Wie Sie unter Druck kommen – und sich daraus befreien können

14.11.2017, Regina Schlager

(Ein Gastartikel von Elmar Kruithoff) Druck zu erleben kann äußerst unangenehm sein. Ich habe dann zum Beispiel das Gefühl schlecht zu sein, nicht zu genügen oder etwas nicht schaffen zu können; oder auch, dass ich unbedingt eine perfekte Lösung oder Entscheidung finden muss. Ich darf keine Fehler machen, muss perfekt sein und habe keine Wahl. Dieser Druck ist sehr häufig selbstgemacht - und Sie können sich daraus befreien.

Frau unter Druck (Stress)

Druck: müssen, sollen, nicht dürfen

Wenn ich Druck erlebe, dreht sich in mir statt eines Gefühls innerer Freiheit und Flexibilität alles darum, was ich muss und sollte oder was ich nicht darf – meist um eine drohende Gefahr abzuwenden. Ich muss dann zum Beispiel alles richtigmachen, ich muss perfekt sein, muss arbeiten ohne Pause, sollte noch mehr tun, darf nicht Nein sagen und nicht für mich sorgen.

Wissen als Voraussetzung für Wandel

Kennen Sie ähnlichen Druck in Zusammenhang mit Ihren Aufgaben, Plänen und Zielen? Dann lohnt es sich näher hinzuschauen. Denn je mehr Sie verstehen, desto leichter fällt es, Mitgefühl mit dem eigenen Erleben zu haben und eine Basis für Wandel zu finden. 

Druck zu machen ist beispielsweise meist eine Strategie eines Teils von Ihnen, der sich um Sie sorgt. Oftmals geht es dabei um Anerkennung, Wichtigkeit oder Solidarität in wichtigen Beziehungen. In diesen Beziehungen wurde dann z.B. vermittelt:

  • »Ich liebe dich nur, wenn …«
  • »Du bist mir nur wichtig, wenn …«
  • »Ich bin nur solidarisch mit dir, wenn …«
  • »Ich achte deine Grenzen nur, wenn …«

Die Bedingungen im »wenn« beziehen sich dann auf alles, was Sie sein sollen (intelligent, hart arbeitend, witzig, liebevoll, schlagfertig, perfekt, ...) oder was Sie lassen sollen (für sich selbst sorgen, die eigenen Grenzen kennen, …).

Diese Zusammenhänge zu erkennen und mit neuen Augen schauen zu können, während Sie unter Druck kommen, ist eine große Erleichterung und ermöglicht es, die Situation in neuem Licht zu sehen – und sich letztendlich aus dem selbstgemachten Druck befreien zu können.

Die Rolle des Körpers

Mit der Methode Focusing nutzen Sie schwierige Aspekte im Leben, um einen gewissen Abstand zu diesen zu üben und sich nicht mehr vereinnahmen zu lassen. Stattdessen lernen Sie, wie Sie mitfühlend bei diesen Aspekten sein können. Sie lernen, dem Druck Gesellschaft leisten zu können ohne Gegendruck aufzubauen.

Es ist dafür essentiell, den Körper wahrzunehmen, um nicht nur »über« etwas nachzudenken oder »über« etwas zu sprechen. Stattdessen geht es darum, das Geschehen im Körper zu spüren und generell mehr im Körper verankert zu sein. 

Wenn Sie etwas im Körper spüren, verlangsamen Sie sich. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, denn Druck führt immer dazu, dass alles schneller und hektischer wird. Die Angst, eine bestimmte Bedingung nicht erfüllen zu können, führt außerdem immer aus dem Körper heraus; ich orientiere mich dann lieber an Maßstäben anderer, anstatt mir selbst zu begegnen und zu verstehen, was für mich Wichtigkeit und Stimmigkeit hat.

Interessante Herausforderungen finden

Jede Schwierigkeit, der Sie begegnen, ist im Focusing eine interessante Herausforderung: Wo im Körper kann ich dies spüren? Wie schaffe ich es, mich nicht vereinnahmen zu lassen? Wie gelingt es, interessiert und offen zu bleiben? Wie kann ich wahrnehmen und beschreiben, was tatsächlich in mir passiert? Wie übernehme ich Verantwortung für meine Schwierigkeiten und Ziele? Wie kann ich gelassen bleiben im Angesicht von starkem Druck?

Focusing ist etwas für alle, die sich generell Zeit nehmen möchten und die gerne in die erlebten Schwierigkeiten ergebnisoffen hineinspüren und neue Lösungswege entdecken wollen. In Bezug auf Druck geht es dabei unter anderem um die Klärung folgender Fragen: 

  • Wie setze ich mich genau unter Druck? Hier erarbeiten wir die konkreten Sätze, wie Druck gemacht wird (z.B.: So wirst du das nie schaffen; wenn du das nicht schaffst, dann…; das ist nicht perfekt; du kannst doch jetzt noch nicht aufhören!) bzw. Regeln, die in der Herkunftsfamilie galten (z.B.: Nur wer abends richtig müde ist, hat richtig gearbeitet)
  • Wie kann ich mit Druck umgehen ohne Gegendruck zu machen? Wir lernen eine Strategie, aus dem Druckgeschehen auszusteigen und stattdessen einen offenen, interessierten Blick zu praktizieren.
  • Wie kann ich Druck in konkreten Situationen differenzierter verstehen? Wir fangen an, den Druck »umzudrehen« und die positiven und stärkenden Aspekte zu betrachten, die im Kern des Druckgeschehens liegen. Dazu ist es wichtig, sich dem Druck zu stellen und in Ruhe zu betrachten.
  • Wie kann ich langfristig eine gute Zusammenarbeit finden mit den Teilen in mir, die gerne Druck machen? Hier geht es um das Aufspüren einer realistischen Sicht auf die eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen, sodass die Idee »Druck machen zu müssen« in den Hintergrund treten kann.

 

Elmar Kruithoff kommt am 3. und 4. März 2018 zu einem Focusing-Workshop und Focusing-Level-1-Training nach Zürich.

 

Artikelfoto: Pixabay - Geralt

Über Elmar Kruithoff

Elmar Kruithoff, Focusing-LehrerElmar Kruithoff ist Diplom-Psychologe und der Gründer des Zentrums für Focusing-Kompetenzen. Er arbeitet mit Menschen daran, ihre Beziehungen, Entscheidungen und Selbstfürsorge zu verbessern, indem sie lernen, ihr inneres Erleben achtsam zu explorieren und ihr inneres Handeln in Richtung Empathie und Akzeptanz zu verändern. Elmar spricht Deutsch, Englisch und Dänisch. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Auf seiner Website können Sie mehr über ihn erfahren: http://www.focusing-center.com/ueber.html

Interview mit Elmar Kruithoff auf Leben-ohne-Limit

 

Schlagwörter: Slowing-down, Selbstmanagement, Entschleunigung, Stressbewaeltigung, Achtsamkeit, Koerperwissen, Embodiment, Gastartikel

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