Vorteilhaft mit Druck und Unklarheit umgehen – Wie geht das? Ein Interview mit Elmar Kruithoff

27.01.2018, Regina Schlager

Mit dem Focusing-Lehrer Elmar Kruithoff sprach ich über Offenheit, Neugierde und die Bedeutung des Körpers. Er kommt im März zu einem Seminar nach Zürich.

Hallo Elmar. Du kommst mit einem Seminar nach Zürich, der Titel ist »Wege aus Druck und Unklarheit finden«. Ich möchte gerne zu Beginn aus der Sicht von jemandem fragen, der Focusing noch nicht oder noch wenig kennt und sich für das Seminarthema und deine Arbeit interessiert: Ist Druck etwas, mit dem viele Menschen zu dir kommen?

Ja, und ich glaube, wir kennen Druck eigentlich alle. Druck entsteht immer dann, wenn ich das nicht darf oder »kann«, was ich eigentlich gerne denke, tue oder fühle. Stehe ich unter Druck, dann sage ich aber nicht unbedingt »ich stehe unter Druck«, sondern ich bin einfach frustriert, unzufrieden und fühle mich vielleicht schlecht, klein, nicht dazugehörig, ungeliebt, zerrissen oder unzulänglich.

Wenn ich mit solch einem Gefühl zu dir komme, wie geht es dann weiter?

Mir wäre es wichtig, dass du zuerst einmal dem begegnest, was sich in dir abspielt. Ich würde dir helfen, klar zu formulieren und im Körper zu spüren, wie genau innerer Druck aufgebaut wird. Dadurch bekommst du einen Zugang, der viel langsamer ist, als du es im Alltag wahrnimmst. Darüber kann es dann zu einem Erkennen und zu einer mitfühlenden Annahme kommen – und dies ist ein wichtiger Punkt: Wenn du anerkennst, wie es jetzt gerade ist, fängst du an, dich daraus zu befreien.

Wenn ich mich weiter in diese Person hineinversetze, die Resonanz bei diesem Thema spürt, stelle ich mir vor, dass ich den Druck aber lieber loswerden möchte. Denn der fühlt sich gar nicht gut an!

Genau. Du möchtest das und du hast das vielleicht auch schon jahrelang versucht. Es hat nicht funktioniert. Es hat die Situation wahrscheinlich sogar »verschlimmbessert«, und es entsteht eine Spirale aus Druck und Gegendruck. In solch einem inneren Kampf zu stecken, das ist wirklich unangenehm und führt nirgendwo hin. Im Seminar zeige ich stattdessen eine Methode, mit deren Hilfe du aus den inneren Kämpfen aussteigen kannst, indem du anfängst, dich dafür wirklich zu interessieren.

Das hört sich zunächst ja paradox an: Wie kann ich aus etwas aussteigen, wenn ich dem sogar noch besondere Aufmerksamkeit gebe?

Das liegt einfach daran, dass da eben viel mehr versteckt ist, als du erst einmal annimmst. Auf der Oberfläche sieht es so aus, als ob ich Druck und Frust am besten wegmachen sollte. Aber wenn du genauer hinschaust, dann fängst du an, Schätze zu finden: Zum Beispiel ist ein wichtiger Schritt in Worte fassen zu können, wie genau eigentlich Druck ausgeübt wird. Sage ich vielleicht zu mir »Du bist nur in Ordnung, wenn du am Ende des Tages vollkommen platt bist« oder ist es »Du kannst diesen Auftrag nur annehmen, wenn du im Vorhinein weißt, wie du ihn perfekt ausführen kannst«? Das ist ein großer Unterschied!

Ja, im ersten Beispiel geht es darum, ab wann ich als Mensch in Ordnung bin, und im zweiten ist es eher eine Frage von Selbstzweifel, ob ich gut genug bin.

Mir ist es wichtig zu zeigen, wie spannend und fruchtbar die Auseinandersetzung mit mir selbst ist. Es kommen beim Hineinspüren so viele wichtige Details zutage, und jedes Detail kann ich dann zu meinen Gunsten nutzen. ich fange ja an, mich neu zu verstehen und annehmen zu können, anstatt mich immer nur selbst zu bekämpfen.

Welche Rolle spielt dabei der Körper?

Für mich ist der Körper einfach eine perfekte zusätzliche Quelle, um mich langsam und ausführlich mit einer Fragestellung zu beschäftigen. Das ist ein sehr spannender Aspekt dieser Arbeit. Es geht nicht nur ums Reden, sondern vor allem darum, nachzuspüren…

… zum Beispiel?

