaun? Und wie willst du beschreiben, worum es dir geht, schaffst du das auch? Du findest ja noch nicht mal einen passenden Titel."

Diese Unsicherheit gehört dazu, wenn Neues entsteht. Irgendetwas wächst da in uns heran und bringt das, was bereits da ist, was bekannt und festgefügt ist, aus dem Gleichgewicht.

Das fühlt sich nicht angenehm an, und irgendwie ist es klar, dass wir uns nach Harmonie und Balance sehnen. Doch wird nicht Sicherheit heute absolut gesetzt? Wir schließen Versicherungen ab: auf unsere Gesundheit, auf Schäden jeder Art, ja sogar auf unser Leben. In Beziehungen soll es keinen Streit geben, die Arbeit muss immer Spaß machen. Es wird zu einem persönlichen Versagen, wenn wir nicht permanent in Hochstimmung sind.

Was hab ich also getan, an diesem Maitag? Ich habe das Thema des Newsletters losgelassen. Habe plötzlich gewusst, dass ich darüber schreiben will, wie es mir gerade geht. Und das zu schreiben, hat sich plötzlich ganz leicht angefühlt und ist aus mir herausgeflossen.

Auch wenn sich das vielleicht sehr eigenartig anhört: Ich sagte “Hallo” zu all dem, was ich in mir wahrnahm, buchstäblich. (Das ist eine Übungspraxis von mir. Wenn mich niemand hören kann, dann spreche ich es manchmal auch laut aus. Zugegeben, das empfiehlt sich nicht unbedingt im Gemeinschaftsbüro oder im Bus.)

All die Stimmen, Gefühle und Empfindungen: dieses "Du bist nicht gut genug", diese angstvolle Enge in der Herzgegend und der Kloß im Magen. Ich mag sie nicht alle (das wäre wohl auch etwas viel verlangt), aber ich heiße sie willkommen, so als wären sie meine Gäste. Sie schauen vorbei, bleiben für kurze oder auch längere Zeit und machen dann wieder für andere Gäste Platz. Und indem ich das tue, gewinne ich auch Abstand, ich bin dann nicht mehr so darin verstrickt. So wird das nun oft zitierte “Annehmen, was ist” für mich fassbar. Ich trete in Beziehung mit den Anteilen in mir.

Und ich lenkte, am Schreibtisch sitzend, die Aufmerksamkeit auf meine Füße. Das gab mir Halt, sprichwörtlich Boden unter den Füßen. Mein Blick fiel auf die Visionscollage über dem Tisch: ausgeschnittene Bilder aus Zeitschriften und Katalogen - bunt und lebendig -, die für mich darstellen, was ich als zukünftige Möglichkeit für ein Leben in Fülle erahne.

Die Regenlandschaft vor meinem Fenster verbreitete etwas Friedliches. Vögel zwitscherten. In mir ein sanftes Fließen. Ich fühlte mich aufgehoben. Ich nahm Zuversicht wahr, dass es gut ist wie es ist. In der Traurigkeit, aus der Traurigkeit war die Freude gewachsen, dass ich meinen Weg weiter gestalte.

Kennen Sie auch solche grauen Momente? Dürfen Sie traurig sein? Und was hilft Ihnen in solchen Situationen?

 

Schlagwörter: Wachstum, Selbstmanagement, Koerperwissen, Veraenderung, Berufung, Lebenskunst

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