Niels Rot über den Impact Hub Zürich und STRIDE

11.07.2016, Regina Schlager

Mit Niels Rot vom Impact Hub Zürich führte ich ein Interview über eine Wirtschaft, die enkeltauglich ist, die Veränderung von Arbeit und Führung, das Menschenbild des Impact Hub, das sich im neuen Co-Manifest in drei Grundprinzipien ausdrückt, sowie das Bildungsprogramm STRIDE für unternehmerische Führung, in welchem Beruf und Berufung vereint werden.

Interview als PDF

Regina Schlager: Mich interessieren neue Formen der Arbeit und Zusammenarbeit sehr und ich schreibe darüber. Es freut mich, dass wir dieses Interview hier im Impact Hub Zürich führen. Ich selbst bin Mitglied. Wie würdest du denn den Impact Hub Zürich beschreiben?

Niels Rot: Ich sehe da zwei Aspekte, das Was und das Wie. Zuerst das Was: Wir wollen eine neue Wirtschaft mitgestalten, die enkeltauglich ist, eine „world that works for all“. Das tun wir, indem wir innerhalb einer Community Ideen realisieren. Dann zum Wie: Es geht um die Umsetzung. Wir unterstützen Austausch, in Form von Co-Working, Veranstaltungen und Finanzierung. All das basiert für uns auf dem Prinzip: Geben, bevor du empfängst.

Ein Co-Manifest für eine neue Wirtschaft

Regina Schlager: Ich weiß, dass der Impact Hub seit kurzem ein Co-Manifest hat. Willst du etwas darüber erzählen?

Niels Rot: Wir waren auf der Suche danach, wofür wir stehen. Wir als Impact Hub sind ziemlich heterogen: Hier sind alle Sektoren vertreten, wir haben auch Partner, von Stiftungen bis Großunternehmen. Da eine gemeinsame Sprache zu finden, war kein einfacher Prozess.

Regina Schlager: Wie seid ihr vorgegangen?

Niels Rot: Wir haben von Anfang an alle Stakeholder involviert: mit einer Umfrage in unserer Community, einem Workshop mit unseren Partnern, mehreren Schleifen in Town Hall Meetings, und wir haben im Team darüber gesprochen.

Aus all dem ist herausgekommen, dass wir „a community of creators building a radically collaborative world“ sind, wie wir das ausdrücken.

Regina Schlager: Im Blog des Impact Hub Zürich habe ich gelesen, dass ihr drei Grundprinzipien formuliert habt: We create, We connect, We care. Der dritte Aspekt, das caring, hat mich aufhorchen lassen. Denn das wird oft gar nicht in den Blick genommen. Ich denke allerdings, nur wenn mir etwas wirklich wichtig ist, ich Sorge dafür trage, setze ich mich dafür ein. Sonst fehlt der Sinn.

Niels Rot: Wir wollen wegkommen davon, Caring als Tabuthema zu betrachten. Es ist uns wichtig, wie es den Menschen geht, den Projekten und dem Planeten.

Das berührt unser Menschenbild. Wenn Menschen das finden, was ihre Passion ist, dann werden sie sich leidenschaftlich dafür einsetzen. Wir sind davon überzeugt, dass Menschen grundsätzlich gut für sich und andere sorgen wollen, und auch für die Umwelt. Menschen wollen „caren“.

Mit Arbeit etwas kreieren, das wirklich sinnvoll ist

Regina Schlager: Wie versteht ihr im Impact Hub denn Arbeit? Ich stelle fest, dass unter Arbeit weiterhin oft nur Erwerbsarbeit verstanden wird. Dann gibt es die These, dass uns die Arbeit ausgeht, weil immer mehr von Maschinen und Robotern übernommen wird. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass Menschen ihre Arbeit selbstbestimmt gestalten wollen, sich darin ausdrücken, ihre Berufung leben.

Niels Rot: Ja, es gibt einen Umbruch in der Bedeutung von Arbeit. Der Fokus war sehr stark auf der Erwerbsarbeit: Ich arbeite, um leben zu können. Rückblickend merken wir jedoch, dass das auch früher nicht durchgehend so war. Auch da gab es schon die Fragen nach der Zufriedenheit und dem Wert, den man mit der Arbeit schafft.

Ich denke auch, dass es jetzt vermehrt darum geht, wie du etwas kreieren kannst, was wirklich sinnvoll ist und mit deinen Werten übereinstimmt.

Auch hier gibt es wiederum ein Was und ein Wie. Was kommt schlussendlich bei meiner Arbeit raus? Ein grünes Auto oder nachhaltige Ernährung beispielsweise. Arbeit ich nine to five im Büro an meinem Pult? Zählt meine Anwesenheitszeit oder das, was am Ende herauskommt bei dem, was ich tue, auch wenn ich das in der Nacht erledige? Die Arbeit wird weniger standardisiert und viel individueller werden. Da ist Einiges im Umbruch.

Führung verändert sich

Regina Schlager: Das hat viel mit Eigenverantwortung zu tut. Man muss sich selbst organisieren. Das hat Auswirkungen auf die Führungskultur und Führungsstruktur. Wie haltet ihr das im Hub mit der Führung? Es ist für mich schwer vorstellbar, dass ihr streng hierarchisch organisiert seid. Und doch muss es ja irgendwie Koordination geben.

