Gesunde Grenzen (2): »Sei brav und gib Tante Resi einen Kuss«

11/12/18, Regina Schlager

In meinem Artikel »Gesunde Grenzen (1): Zwei Mythen« habe ich auf zwei Sichtweisen in Bezug auf unsere Grenzen hingewiesen, die weder für einen persönlich noch für Beziehungen hilfreich sind. Doch wie entstehen überhaupt solche Sichtweisen? Solche Geschichten, die wir uns erzählen und die unser Leben prägen? Sie wurzeln meist bereits in der Kindheit.

Sind Sie mit Bezugspersonen aufgewachsen, die selbst gesunde Grenzen hatten und pflegten? Wurde Ihr Gespür für Ihre Grenzen von den Erwachsenen respektiert? War das überhaupt ein Thema in der Familie oder in der Schule?

Als Kind wollte ich von einer bestimmten Freundin meiner Mutter nicht umarmt und geküßt werden. Ich kannte sie kaum. In ihrer Nähe zu sein war mir unangenehm: Etwas an ihrem lauten und überschwänglichen Wesen wirkte nicht echt auf mich. Ich machte wohl Andeutungen, mich ihren Begrüßungsritualen zu entwinden. Doch sie zog mich dennoch energisch an sich und drückte mir einen feuchten Kuss auf die Wange.

Vielleicht haben auch Sie gehört: »Sei brav. Gib Tante Resi einen Kuss«. Oder wie die Person bei Ihnen geheißen hat. Es wird damit unterschwellig mitgeteilt, dass du, wenn du es nicht tust, nicht »brav«, nicht liebenswert bist. Und das muss gar nicht beabsichtigt sein von den Erwachsenen, sie haben es einfach selbst nicht anders gelernt.

Jetzt könnte man behaupten, dass das doch alltägliche und harmlose Situationen sind, die keinem Kind schaden. Meiner Ansicht nach untergraben sie jedoch das intuitive Wissen eines Kindes um die eigenen Grenzen, den eigenen Raum. Und das Wissen, wann es wichtig ist, die eigenen Grenzen zu schützen: zum Beispiel durch ein deutliches Nein in einer bedrohlichen Situation.

Dieses Wissen, das sich in der frühen Kindheit als Gespür zeigt, nicht zu würdigen, hat Auswirkungen auf das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Und wenn ich meiner eigenen Wahrnehmung nicht trauen darf, dann wirkt sich das auf meinen Selbstwert aus.

Regina Schlager

Viele Menschen befinden sich heute in einer Phase des Wandels, sowohl persönlich wie auch beruflich. Das Alte passt nicht mehr; das Neue ist noch nicht da oder fühlt sich noch sehr unsicher an. Auch als Gesellschaft befinden wir uns weltweit in einer Zeit des Übergangs. Regina Schlager begleitet in diesen Phasen der Transformation als Coach, Facilitator und Autorin. Sie öffnet im Einzel- und im Gruppensetting Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln.

Schlagwörter: Selbstmanagement, Koerperwissen, Lebenskunst, Embodiment

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