»Ich kann das nicht gut genug«

15.07.2016, Regina Schlager

Haben Sie das Gefühl, dem auf der Spur zu sein oder bereits zu wissen, was Ihnen wirklich wichtig ist und Sie wirklich wollen? Doch anstatt loszulegen, meldet sich die innere Stimme »Ich kann das nicht genug«. So geht es vielen Menschen. Ich stelle Ihnen in diesem Artikel die Übung RAIN vor, mit deren Hilfe Sie Glaubenssätze mit Achtsamkeit transformieren und zu einer neuen Einstellung sich selbst gegenüber kommen können. Probieren Sie es im Urlaub aus! Ich freue mich über Ihre Erfahrungsberichte.

Letzte Woche hat mir ein Kunde begeistert geschildert, was er gerne tut und worin er auch seine berufliche Zukunft sieht. Dann kamen schnell zweifelnde Fragen auf:

  • Kann ich das gut genug?
  • Hab ich genug fachliche Ausbildungen?
  • Glauben mir die Leute?

Das erlebe ich sehr oft: Ich kenne es von mir selbst, von Freunden, Kollegen und von den Menschen, die zu mir ins Coaching kommen. Es ist, als würden wir uns in einer Trance bewegen, in der wir uns für unfähig und unwürdig halten. Natürlich ist es berechtigt und wichtig, sich die Frage zu stellen, ob man für eine bestimmte Aufgabe oder Tätigkeit die richtigen Kompetenzen mitbringt. Aber es geht meist tiefer.

Der Glaubenssatz »Ich bin nicht gut genug«

Viele schleppen folgende Glaubenssätze mit sich herum:

»Das, was ich tun will, kann ich nicht gut genug.«
»Andere werden meine Inkompetenz aufdecken.«
Letztlich läuft es hinaus auf: »Ich bin nicht gut genug.« Wir haben das Gefühl, dass etwas nicht stimmt mit uns.

Machen Sie im Sommer Urlaub? Vielleicht befinden Sie sich momentan in den Ferien? Gerade, wenn wir mehr Zeit zur freien Gestaltung haben als sonst, melden sich diese Stimmen. Mit mehr oder weniger »Erfolg« dämpfen wir sie. Jeder hat da so seine Strategien, die sich bislang bewährt haben, indem wir uns in Aktivitäten oder Suchtverhalten stürzen. Was als Erholung gemeint ist, wird zum Freizeitstress und zur Flucht.

RAIN - Eine Methode, um Glaubenssätze mit Achtsamkeit zu transformieren

Bei mir und bei meinen Kunden habe ich gemerkt, dass wir durch einen achtsamen und freundlichen Umgang mit uns selbst zu einer neuen Einstellung uns selbst gegenüber kommen können.

Ich möchte  Ihnen eine Methode vorstellen, die ich in einem Vortrag der amerikanischen ZEN-Lehrerin Tara Brach kennengelernt habe und in die ich meine eigenen Erfahrungen einfließen lasse. Sie nennt sich RAIN. Das Akronym funktioniert nur auf Englisch, ich füge meine deutsche Übersetzung hinzu:

R - Recognize what is going on / Erkenne, was gerade vor sich geht
A - Allow the experience to be there, just as it is / Erlaube der Erfahrung da zu sein, so wie sie sich gerade zeigt
I - Investigate with kindness / Erkunde mit Freundlichkeit
N - Natural awareness, which comes from not identifying with the experience / Natürliche Bewusstheit - nimm wahr, ohne dich mit der Erfahrung zu identifizieren

Erkenne, was gerade vor sich geht

Der erste Schritt ist zu erkennen, dass gerade  »Ich bin nicht gut genug« anwesend ist. Es ist hilfreich, dabei auf Körperwahrnehmungen zu achten: Wie zeigt es sich in Ihrem Körper? Fühlt sich vielleicht etwas verspannt an? Klopft das Herz heftig? Stockt der Atem?

Und wie ist Ihre spontane Reaktion darauf? Zeigen sich Muster? Manche weichen aus in eine Aktivität, z.B. surfen im Internet, telefonieren. Andere essen etwas, gehen shoppen. Jeder hat so seine Strategie, die sich bislang bewährt hat, um die darunter liegenden Gefühle wie Angst und Scham nicht spüren zu müssen.

Erlaube der Erfahrung da zu sein, so wie sie sich gerade zeigt

Im zweiten Schritt erlauben Sie allen Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen, da zu sein. Das bedeutet, dass Sie eine kleine Pause machen, statt gleich in eine Bewertung oder Ihre übliche Reaktion zu springen. In diesem kleinen Raum liegt Freiheit. Sie können sich auch anders entscheiden.

