Die Negativitätstendenz des Gehirns ausbalancieren

09.02.2017, Regina Schlager

Stellen Sie sich vor, Sie halten einen Vortrag vor 100 Leuten. Danach bekommen Sie begeistertes Feedback von 30 Zuhörern. Eine Person wendet sich allerdings mit folgenden Worten an Sie: »Das war total öd. Haben Sie überhaupt eine Ahnung, wovon Sie sprechen? Und wie Sie herumgezappelt sind, nicht auszuhalten.» Es ist anzunehmen, dass die negative Rückmeldung Ihnen besonders nahegeht und Sie die positiven Rückmeldungen dabei übersehen. Das hat einen Grund. Und das muss nicht so sein. Sie können diese Tendenz, vom Negativen absorbiert zu werden, ausgleichen.

Negative Kritik bleibt stärker haften als positive

Dass negative Kritik stärker haften bleibt, ist durchaus normal. Warum ist das so? Unser Gehirn hat eine Negativitätstendenz. Das erklären wir uns heute evolutionsgeschichtlich so, dass es in der Frühgeschichte der Menschheit wichtig war, uns in erster Linie auf die Gefahren zu konzentrieren. Für die Menschen in der afrikanischen Steppe war es buchstäblich überlebenswichtig, mit allen Sinnen aufmerksam zu sein, ob sich ein hungriger Löwe nähert. Und auch der Mensch später in den dichten Wäldern Europas musste aufpassen, nicht einer Bärin zu nahe zu kommen, die ihr Kind mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kräften zu schützen bereit war.

Das hatte Auswirkungen auf die Entwicklung unseres Gehirns. Negative Reize werden stärker verarbeitet und bahnen sich stärker im Gehirn. Die negative Kritik auf den Vortrag bleibt wie an einem Klettband haften, wo sie sich nicht so leicht wieder ablösen lässt. Die 30 positiven Feedbacks wirken wie in einer Teflon-Pfanne, die ja gerade daher so beliebt ist, weil beim Kochen nichts so leicht anklebt.

Als Ausgleich positive Erfahrungen bewusst in uns aufnehmen

Wenn sich nun aber unsere Gedanken ständig um »Probleme« drehen, werden wir nicht wirklich ausgeglichen und zufrieden sein. Es wird uns schwer fallen, unsere Berufung zu gestalten. Es hat auch Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Wir fühlen uns gestresst, und das führt auch zu körperlichen Symptomen. Was in gefahrvollen Ausnahmesituationen eine angemessene, gesunde Reaktion ist, wird zum Dauerzustand.

Doch wir sind dem nicht hilflos ausgeliefert. Wir können diese Tendenz, uns auf das Negative zu fokussieren, ausbalancieren. Wie? Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf das richten, was für uns positiv ist. Damit meine ich durchaus nicht das »positive Denken», wo wir alles nur mehr durch eine rosarote Brille sehen dürfen und Gefühle wie Trauer und Angst nicht mehr erlaubt sind. In uns dürfen sich alle Gefühle zeigen, sie sind unsere momentane Realität. Die Frage ist nur, ob wir aus den als schwierig empfundenen Momenten ein Drama machen: »Warum passiert mir das? Hätte ich doch anders gehandelt. Ich bin schlecht.» Das fügt dem Schmerz noch das Leiden hinzu.

Wie können wir vorgehen? Eine Möglichkeit ist, uns darauf zu besinnen, wofür wir dankbar sind. Die sogenannten Kleinigkeiten des Alltags, die wir so leicht übersehen, eignen sich gut dafür: Eine Person lächelt mich herzlich an, der Berg vor meinem Fenster leuchtet in der Abendsonne, der Schluck Tee wärmt meinen Rachen angenehm.

Im Falle des Vortrags könnten Sie die positiven Rückmeldungen besonders in den Blick nehmen.