Niels Rot: Ich glaube, du stellst hier eine sehr wichtige Frage. Mit der Veränderung der Arbeit verändert sich die Führung. Wir als Hub haben noch nicht die perfekte Antwort, wird sind da sehr am Lernen. Wir probieren aus, wir prototypen.

Eines der populärsten neuen Systeme, wie man Arbeit organisieren kann, ist Holacracy. Ganz viele Impact Hubs funktionieren so: Genf, Wien, Berlin, global. Wir hier in Zürich fragten letztes Jahr unser Team, ob wir auch zu einer radikalen hierarchiefreien Struktur gehen wollen oder eher eine Mischform finden, wo wir noch ein bisschen Führung haben, jedoch dezentral. Das Team hat überzeugend die zweite Variante gewählt.

Wir sind jetzt so organisiert: Wir haben drei Circles, die können eigentlich praktisch alles selber bestimmen: Ziele setzen, Anstellungen etc. Die drei Vertreter der Circles bilden zusammen noch zusätzlich ein Management für die größeren, komplizierteren Entscheidungen. Das könnte sein: Wollen wir einen neuen Space eröffnen? Oder: Wie gestalten wir das Lohnmodell?

Regina Schlager: Seit wann macht ihr das so?

Niels Rot: Seit Anfang des Jahres.

Auf eine Reise einlassen, ohne das Ziel zu kennen

Regina Schlager: Was war eigentlich deine persönliche Motivation, 2010 den Hub in Zürich mitzugründen?

Niels Rot: Mein Weg dahin war ganz viel Zufall. In Holland war ich ein schlechter Student. Ich habe dann eine Fachhochschule geschafft und zu arbeiten begonnen. Da habe ich schnell gemerkt, dass es mich nicht glücklich macht für ein Produkt zu arbeiten, wo ich nicht dahinterstehen kann, für einen Chef, den ich praktisch nie sehe.

Ich zog dann in die Schweiz, weil meine Freundin Schweizerin ist. Es war schwierig für mich, hier anzukommen. Ich habe mich gefragt: Vielleicht kann man die Wirtschaft nutzen, um nachhaltige Entwicklung zu stärken? Wirtschaft hat mich sehr interessiert. Sie ist ein großer Hebel für Veränderung hin zu einer besseren Welt.

Zufällig landete ich dann in St. Gallen. Ich hatte noch nie etwas von St. Gallen gehört. Dort wurde ich beim Studentenverein oikos aktiv. Ich merkte, dass ich gerne organisiere und Dinge vorantreibe. Und da habe ich dann auch Michael Bachmann kennengelernt. Michel hatte vom Hub gehört und wollte einen in Zürich gründen.

Für mich war das der perfekte nächste Schritt. Es war unternehmerisch: Etwas Neues aufbauen mit einer Vision, die ich teilte. Über Arbeit Wirkung generieren. Dass das sechs Jahre später drei Locations hat, 35 Mitarbeiter und 750 Mitglieder, das hätte ich damals nie gedacht. Da muss man sich auch einmal auf eine Reise einlassen, ohne das Ziel zu kennen.

Regina Schlager: Das überrascht dich also, was da in nur sechs Jahren entstanden ist.

Niels Rot: Ja, es überrascht mich sehr. Absolut.

Mut und ein starkes, heterogenes Team

Regina Schlager: Der Schritt, den Hub zu gründen, hat sicher viel Mut erfordert. Oder war das für dich damals einfach ganz klar, das zu tun?

Niels Rot: Ich glaube, es brauchte Mut oder den Willen, sich auf etwas Neues einzulassen. Ich war sehr blauäugig, sehr naiv. Ich hatte keine Ahnung, was es genau bedeutet ein Unternehmen zu gründen. Ich bin einfach reingestiegen, und Schritt für Schritt ist mehr passiert.

Regina Schlager: Im Nachhinein bist du dankbar für deine Naivität?

Niels Rot: Absolut. Das war äußerst wichtig. Doch dazu kam noch etwas: Wir waren ein starkes, heterogenes Team. Michel und Christoph kannten die Risiken genau. Ich und Hagen waren eher die unbefangene frische Energie.

Transparent sein und teilen

Regina Schlager: Der Hub arbeitet auch mit großen Unternehmen zusammen. Wie gelingt das? Da gibt es sicher verschiedene Prinzipien, z.B. wenn es um Transparenz geht.

Niels Rot: Das ist natürlich nicht immer einfach. Was wir von unserer Seite machen können: Komplett transparent sein und teilen. Am Papier arbeiten wir mit Firmen zusammen, aber eigentlich arbeiten wir mit Menschen. Und die Menschen teilen unsere Prinzipien. Systemisch wird es in den Firmen dann halt oft nicht umgesetzt. Aber wenn genügend Menschen sie teilen, dann kommt irgendwann der Tipping Point, aus dem etwas Neues entsteht.