Erkunde mit Freundlichkeit

Nun, da Sie Raum geöffnet haben, können Sie das, was gerade in Ihnen vor sich geht, mit Neugier erkunden. Was zieht meine Aufmerksamkeit an? Was nehme ich in meinem Körper wahr? Wie spüre ich das genau? Wie könnte ich das beschreiben, welche Wörter kommen, passen sie oder kann ich dafür andere Wörter verwenden, die sich stimmiger anfühlen? Welche Bilder und Erinnerungen kommen? Welche Gefühle sind damit verbunden? Was glaube ich über mich? Treffe ich innerlich Aussagen über mich?

Wichtig ist, dass Sie das möglichst mit einer warmherzigen Haltung machen. Oder wenn Sie bemerken, dass Sie in Verurteilung fallen, auch das freundlich wahrnehmen. Manchmal tut es gut, eine Hand auf die Körperstelle zu legen, die sich zeigt.

Nimm wahr, ohne dich mit der Erfahrung zu identifizieren

Im vierten Schritt verweilen Sie noch weiter bei der Erfahrung und stellen sich vor, Sie sind mit all dem, was sich zeigt, aber Sie sind nicht ein bestimmtes Gefühl oder eine bestimmte Empfindung. Sie empfinden Angst, doch Sie sind mehr als diese Angst. Sie können sich die Angst vorstellen wie Wasser, das eine Flasche zu einem Drittel füllt. Doch es ist viel mehr Raum in der Flasche, für viel mehr Wasser!

Vielleicht wollen Sie das im Urlaub ausprobieren? Natürlich ist das keine Übung, die man einmal macht, und PUFF! - der Glaubenssatz »Ich kann das nicht« mit all den inneren Stimmen, die damit einhergehen, hat sich aufgelöst. Sie entfaltet ihre Wirkung, wenn Sie sie wiederholt machen. Wenn Sie Ihren Zweifeln, Selbstvorwürfen und Ängsten immer wieder mit einer liebevollen Präsenz begegnen.

Mit der Zeit glauben Sie Ihren Geschichten, dass Sie nicht gut genug sind, nicht mehr. Das ist doch einen Versuch wert, oder?

Wie geht es Ihnen mit der Übung? Schreiben Sie doch im Kommentar über Ihre Erfahrungen.

Regina Schlager

Viele Menschen befinden sich heute in einer Phase des Wandels. Das Alte passt nicht mehr, das Neue ist noch nicht da oder fühlt sich noch sehr unsicher an. Auch als Gesellschaft befinden wir uns weltweit in einer Zeit des Übergangs. Als Coach, Gastgeberin, Autorin und geerdete Philosophin begleitet Regina Schlager  in diesen Transformationsphasen. Sie öffnet Räume, um in lebendigen, kreativen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln.

2 Kommentare

Nadia Rindlisbacher at 17.07.2016:

Liebe Regina

Einmal mehr sehr treffend! Der Glaubenssatz vom nicht gut genug sein, finde ich einen der mächtigsten und kraftvollsten. Und wenn es uns gelingt, diese Macht und Kraft, die darin steckt, ins Positive zu wenden, dann haben wir ganz viel gewonnen. Deine RAIN Methode finde ich ganz toll - und immer wieder unheimlich anspruchsvoll. Das freundliche dabei verweilen, wenn es sich doch gerade nur mühsam anfühlt, und das nicht identifizieren, wo wir uns das doch so gewohnt sind. Und trotz allen Widerständen und Mühen, das immer wieder üben, üben, üben, lohnt sich und zeigt nach und nach auch immer wieder kleinere und grössere Erfolge.

In dem Sinne freue ich mich auf nächste spannende Newsletters und Blogs von dir und wünsche uns allen ein gutes Üben und Sein auf unseren Wegen.

Regina Schlager at 18.07.2016:

Liebe Nadia, ja, es ist nicht leicht. Es fällt uns so schwer, uns selbst liebevoll und mit Respekt zu behandeln. Es ist ein permanentes Üben. Und doch zeigt sich oft schon bald oder unmittelbar eine erstaunliche Wirkung. Ich glaube, es ist wichtig, mit einer gewissen Leichtigkeit heranzugehen. Uns selbst ernst nehmen und nicht zu ernst nehmen. Neugierde, Humor, das Spielerische zulassen.

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