Wofür stehen Sie (ein)?

02.11.2016, Regina Schlager

Am 20. Oktober 2016 fand der erste Courage Circle: Für Frauen, die mit Mut und Herz den eigenen Weg gehen statt. Der Themenfokus des Abends lag auf »Wofür stehe ich (ein)?« Ich habe dabei mit dem Organisationskompass* gearbeitet, der in vier Quadranten aufgeteilt ist. Der Quadrant im Norden steht für Führung oder Leadership. Für mich bedeutet das im Wesentlichen: Ich übernehme Verantwortung für mein Leben, ich übernehme in diesem Sinne Führung.

Wir sind Gestaltende und werden gestaltet

Damit will ich nicht sagen, dass wir totale Kontrolle über unser Leben haben. Wir bewegen uns immer auch in Rahmenbedingungen, die wir nicht einfach zu unseren Gunsten verändern können. Das Leben bringt uns Situationen, die wir nicht geplant haben. Wir sind Gestaltende und genauso werden wir gestaltet.

So kann ich zum Beispiel beschließen, dass ich meinem Herzen folge und mich fortan dem Klavierspielen widme. Gehen wir davon aus, dass ich mit dem, was ich liebe, auch meinen Lebensunterhalt verdienen will. Und nehmen wir an, dass ich mir sage: Wenn ich tue, was ich liebe, dann wird automatisch auch das Geld fließen - eine Auffassung, auf die ich in letzter Zeit häufig stoße, vor allem auch, wenn Coaches ihre Programme beschreiben.

Wenn ich nun täglich stundenlang  Klavier spiele, heißt das noch lange nicht, dass ich damit meine Rechnungen bezahlen kann. Dazu würde gehören, bald so gut auf dem Instrument zu sein, dass ich entweder Klavierunterricht gebe, in einer Pianobar spiele oder bei Konzerten auftrete. Es gäbe sicher noch mehr Möglichkeiten, aber das sind wohl die geläufigsten Wege.

Woher kommt das Geld, bis ich so gut spielen kann? Und auch wenn ich ein hohes Niveau erreiche, wer sagt, dass dann genug Schüler zu mir kommen, um ausreichend Einnahmen zu haben? Wer sagt, dass mir das Konzertbusiness zusagt oder ich überhaupt eine Chance hätte, mit meinem Alter als Profi einzusteigen? Und würde es mir zusagen, die Nacht in Bars zu verbringen, käme das meinem Biorhythmus entgegen?

Ich bin keine Anhängerin von »positivem Denken«, demgemäß wir alles nur rosig sehen dürfen und sich dann alles zu unseren Gunsten richtet. Oder der Auffassung, die Welt, wie wir sie erleben, sei alleine unsere Schöpfung und wir hätten sie im Griff. Ich bin aber überzeugt davon, dass wir die Welt durch unseren ganz individuellen Filter wahrnehmen. Und da macht es einen Unterschied, welche Erfahrungen wir bereits gemacht haben und mit welcher Einstellung wir auf die Dinge schauen. Und das hat wiederum eine Wirkung.

So könnte es ein Glaubenssatz von mir sein, »dass man bereits als kleines Kind mit einem Instrument beginnen muss, um überhaupt so gut zu werden, bei Konzerten aufzutreten«. Wenn ich im Konzerthaus in Wien auftreten will oder in der Tonhalle Zürich, mag sich das durch viele Beispiele bestätigen. Es gibt allerdings auch andere und darüber hinaus noch weitere Auftrittsmöglichkeiten.

Und ich könnte mich überhaupt von dem Glaubenssatz lösen, dass ich mit dem, was ich liebe, auch mein gesamtes Geld verdienen muss. Warum nicht einen »Brotjob« ausüben und daran arbeiten, meine Einstellung zu verändern, sodass ich diese Arbeit nicht als permanente Mühsal betrachte?

Wo liegen die Grenzen unserer Selbstmächtigkeit?

Wo liegen die Grenzen unserer Selbstmächtigkeit? Wann bewegen wir uns in limitierenden Glaubenssätzen und wann gilt es, Gegebenheiten anzunehmen? Wie wissen wir, ob wir einer naiven Illusion aufsitzen oder gerade eine tiefe Vision empfangen haben, für die es sich lohnt, einzustehen?

Das ist nicht einfach zu beantworten und schon gar nicht pauschal. Es gilt meines Erachtens jedenfalls, dieses Spannungsverhältnis im Blick zu haben, sich beider Seiten bewusst zu sein: Da sind die Situationen, wie sie mir gerade begegnen, und hier bin ich, so wie ich auf diese Situationen schaue.

Und das ist einfacher gesagt als getan, da wir immer blinde Flecken haben, die sich unserer Wahrnehmung (noch) entziehen. Ein Glaubenssatz ist auch nicht etwas, das ich einfach »wegdenken« kann. Er ist tief in mir verwoben, bis in meine Körperzellen. Daher kann ich ihn auch nicht alleine mit meinem rationalen Verstand verändern. Ich schaue nicht bloß wie ein Beobachter auf eine Situation und nehme sie objektiv wahr, ich gehe mit einer Haltung in die Situation hinein, meine Einstellung ist in meinem Körper verankert, ich verkörpere sie.

Wir können uns eine Außenperspektive und Hilfe holen - im Coaching, mit Freunden oder unserem Partner -, doch letztendlich liegt die Entscheidung, ob und wie wir handeln, bei uns. Darin liegt unsere Führungsaufgabe, das macht unsere Führungskraft aus. Das kann uns niemand abnehmen.

 

Im nächsten Courage Circle am 10. November 2016 wandern wir im Organisationskompass weiter in den Osten, wo es um die Kraft der Vision geht. Er findet wiederum in Zürich statt. Anmeldung ist noch möglich. Hier finden Sie nähere Informationen zum Courage Circle.

 

*Organisationskompass - Nach Birgitt Williams: »The Genuine Contact Way: Nourishing a Culture of Leadership«

Regina Schlager

Viele Menschen befinden sich heute in einer Phase des Wandels. Das Alte passt nicht mehr, das Neue ist noch nicht da oder fühlt sich noch sehr unsicher an. Auch als Gesellschaft befinden wir uns weltweit in einer Zeit des Übergangs. Als Coach, Gastgeberin, Autorin und geerdete Philosophin begleitet Regina Schlager  in diesen Transformationsphasen. Sie öffnet Räume, um in lebendigen, kreativen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln.

Schlagwörter: Fuehrung, Leadership, Wachstum, Koerperwissen, Berufung, Embodiment

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