Grenzen setzen oder doch weiterhin Duldsamkeit?

15.03.2017, Regina Schlager

»Woher kommt unsere gottverdammte Duldsamkeit?« Dieser Satz sitzt. Ausgesprochen von Leila Dregger bei ihrer Lesung in Zürich am 7. März 2017, am Vorabend des Internationalen Tags der Frau. Sie stellte ihr Buch: »Frau-Sein allein genügt nicht. Mein Weg als Aktivistin für Frieden und Liebe« vor, das in der Edition Zeitpunkt erschienen ist. Nicht mehr alles zu erdulden, das hat entscheidend damit zu tun, ob wir Grenzen setzen und Nein sagen können. Doch das fällt vielen schwer. Ihnen vielleicht auch?

Ich selbst bin lange in einem Job geblieben, bei dem ich einen Großteil meines Potenzials und meiner Persönlichkeit nicht einbringen konnte. Oft saß ich in Meetings und fühlte mich, als würde aus meinem Körper die Energie entweichen wie die Luft aus einem Ballon, zurück blieb eine leere Hülle. Und die machte den Mund nicht auf. Und heute bin ich mir bewusst, dass wir die Erde mit Plastik zumüllen und Produkte unter unfairen Bedingungen hergestellt werden, und gehe doch immer wieder in den Supermarkt anstatt, wie ich es mir vornehme, nur mehr auf Märkten einzukaufen: Da entscheide ich mich für die Bequemlichkeit und den günstigeren Preis.

Leila Dregger bezog den Satz mit der Duldsamkeit auf diese Zwickmühle: Wir wissen, dass wir so nicht weitermachen können wie bisher und bleiben doch im gleichen Trott.

Ein Aha und tiefe Resonanz lösten die drei Faktoren aus, die sie am Schluss der Veranstaltung zu der Frage nannte: Was können wir zu positiver Veränderung beitragen?

1.    Nein-Sagen
2.    Wozu sagen wir Ja?
3.    Die tiefen Ursachen finden, warum wir so viel Zerstörung anzetteln
Ihre Überzeugung ist: Wir sind nicht von Natur aus zerstörerisch, da ist irgendwas im Laufe unserer Geschichte passiert, und das ist korrigierbar.

Für mich weiß ich: Ich will mich selbst wertschätzen, ein bewusstes Leben führen und das ausdrücken, wozu ich hier bin auf der Welt. Schon vor einiger Zeit bin ich zur Einsicht gekommen, dass es dafür notwendig ist, gesunde Grenzen setzen zu können. Dazu gehört für mich, Nein zu sagen zu dem, was mir schadet. Denn wie kann ich meine Berufung leben, wenn ich keine Energie dafür habe? Wenn die Glut meines inneren Feuers in Gefahr ist zu erlöschen? Und dazu gehört für mich ebenfalls, Nein zu sagen zu Umständen, die nicht meinen Werten entsprechen und mir im Herzen weh tun.

Jede wirkliche Veränderung beginnt mit Menschen, die mutig aufstehen und Nein sagen.

Das kann die persönliche Entwicklung betreffen und gesellschaftliche Verhältnisse, meist geht das ja Hand in Hand. Denken wir nur an die Frauen, die sich für das Wahlrecht einsetzten.

Gerade läuft der Film »Die göttliche Ordnung«, der die Geschichte von Nora, einer jungen Hausfrau und Mutter erzählt, die sich 1971 öffentlich für das Frauenstimmrecht in der Schweiz einsetzte. Sie lebt in einem kleinen Dorf. Plötzlich wird sie nicht mehr von allen gemocht. Das ist wohl das, was wir am meisten fürchten und das uns abhält, für das einzutreten, was uns wirklich wichtig ist: ausgestoßen zu sein aus der Gemeinschaft. Was uns auch droht, ist die Erfahrung von Gewalt. Es ist nur allzu menschlich, davor zurückzuschrecken.

Nora setzt sich FÜR etwas ein. Sie bleibt nicht beim Nein gegen herrschende Verhältnisse stehen. Auch ich will nicht dabei stehen bleiben.

Meinen Weg zu gehen schließt für mich ein, zu fragen: Was ist mein tieferes Warum? Wozu sage ich aus tiefstem Herzen Ja?

Das hat zu tun mit meinen Werten. Damit, wofür ich Sorge tragen will. Und das weist über mich und meine persönlichen Bedürfnisse hinaus. Es bedingt, über meinen Tellerrand zu schauen und mich umzublicken, was so vorgeht in der Welt. Zu ergründen, warum wir Menschen so häufig Leben zerstören anstatt es zu ermöglichen und zu fördern. Was sind die tieferen Ursachen? Warum handeln wir so, und wie könnte es auch anders gehen? Welche Beispiele gibt es bereits? Das tue ich schon einige Zeit, bislang allerdings eher im Verborgenen, nur so für mich.

Wenn ich mit dem verbunden bin, was mich im Innersten ausmacht, dann fühle ich mich nicht abgetrennt von den anderen. Dann machen Vorstellungen von Konkurrenz und einander bekämpfen keinen Sinn für mich. Dann freue ich mich darüber, wenn meine Coaching-Kollegin in ihrer Arbeit aufgeht und einen Workshop veranstaltet, mit dem sie viele Menschen bei einem wichtigen Thema abholt; ich leite die Veranstaltung weiter, auch wenn sie Ähnliches anbietet wie ich selbst. Dann unterstützte ich die Basilikum- und Tomatensetzlinge auf meiner Fensterbank, indem ich ihnen regelmäßig Wasser gebe und sie in ein größeres Gefäß mit neuer Erde umtopfe, wenn das alte zu klein für sie geworden ist. Ich achte darauf, dass sie genug Licht bekommen.

Ist es einfach, aus der Duldsamkeit herauszukommen? Ganz und gar nicht. Und das will ich auch gar niemandem versprechen. Es ist auch kein einmaliger Schritt, sondern ein Prozess. Bei dem können wir uns gegenseitig unterstützen.

Im Courage Circle am 16. März 2017 und am 3. April 2017 lade ich zu einem Dialog über das Thema »Gesunde Grenzen setzen» ein. Im Ganztagesworkshop am 1. April 2017 geht es darum, die eigenen Grenzen besser kennenzulernen und das tiefere Ja hinter dem Nein zu ergründen.
Ihre Anmeldung ist für alle Veranstaltungen noch möglich. Melden Sie sich bei Interesse doch per E-Mail bei mir.

Buchhinweis:

Leila Dregger: Frau-Sein allein genügt nicht. Mein Weg als Aktivistin für Frieden und Liebe. Edition Zeitpunkt 2017

 

Foto: Danke nickverlaan auf pixabay.com

Regina Schlager

Viele Menschen befinden sich heute in einer Phase des Wandels. Das Alte passt nicht mehr, das Neue ist noch nicht da oder fühlt sich noch sehr unsicher an. Auch als Gesellschaft befinden wir uns weltweit in einer Zeit des Übergangs. Als Coach, Gastgeberin, Autorin und geerdete Philosophin begleitet Regina Schlager in diesen Transformationsphasen. Sie öffnet Räume, um in lebendigen, kreativen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln.

Schlagwörter: Leadership, Selbstmanagement, Potential, Veraenderung, Berufung

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