Welche Geschichte wähle ich?

18.10.2017, Regina Schlager

Letzte Woche wurde mir wieder sehr stark bewusst, dass es an mir liegt, welche Geschichte ich wähle. Damit meine ich, wie ich meine Erfahrungen, die Situationen, auf die ich stoße, und meine Handlungen in einen größeren Sinnzusammenhang stelle. Ich nahm am ersten Teil des Holon-Jahrestrainings bei Gunter Hamburger und Gabi Bott in Deutschland teil, das auf der Tiefenökologie nach Joanna Macy basiert.

Die Sehnsucht nach dem eigenen Beitrag

Das Eigene verwirklichen und damit auch einen lebensfördernden Beitrag leisten - bei mir selbst, in meinem Freundes- und Kollegenkreis sowie bei den Menschen, die zu mir ins Coaching, in den Courage Circle und zu Workshops kommen, merke ich, wie sehr die Sehnsucht danach vorhanden ist. Ich bin überzeugt davon, dass das ein zutiefst menschliches Bedürfnis ist.

Gleichzeitig sind wir in der Arbeitswelt und der Gesellschaft insgesamt heute mit Rahmenbedingungen konfrontiert, die uns das nicht leicht machen beziehungsweise gänzlich unmöglich erscheinen lassen. Das wird als sehr leidvoll erfahren.

Drei Geschichten von der Welt

Die Tiefenökologie bzw. die Arbeit, die wiederverbindet (The Work that Reconnects), macht darauf aufmerksam, dass in der heutigen industrialisierten Welt alle gängigen Wahrnehmungen der Welt, also die Geschichten, die wir uns über uns und die Welt erzählen, auf drei Versionen hinauslaufen:

1. Business as usual (Weiter so wie bisher)

Dabei handelt es sich um die Geschichte der Industriellen Wachstumsgesellschaft. Grundannahmen sind: Wirtschaftswachstum ist notwendig (und auch in alle Zukunft möglich), um den Wohlstand in unseren westlichen Ländern zu vergrößern oder zumindest zu wahren. Alles ist darauf ausgerichet, dass wir konsumieren und so die »Wirtschaft ankurbeln«, wie ich ständig in den Medien höre und lese.

Die Natur ist für uns ein Reservoir an Ressourcen, wir haben das Recht, uns daraus zu bedienen, wie es uns beliebt. Andere Lebewesen sind dazu da, uns zu nutzen. Das oberste Gebot ist Leistung im Sinne von: Du musst es finanziell zu etwas bringen, um ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu sein. Andere Länder und die Menschen von dort gehen uns nichts an, das viel gehörte Motto in Wahlkämpfen lautet »wir zuerst«.

2. Der fragmentierte Zerfall oder das »Zerbröseln der Systeme«

Bei dieser Geschichte merken wir, dass unsere Systeme an ihre Grenzen stoßen und zerfallen. Die Finanzkrise im Jahr 2008 zeigte uns, dass der Wohnungsmarkt nicht ins Undendliche weiterwachsen kann. Die Immobilienblase platzte. Damit die Wirtschaft weiter wachsen kann, werden immer mehr natürliche »Ressourcen« verbraucht bzw. werden immer mehr Bereiche des Zusammenlebens in einen geldwerten Austausch verwandelt, um so dem Bruttosozialprodukt einverleibt zu werden.

Wir bemerken die Auswirkungen im Klimawandel und im ständig ansteigenden Müll. Immer mehr Arten sterben aus. Ein Bericht der Vereinten Nationen spricht vom sechsten großen Massenaussterben in der Erdgeschichte. Im Unterschied zu den früheren ist das jetzige zu einem großen Teil vom Menschen hervorgerufen.

All das ist verbunden mit sozialer Spaltung. In den wohlhabenden Ländern wird die Kluft bei den Einkommen und dem Vermögen immer größer. Noch viel extremer ist die Situation, wenn wir die Menschen in anderen Weltregionen in den Blick nehmen. Sie sind zudem massiv von den schon jetzt auftretenden Folgen des Klimawandels betroffen, so zum Beispiel durch Dürre und Überflutungen.

