Geld, Mangel und Fülle - dem blinden Fleck auf der Spur

04.05.2017, Regina Schlager

In meinem letzten Blogartikel habe ich darüber geschrieben, dass ich den »Courage Circle: Für Frauen, die mit Mut und Herz den eigenen Weg gehen« nun mit dem Bezahlmodell im Rahmen einer Geschenkökonomie anbiete. Mit diesem Artikel beginne ich, mich näher mit den Hintergründen dieser Entscheidung zu befassen. Das Leitmotiv heute ist: »Geld, Mangel und Fülle - dem blinden Fleck auf der Spur»

Im Juni 2012 machte ich mich selbständig. Zuvor war ich immer angestellt gewesen. Ich war es gewohnt, dass monatlich in schöner Regelmäßigkeit ein vorhersehbarer Betrag auf meinem Konto einlangte. Das war nun nicht mehr so.

Für mich zeigte sich, dass die Selbständigkeit als Arbeitsform eine intensive Lebensschule ist, wurde ich doch mit meinen tief sitzenden Annahmen und Ängsten in Bezug auf Geld konfrontiert.

Geld verdienen, Geld haben, das ist ein so wesentlicher Faktor unserer gegenwärtigen Welt. Unsere Sprache zeigt uns viel auf: Haben wir Geldsorgen, dann sprechen wir von »Existenzängsten«, mit der Gründung eines Unternehmens werden wir zum »Existenzgründer«, wir verdienen unseren »Lebensunterhalt«. Geld wird mit »Leben« und »Existenz« verknüpft. Kein Wunder, dass unser Verständnis von Sicherheit so sehr mit Geld verbunden ist.

Schon in Vorbereitung auf den Schritt zur Unternehmerin und ganz intensiv in der Phase der Gründung habe ich mich mit Marketing und Verkauf beschäftigt: Kurse besucht, Webinare angehört, allerhand gelesen, mich mit Leuten ausgetauscht. Mir hat das sogar Spaß gemacht, was ich mir früher gar nicht hätte vorstellen können. Jetzt war es nicht mehr abstrakt, sondern vielmehr eine notwendige Bedingung, um meine Bestimmung zu leben und »mein Eigenes« in die Welt zu bringen.

Zunehmend machte sich allerdings ein Unbehagen in mir breit.

Ich las und hörte bei Coaches und Beratern »Nimm das Geld und freu dich dran«, »Geld ist neutral, basta«, »Reichtum ist nicht nur eine Möglichkeit. Es ist ein Geburtsrecht«. Ganz häufig begegnete mir die Aussage »Bleib nicht länger im Mangeldenken, öffne dich der Fülle. Wenn du das tust, dann fließt dir auch Geld in Fülle zu«.

Nun sind diese Sätze natürlich aus dem Zusammenhang der Bücher und Artikel gerissen, in denen sie stehen. Und das kann zu einem unfairen, verzerrten Bild führen. Das ist mir bewusst. Ja, auch ich bin davon überzeugt, dass ich zunächst bei mir und meinen Glaubenssätzen ansetzen muss. Dass ich mich oft selbst klein machte und das, was ich zu geben habe, nicht als wertvoll ansah. Und dass sich das darauf auswirkt, welche Resonanz ich mit meiner Arbeit auslöse - und die Einnahmen dementsprechend niedrig waren.

Ich finde es ebenso sehr verständlich, Menschen bei ihrem Bedürfnis abzuholen, mit ihrer Arbeit so viel einzunehmen, dass sie sich ihr Leben damit finanzieren können. Es gibt so viele, die heute ihre Berufung leben und ihren Beitrag zu einer lebenswerten Welt geben wollen. Und nicht wenige wollen das als Coaches und Berater tun. Kein Wunder, dass da Angebote wie »So kannst du mit Coaching richtig gut Geld verdienen« gut ziehen. Es wird bei diesen Beratungsangeboten häufig in Aussicht gestellt, reich zu werden. Ganz abgesehen davon, was eigentlich unter reich verstanden wird (ab welchem Jahreseinkommen und Vermögen zählt man als reich?), wird Reichtum offensichtlich als erstrebenswertes Ziel angesehen. Ja, wie in obigem Zitat ersichtlich, als Recht, das einem zusteht.

