Für mich einstehen

12.10.2016, Regina Schlager

Momentan bin ich in meiner Ursprungs-Heimatstadt Wien. Der Besuch auf einer Behörde wurde für mich ein Erfahrungsraum dafür, was es bedeutet, mutig und mit Herz für mich einzustehen. Was geschah? Mein österreichischer Pass läuft im November ab. Und laut Beschreibungen auf den Webseiten der zuständigen Ämter kann ich den Antrag auf Verlängerung hier in Österreich stellen. Der Pass würde mir dann in die Schweiz zugeschickt.

Ich dachte: »Das mache ich. Da ich sowieso ein paar Tage in Wien bin, erspare ich mir, von Zürich nach Bern auf die österreichische Botschaft zu fahren.« Nach einem angenehmen Frühstück mit einer meiner Schwestern in einem Kaffeehaus ging ich auf die nächst gelegene Passbehörde.

Die Wartezeit war kurz. Die Frau am Schalter begann auch gleich, meine Daten aufzunehmen. Ich hatte den Eindruck, dass es sich um einen Routinefall handelt. Dann fragte sie mich: »Wo sollen wir Ihnen den Pass hinschicken?« Ich antwortete, etwas erstaunt, indem ich meine Adresse nannte, die sie ja gerade aufgenommen hatte. Sie: »Das geht nicht, wir versenden Pässe nicht ins Ausland.« Da ich mich zuvor auf den Internetseiten des Wiener Magistrates und der österreichischen Botschaft in der Schweiz erkundigt hatte, war mein Informationsstand, dass das sehr wohl möglich ist. Das sagte ich ihr.

Nun ist mir aber der Inhalt dieser Begegnung gar nicht so wichtig. Und auch nicht die Frage: Wer hatte recht?

Was mir bedeutsam erscheint, ist, was sich innerlich in mir abspielte, welche Wirkung ich wiederum beobachtete und was ich gelernt habe.

Zunächst spürte ich Ärger in mir hochsteigen, da die Sachbearbeiterin meinem Anliegen mit verzogenen Mundwinkeln und einem Seufzer begegnete. Ich fühlte mich auch in meinem Vorurteil bestätigt, dass österreichische Amtsmitarbeiter nicht gerade zuvorkommend sind. Und es war mir auch etwas unbehaglich zumute, so wie ich es schon vom Kontakt mit Behörden kannte: Irgendetwas in mir kommt sich dann ausgeliefert vor.

Ich bemerkte meinen Ärger und versuchte, bei mir zu bleiben und zu spüren, was in mir vorgeht, ohne mich darin zu verlieren. Und ich wollte auch bei der Frau mir gegenüber sein.

Ich nahm wahr, dass in ihrer abweisenden Reaktion eine Unsicherheit lag. Sie hatte so einen Fall wohl noch nie bearbeitet, wirkte sie doch konfus. Sie wusste nicht, was sie im Computer eingeben musste und wie sie mit dieser Situation umgehen sollte. Sie erkundigte sich bei zwei Kollegen. Nach deren Auskunft war ihr immer noch nicht klar, was genau zu tun war.

Ich traf eine Entscheidung: Ich lasse mich nicht abweisen. Es wäre eine für den Moment bequeme Variante gewesen zu sagen: Ok, ich fahre auf die Botschaft nach Bern (im Endeffekt aber mit zusätzlichem zeitlichem und finanziellen Aufwand für mich verbunden). Der zweite Aspekt der Entscheidung lag darin, Verantwortung für mein eigenes Verhalten zu übernehmen: »Wenn ich auf ihr Verhalten verärgert reagiere, dann liegt das nicht an ihr, dann habe ich das gewählt.«

Ich lenkte meine Aufmerksamkeit kurz auf meine Füße, um den Boden zu spüren, auch auf mein Gesäß auf dem Stuhl, um mich unterstützt zu fühlen. Das machte mich innerlich ruhig.

Die Frau nahm nun meine weiteren Daten auf und tippte sie in den Computer ein. Auch sie war ruhiger geworden, fast freundlich. Etwas hatte sich entspannt in ihr.

Ich weiß jetzt noch nicht, wie lange es nun dauert, bis ich meinen neuen Pass tatsächlich zugestellt bekomme. Was ich aber weiß: Ich habe in der Situation wieder ein Quäntchen mehr gelernt, mich nicht abweisen zu lassen, zu meinen Bedürfnissen zu stehen und das standfest und gleichzeitig freundlich zu vertreten. Ich musste nicht aggressiv werden, um durchzusetzen »was mir zusteht«. In mir war, genauso wie in der Frau am Schalter mir gegenüber, zunächst Unsicherheit, und ich konnte dieses unsichere Gefühl besänftigen, indem ich aufmerksam bei mir und meinen Empfindungen blieb. Und indem ich eine bewusste Wahl traf, wie ich in dieser Situation antworten möchte.

 

Sie wollen mutig und mit Herz für sich einstehen und ihren Weg gehen? Und das gemeinsam mit anderen? Für Frauen biete ich ab 20. Oktober 2016 den Courage Circle an. An diesem ersten Abend liegt der Themenfokus auf »Wofür stehe ich (ein)?«

Regina Schlager

Viele Menschen befinden sich heute in einer Phase des Wandels. Das Alte passt nicht mehr, das Neue ist noch nicht da oder fühlt sich noch sehr unsicher an. Auch als Gesellschaft befinden wir uns weltweit in einer Zeit des Übergangs. Als Coach, Gastgeberin, Autorin und geerdete Philosophin begleitet Regina Schlager  in diesen Transformationsphasen. Sie öffnet Räume, um in lebendigen, kreativen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln.

Schlagwörter: Fuehrung, Selbstmanagement, Achtsamkeit, Embodiment

2 Kommentare

Martha at 29.10.2016:

liebe Regina, du hast einen sehr wichtigen Aspekt in deinem Artikel beleuchtet, hat mich nachdenklich gemacht, ob ich immer für mich einstehe - auch nur dann, um meine Meinung zu vertreten. Alles Liebe Martha PS Gratulation zum Erfolg auf dem Passamt ;-)

Regina Schlager at 31.10.2016:

Liebe Martha, danke, freut mich, dass der Artikel etwas in dir bewegt! Mittlerweile ist der Pass bei mir in Zürich per eingeschriebener Post eingelangt. Bereits zwei Wochen nach meinem Besucht auf dem Amt in Wien. Es hat sich also wirklich gelohnt, standhaft zu bleiben. Liebe Grüße, Regina

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