Ich nenne das dann im Seminar zum Beispiel »Ich nehme mir Zeit wahrzunehmen, was in Bezug auf dieses Thema in mir auftaucht« – und dann lasse ich mich überraschen. Es ist ja eines meiner Ziele, Neues zu erfahren. Gleichzeitig ist es mir wichtig, langsam voranzugehen und in einem guten Kontakt mit mir zu sein, also nicht irgendeinem Hype zu folgen, der mich dann wieder aus mir herauszieht. Wer an dem Seminar in Zürich teilnimmt, der lernt definitiv, sich selbst als erste Informationsquelle zu konsultieren.

Das finde ich schön und äußerst wichtig, die entscheidende Autorität in sich selbst zu finden. Diesen Zugang, in den Körper zu spüren, kennen manche vielleicht auch schon aus ähnlichen Ansätzen, z.B. der Meditation oder der Körperarbeit; und den Körper einzubringen ist bei meiner Arbeit im Coaching und in Workshops ganz entscheidend.

Den Körper wahrzunehmen braucht in meiner Erfahrung Zeit, die aber gut investiert ist. Man kann sich das vorstellen wie eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Ziel der Klärung und Entwicklung. Daraus entsteht dann Vertrauen in das, was ich zu einer Fragestellung wahrnehme; und je tiefer ich darin verwurzelt bin, desto sicherer werde ich mit mir. Ich weiß dann einfach, was gut und was schlecht ist im Moment für mich.

Wenn ich immer auf den Körper höre und mir Zeit dafür lasse, dann entsteht Raum; und den brauche ich, um mich wohlzufühlen und klar zu werden. Wenn mir ein Coach keine Zeit gibt, in mich hineinzuhorchen, dann fühle ich mich gedrängt und wenig gehört; es wird dann schwierig, wirklich eigene Ideen nach vorne zu bringen.

Ja, Zeit und Raum, das ist so wichtig! Kannst du zum Abschluss noch etwas konkreter auf das Seminar in Zürich eingehen. Was genau erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer?

Sehr gerne. Wir nehmen uns in dem Seminar in Zürich an dem Wochenende zwei Tage Zeit für uns selbst. Wir arbeiten in einer überschaubaren Gruppe von maximal 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, an einem schönen, hellen Ort. Die Atmosphäre ist wichtig für das Erforschen und Lernen. Du bist ja die Organisatorin und Gastgeberin. Ich bin davon überzeugt, dass du einen einladenden Rahmen gestaltest, in dem sich alle wohlfühlen können. Und ich selbst freue mich sehr darauf, dieses Seminar in Zürich zu geben.

Um noch etwas näher auf das Thema und die Vorgehensweise einzugehen: Es geht um das Kennenlernen konkreter Schritte, mir selbst langsam und mit neuen, offenen Augen zu begegnen. Dazu nutzen wir unsere Wahrnehmung, die am vollständigsten ist, wenn ich im Körper spüre, was mich bewegt. So bekommen die zugehörigen Gedanken, Gefühle, inneren Bilder und Körpersensationen ihren Platz und können an einer konstruktiven Entwicklung mitwirken.

Wir bewegen uns weg aus der Welt von schnellem Druck und Gegendruck und werden neugierig darauf, wie es anders gehen könnte. Dazu gilt es herauszufinden, welche Haltung ich brauche, um neue Entwicklungen und Möglichkeiten sehen zu können. Sicherlich wird diese neue Haltung etwas mit Akzeptanz und Nichtwissen zu tun haben – sowie damit, sich dem zu stellen, was schmerzhaft oder noch unklar ist.

Gibt es noch etwas, was dir am Herzen liegt?

Mir ist wichtig, dass ich in diesem Seminar Schritte zeige, die nach dem Seminar weiter geübt werden können. Diese Nachhaltigkeit liegt mir am Herzen. Wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch nach dem Seminar dranbleiben und regelmäßig miteinander üben, dann habe ich meinen Job richtig gemacht. Wir werden dazu Möglichkeiten vorstellen. Wer mittelfristig planen kann, sich auseinandersetzen möchte und nicht nur eine schnelle Lösung sucht, der ist bei diesem Seminar auf jeden Fall richtig.

Ich danke dir ganz herzlich, Elmar. Bis bald in Zürich!

Nähere Infos zum Seminar/Workshop:

Workshop und  Focusing Level 1 Training mit Elmar Kruithoff am 3. und 4. März 2018 in Zürich, Schweiz

Regina Schlager

Viele Menschen befinden sich heute in einer Phase des Wandels, sowohl im persönlichen wie auch im beruflichen Bereich. Das Alte passt nicht mehr, das Neue ist noch nicht da oder fühlt sich noch sehr unsicher an. Auch als Gesellschaft befinden wir uns weltweit in einer Zeit des Übergangs. Als Coach, Gastgeberin, Autorin und geerdete Philosophin begleitet Regina Schlager in diesen Transformationsphasen. Sie öffnet Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln.

Schlagwörter: Zeit, Entschleunigung, Stressbewaeltigung, Achtsamkeit, Koerperwissen, Selbstfreundschaft, Veraenderung, Interview, Embodiment

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