Beim Thema Berufung beobachtete ich ein euphorisches »Alles ist möglich, wenn du es nur willst«. Mir fehlte hier eine weitere Perspektive auf gesellschaftliche Zusammenhänge jenseits von »Du fühlst dich ja bloß als Opfer der Verhältnisse«.

Bei all dem, was ich da so über Geld und Berufung hörte und las, spürte ich: Da ist ein blinder Fleck. Da kommt etwas nicht in den Blick.

Ich fragte mich: Liegt dem von mir empfundenen Unbehagen etwas Tieferes zugrunde, womöglich etwas, das mich auf etwas Wichtiges und Wertvolles hinweist? Könnte es sein, dass es nicht bloß ein individuelles, psychologisches »Störungsmuster« ist, wie Petra Bock in ihrem Geld-Buch die Glaubenssätze »Ich habe es nicht verdient«, »Ich bin nicht gut genug«, »Die Welt ist schlecht« bezeichnet? Ich entschloss mich, ernst zu nehmen, was ich dachte, fühlte und empfand, kurz: meinem eigenen Erleben zu vertrauen.

Nicht erwähnt fand ich bei all diesen Quellen über Marketing, Verkauf und Geld etwas von systemischen Zusammenhängen. Der blinde Fleck ist unser Geldsystem. Wie es funktioniert, welche Auswirkungen es hat.

Etwas in mir geriet ins Wanken. Zunehmend stieß ich auch auf andere Quellen, die das derzeitige Geld- und Wirtschaftssystem nicht als Naturgesetz hinnehmen und neue Horizonte öffnen. Vor allem Charles Eisenstein hat mich hier sehr inspiriert, und tut es immer noch. Ich stellte fest, wie sehr ich mich selbst jahrzehntelang in der vorherrschenden Geschichte über Geld und die Wirtschaft eingerichtet hatte. Jetzt passten die Teile nicht mehr zusammen. Wie ein Kartenhaus, das ich bis dahin als stabil empfunden hatte, und das nun in Bewegung geriet.

  • Ist es im derzeitigen Geldsystem überhaupt möglich, dass alle reich werden? Oder bescheidener: Ist es systemimmanent überhaupt möglich, dass alle Coaches, Berater, Therapeuten, Heiler von ihrer Arbeit »gut leben«? Wenn das jemand nicht schafft, ist es dann wirklich bloß ein eigenes Versagen? (»Wenn ich es geschafft habe, schaffst es auch du!«)
  • Ist Geld wirklich ein neutrales Tauschmittel?
  • Wie funktioniert Geld eigentlich?
  • Wie ist unser Lebensstil in Europa überhaupt möglich? Welche Auswirkungen hat er auf Menschen in anderen Ländern? Welche Auswirkungen hat er auf die Natur?
  • Gibt es systemische Ursachen für die Symptome von Gier, Konkurrenz und Burnout?

Damit nenne ich nur ein paar Fragen, die für mich aufbrachen und die mich seitdem beschäftigen. Die Diskussion darüber finde ich sehr wichtig. Und eigentlich wünsche ich es mir nicht als Diskussion, sondern als Dialog. Dass wir wegkommen von »Das ist wahr, ich habe recht - das ist falsch, du hast unrecht, ich bin gut - du bist schlecht« und hingehen zum Ausloten von Sichtweisen, Erfahrungen und neuen Möglichkeiten.

Eine offene, wertschätzende Auseinandersetzung damit ist aus meiner Sicht an der Zeit.

 

Der nächste Courage Circle: Für Frauen, die mit Mut und Herz ihren Weg gehen findet am Montag, den 8. Mai 2017 in Zürich statt. Wir nehmen das Thema Mut entwickeln in den Fokus. Info und Anmeldung.

Regina Schlager

Viele Menschen befinden sich heute in einer Phase des Wandels. Das Alte passt nicht mehr, das Neue ist noch nicht da oder fühlt sich noch sehr unsicher an. Auch als Gesellschaft befinden wir uns weltweit in einer Zeit des Übergangs. Als Coach, Gastgeberin, Autorin und geerdete Philosophin begleitet Regina Schlager in diesen Transformationsphasen. Sie öffnet Räume, um in lebendigen, kreativen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln.

Schlagwörter: Berufung, Neue-wirtschaft, Marketing

Kommentare werden vom Moderator freigeschaltet

Kommentar hinzufügen

* Felder sind erforderlich