STRIDE - Beruf und Berufung vereinen

Regina Schlager: Was mich noch sehr interessiert, ist euer neues Bildungsprojekt STRIDE. Worum handelt es sich da genau?

Niels Rot: Wir haben nach neuen Bereichen gesucht, wo wir einen Hebel haben, etwas verändern zu können. Ein Bereich ist die Bildung. Viele Menschen kommen in den Hub zum Lernen. Wir wollen über ein neues Lernmodell Menschen helfen, ihre eigene Karriere mitzubestimmen, Beruf und Berufung zu vereinen.

Ein traditionelles Weiterbildungsprogramm wie ein MBA führt dazu, dass du die Karriereleiter schneller hinaufsteigen kannst. Wir möchten ermöglichen zu reflektieren: Wer bin ich? Wie werde ich glücklich? Was interessiert mich? Dann geben wir auch die Tools und die Unterstützung, um das umzusetzen in etwas Reales. Am Ende muss man auch rellen Wert kreieren. Ein Unternehmen, das sich nicht selber finanziert, ist auch nicht nachhaltig.

Regina Schlager: Ist das Bildung hin zu Entrepreneurship oder ist das offen?

Niels Rot: Es ist Bildung hin zu unternehmerischer Führung. Führung von sich selber und von Teams. Am Ende vom Programm erwarten wir, dass die Hälfte der Teilnehmenden wirklich eine eigene Firma gründet, und die andere Hälfte realisiert, dass sie nicht selber etwas starten wollen, aber die Prinzipien in ihrem Job anwenden. Es gibt eine klare Differenzierung zwischen Entrepreneurship und Entrepreneurial Leadership. Unternehmerisch kann jeder Mensch sein, aber nicht jeder Mensch ist Unternehmer.

Regina Schlager: Wie genau sieht das Weiterbildungsprogramm aus?

Niels Rot: Es ist ein Teilzeitprogramm, das zehn Monate dauert. Es erfordert mindestens zwei Tage in der Woche. Das ganze Lernen passiert um das Kreieren eines reellen unternehmerischen Projektes herum. Wir bieten dazu die notwendigen Tools an. Es gibt Workshops und die Begleitung durch Coaches.

Das Programm wurde von Teamlabs, einem Spin-off des Impact Hub Madrid, entwickelt und läuft dort seit drei Jahren sehr erfolgreich.

Regina Schlager: Wann startet ihr?

Niels Rot: Wir sind dran, eine erste Klasse im Oktober 2016 zusammenzubringen. Wir wissen allerdings, dass wir den Recruiting-Cycle für Weiterbildungsveranstaltungen verpasst haben. Der läuft so Februar, März. Sonst fangen wir im Februar 2017 an.

Regina Schlager: Wie viele Teilnehmende müssen das sein?

Niels Rot: Mindestens acht, um anfangen zu können.

Regina Schlager: Findet die Ausbildung in den Räumlichkeiten des Impact Hub statt?

Niels Rot: Ja, die Universität ist hier. Die Teilnehmer werden automatisch Member und können auch von hier aus arbeiten.

Regina Schlager: Gibt es Institutionen, die mitmachen? Oder ist das rein vom Hub organisiert?

Niels Rot: Es wurde von uns als Spin-off gegründet. Wir haben mit STRIDE - unSchool for Entrepreneurial Leadership bewusst ein eigenes Branding gewählt, um diese Weiterbildung positionieren zu können. Wir machen das mit einem neuen Team. Wir haben verschiedene Partner, mit denen wir im Gespräch sind, wir sind noch am Verhandeln. Zum Beispiel schauen wir mit der Business School Lausanne, ob es möglich ist, dass die Credits offiziell anerkannt werden.

Regina Schlager: Diese Weiterbildung finde ich sehr ansprechend. Es hat für mich viel damit zu tun die eigene Berufung zu finden und zu gestalten. Es ist ja meine eigene Passion, Menschen dabei zu unterstützen.

Niels Rot: So ein Programm ist ein guter Start, um zu schauen, wie kann ich Beruf und Berufung vereinen. Welche Person bin ich? Was sind meine Stärken? Und das wirklich begleitet zu machen.

Regina Schlager: Und ich mag, dass ihr von Unschooling sprecht und auch neue Wege des Lernens anbietet. Das finde ich so wichtig.

Niels, vielen Dank für das Gespräch!

Links

Impact Hub Zürich

STRIDE - Unschool for Entrepreneurial Leadership

Kontakt Niels Rot, STRIDE: niels.rot [at] stride-learning.ch
 

Regina Schlager

Viele Menschen befinden sich heute in einer Phase des Wandels. Das Alte passt nicht mehr, das Neue ist noch nicht da oder fühlt sich noch sehr unsicher an. Auch als Gesellschaft befinden wir uns weltweit in einer Zeit des Übergangs. Als Coach, Gastgeberin, Autorin und geerdete Philosophin begleitet Regina Schlager  in diesen Transformationsphasen. Sie öffnet Räume, um in lebendigen, kreativen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln.

Schlagwörter: Fuehrung, Leadership, Veraenderung, Interview, Social-entrepreneurship, Berufung, Netzwerk

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