Erfahrungen aktiv erleben, um sie zu verankern

Damit sich diese Erfahrungen verankern, gilt es, sie aktiv zu erleben: Das heißt, die kognitive, die emotionale und die körperliche Wissensebene einzubeziehen. Wir können das üben, wenn wir uns eine erlebte Situation wieder ins Bewusstsein holen, uns hineinversetzen und so viele Sinneseindrücke wie möglich einbeziehen: Bilder, die in uns aufsteigen, Farben, Gerüche, Geräusche, taktile Empfindungen, Gefühle und Körperempfindungen.

Dabei bilden sich neue Strukturen im Gehirn, die nun für positive Erfahrungen stehen. Das braucht Zeit und Wiederholung. Mit regelmäßiger Übung tragen Sie dazu bei, sich sicher und zufrieden zu fühlen und Ihr Immunsystem zu stärken. Das fördert Ihre Resilienz. Sie spüren die Kraft, das umzusetzen, was Ihnen wirklich wichtig ist.

 

Literaturhinweise

Rick Hanson: Das Gehirn eines Buddha. Die angewandte Neurowissenschaft von Glück, Liebe und Weisheit. 2. Aufl. Arbor-Verlag 2010. Interessante Hintergründe und Übungen zum Thema. Daraus stammt auch das Bild mit dem Klett und dem Teflon.

In meinem 7-seitigen, kostenlosen PDF »3 Zutaten für mehr Gelassenheit in Zeiten des Übergangs» gehe ich mit der Zutat »Das Positive stärken» auf die Negativitätstendenz des Gehirns ein und führe durch eine Übung.

Regina Schlager

Viele Menschen befinden sich heute in einer Phase des Wandels. Das Alte passt nicht mehr, das Neue ist noch nicht da oder fühlt sich noch sehr unsicher an. Auch als Gesellschaft befinden wir uns weltweit in einer Zeit des Übergangs. Als Coach, Gastgeberin, Autorin und geerdete Philosophin begleitet Regina Schlager in diesen Transformationsphasen. Sie öffnet Räume, um in lebendigen, kreativen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln.

 

Schlagwörter: Wachstum, Selbstmanagement, Achtsamkeit, Berufung

3 Kommentare

Mirjam at 09.02.2017:

Das ist wundervoll Regina. Und man trifft es so oft im Alltag an... mannohmann wie man immer hängen bleibt an der Kritik... danke Dir sehr für die Erinnerung :-). Herzlich, Mirjam

Susanne at 15.02.2017:

Als Künstlerin ist man immer Kritik ausgesetzt (positiver und negativer)..... das Fazit in meiner Karriere war nichts darauf zu geben, weder auf die guten noch die schlechten Kritiken. Wenn wir die guten aussuchen, sind wir stolz aus falschem Grund und wenn wir die schlechten aufnehmen, sind wir bedrückt und traurig aus falschem Grund. Einfach das tun, was zu tun ist, es als einen Prozess betrachten, seinen ganz eigenen Prozess! Allgemein wäre es sehr hilfreich für uns alle, wenn "Feedback" geben dazu führt, dass es uns unterstützt auf dem Weg, den wir gehen. Das ist lernbar..... und wäre eine wertvolle, kreative, nicht bewertende oder interpretierende Resource für alle Menschen. Ein sehr interessantes Thema!

Regina Schlager at 16.02.2017:

Das ist ein wichtiger Aspekt mit dem unterstützenden Feedback, vielen Dank dafür. Ich bin auch überzeugt, dass es lernbar ist. Voraussetzung dafür ist meines Erachtens, dass man sich selbst mit allem wahrnehmen kann, das in einem auftaucht, z.B. bei Kritik. Wenn man da eine "Pause" einlegen kann, bevor man darauf reagiert, gewinnt man Freiheit. Schön, dass Sie Ihren ganz eigenen Prozess leben und nicht von der Kritik abhängig sind.

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