Bewegen wir uns ausschließlich in dieser Geschichte, ist die totale Verzweiflung oder auch die Resignation wohl nicht weit.

3. Der Große Wandel

Hier geht es um den Übergang der Industriellen Wachstumsgesellschaft zu einer lebensfördernden Gesellschaft, die auch die Selbstheilungskräfte der Erde unterstützt.

Die drei Dimensionen dieser Geschichte zeigen sich in

1) Protestaktionen, die mithelfen, den Zerfallsprozess zu verlangsamen

2) Analyse und Transformation der Systeme und der Grundlagen unseres Zusammenlebens

3) Bewusstseins- und Wertewandel

Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Quantenphysik und der Systemtheorie sowie spirituelle und indigene Traditionen gehen davon aus, dass wir keine isolierten Teile in einer uns feindlichen Welt sind. Vielmehr ist alles Leben wie in einem Netz miteinander verwoben. Wir erleben uns in wechselseitiger Verbundenheit und auch Abhängigkeit.

In dieser Sichtweise verändert sich das Selbst nicht unabhängig von der Welt. Die bislang weit verbreitete Spaltung zwischen persönlicher, spiritueller Entwicklung und aktivem Handeln wird aufgehoben.


Welche Geschichte wählen wir? Ich habe mich für die dritte Geschichte entschieden. Dabei bin ich mir natürlich bewusst, dass ich mich genauso auch in den anderen zwei Geschichten bewege. Für mich ist es allerdings ganz entscheidend, meine Lebensenergie und Intention auszurichten.

Und ich will mich damit auch zeigen, meine Werte und meinen Suchprozess nicht verstecken. Denn was sich in der letzten Woche auch ganz deutlich gezeigt hat, sogar so etwas wie die Essenz war, ist: Systemtheoretisch betrachtet, sind sowohl mein Wissen als auch meine Gefühle wichtig für die Selbstregulation des Systems. Ich merke, dass mich das irgendwie auch wie in einer Spirale wieder zurück zum »Wissensmanagement« führt (ich war lange Jahre in diesem Bereich in einem Beratungsunternehmen tätig), nur passt dieser Ausdruck für mich nicht mehr dafür.

All das halte ich für ganz entscheidend beim Thema Berufung. Da werde ich dran bleiben - ich nehme mir vor, laufend auf diesem Blog etwas dazu zu teilen.

Ihre Kommentare, Anmerkungen und Anregungen sind mir sehr willkommen!

 

Literaturquellen

Joanna Macy & Molly Brown: Für das Leben! Ohne Warum. Ermutigung zu einer spirituell-ökologischen Revolution. Aus dem Amerikanischen von Barbara Hamburger-Langer und Gunter Hamburger. 4., überarbeitete Auflage: Jungfermann Verlag 2017

Anm.: Es handelt sich um eine sehr gute Übersetzung. Die deutsche Ausgabe enthält zudem noch Ergänzungen, die in der amerikanischen Originalausgabe nicht enthalten sind.

Joanna Macy & Chris Johnstone: Hoffnung durch Handeln. Dem Chaos standhalten, ohne verrückt zu werden. Aus dem Amerikanischen von Christa Broermann: Jungfermann Verlag 2014

Regina Schlager

Viele Menschen befinden sich heute in einer Phase des Wandels, sowohl im persönlichen wie auch im beruflichen Bereich. Das Alte passt nicht mehr, das Neue ist noch nicht da oder fühlt sich noch sehr unsicher an. Auch als Gesellschaft befinden wir uns weltweit in einer Zeit des Übergangs. Als Coach, Gastgeberin, Autorin und geerdete Philosophin begleitet Regina Schlager in diesen Transformationsphasen. Sie öffnet Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln.

Schlagwörter: Berufung, Tiefenökologie, Systemtheorie

Kommentare werden vom Moderator freigeschaltet

Kommentar hinzufügen

* Felder sind erforderlich