Wie eine Auszeit nicht zur kurzfristigen Flucht wird

14.08.2015, Regina Schlager

Es gibt Zeiten, da ist es angebracht, statt eines Schritts nach vorne einen Ausfallschritt auf die Seite zu machen. Sich rausnehmen aus dem Gewohnten, dem oft als Trott erlebten Alltag, aus dem bloßen Funktionieren. Die Urlaubszeit bietet uns dafür eine tolle Gelegenheit. Aber wie wird die Auszeit nicht zur kurzfristigen Flucht?

Auszeit und Alltag

Ich halte sehr viel von Auszeiten. Genauso wie vom Alltag. Beides hat seine Qualität. Beides hängt miteinander zusammen. Schwierig wird es, wenn wir sie als Gegensatz betrachten.

(An der polnischen Ostseeküste, vor der Meditation bei Sonnenaufgang - mit Handy wegen Meditation-Timer-App, nicht surfend oder telefonierend;-)

Es gibt verschiedene Formen von Auszeit. Manche ziehen sich an einen ruhigen Ort zurück, mit möglichst wenig äußeren Eindrücken. Andere wollen neue Eindrücke aufnehmen und bisher nicht gelebte Talente ausleben. Mithelfen auf einer Alm, eine Reise in ein bisher unbekanntes Land, ein Meditationsretreat. Jedenfalls ist eine Art von Unterbrechung des Gewohnten im Spiel. Wir lassen uns neu und anders auf den Augenblick ein.

Es gibt Menschen, die eine Auszeit freiwillig nehmen, und es gibt Situationen, wo uns Umstände, die nicht unserem direkten Einfluss unterstehen, hineinkatapultieren: Jobverlust oder Krankheit zum Beispiel.

Reduktion und Weglassen

In diesem Sommer habe mir drei Wochen Urlaub gegönnt. Seit Jahren war das nicht mehr der Fall. Ich habe in dieser Zeit bewusst darauf verzichtet, meinen Laptop dabei zu haben, auf Social Media aktiv zu sein und E-Mails zu checken. Auch telefoniert habe ich nicht.

Zugegeben: da waren Stimmen in mir, die mir einflüsterten: “Kannst du dir das leisten? Nicht erreichbar zu sein für Interessenten, Kunden und interessante Kooperationsangebote? Der Beziehungsaspekt ist dir doch so wichtig: Wie wirkt sich das aus, wenn du nicht reagierst?” Und Töne, die in düsteren Farben schilderten, dass Unmengen an Arbeit nach dem Urlaub auf mich warten würden.

In Kontakt mit der eigenen Essenz

Der besondere Wert einer Auszeit liegt für mich in der Chance zu erkennen, was wirklich wesentlich für einen selbst ist. Wenn wir uns erlauben, Pausen einzulegen, wahrzunehmen, was gerade ist, innerlich still werden.

Zugegeben, da vernehmen wir auch schrille Töne, die uns Angst machen und verunsichern. Als hätten sie geradezu darauf gelauert, nun endlich zu Wort zu kommen. Oft weisen sie uns einen Weg in eine Richtung, der eine radikale Veränderung in unserem Leben bedeuten würde. Was Wunder, wenn wir sie normalerweise durch Aktivitäten oder Suchtmittel wie Alkohol, Internet und Shopping verdecken, ja zudröhnen.

Und da gibt es diese ganz leisen, verletzlichen Töne. Die uns ahnen lassen, wie verwundbar wir sind. Auch das nicht gerade aufbauend: Sind wir doch darauf getrimmt, stark und effizient zu sein.

Doch wenn wir geduldig mit uns sind, all diese Stimmen zulassen, ohne uns darin zu verlieren - dann dringen wir vor zu Schichten, wo wir uns fragen: Was ist mir wirklich wichtig? Wie möchte ich meine Zeit verbringen? Mit welchen Menschen will ich sein? Wie definiere ich meinen Selbstwert? Wenn ich mich oft gestresst fühle: Was kann ich weglassen? Wovon will ich mich verabschieden? Worauf will ich einen Schwerpunkt legen?

Transfer in den Alltag

Die große Herausforderung liegt darin, wie wir Erkenntnisse, Ahnungen und Qualitäten der Auszeit in unseren Alltag integrieren. Denn letztlich kehren die meisten von uns wieder zurück. Und auch wenn sie auf der Alm bleiben, so wird das Leben auch dort bald “Alltag”.

  • Welche Insel im Alltag möchten Sie sich schaffen, um bereits morgen in einem kleinen, überschaubaren Ausmaß das zu tun, was Ihnen wirklich wichtig ist?
  • Was möchten Sie künftig anders machen, um Qualitäten, die Sie in der Auszeit kennengelernt haben, auch in den Alltag zu bringen? (z.B. Stille, Pausen, Freundlichkeit zu sich selbst, Zeit für Beziehungen)
  • Mein Tipp: Nehmen Sie sich nicht zu viel vor! Wählen Sie ein bis drei konkrete Schritte, auf die Sie in den nächsten Wochen regelmäßig Ihre Aufmerksamkeit lenken.

 

Schlagwörter: Slowing-down, Entschleunigung, Veraenderung, Lebenskunst

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