In meinem Roman Stille Scham schreibt die Ich-Erzählerin Katrin am Schluss: »Jedes Leben zählt. Jedes Erlebnis zählt.«
Dieser Meinung bin auch ich.
Im Roman wollte ich die lange tabuisierten Erlebnisse von Frauen in KZ-Häftlingsbordellen im Zweiten Weltkrieg aus dem Schweigen holen.
Die eigene Stimme finden: für ein freies, erfülltes Leben
Es müssen nicht so krasse Erfahrungen sein wie die der Protagonistin in meinem Roman, die uns berechtigen zu sagen: Meine Geschichte zählt!
Und es bedeutet auch nicht, dass jedes Leben in einer Autobiografie oder einem Roman veröffentlicht werden sollte.
Was ich damit meine, zieht sich als roter Faden durch meine Arbeit und verwebt sich immer klarer zu einem Sinnzusammenhang mit Berufung, Coaching und kreativem Schreiben.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Drei Zeitebenen deiner Lebensgeschichte
Wie bin ich die geworden, die ich bin
Was waren entscheidende Stationen in meinem Leben?
Was war meine schönste Lebensphase, und warum?
Was trage ich noch als mich heute hindernden Rucksack herum?
Wie kann ich im Augenblick ankommen
Annehmen, wer ich bin?
Präsent sein im Hier-und-Jetzt?
Mich an alltäglichen Momenten erfreuen?
Was sind meine Wünsche und Sehnsüchte?
Was wünsche ich mir, habe ich aber noch nie gewagt?
Wo zieht es mich hin?
Welche kraftvolle Vision gibt mir Orientierung?
Warum auch die Vergangenheit ins Coaching gehört
Beim systemischen Coaching ist der Blick tendenziell nach vorne gerichtet. Bei meinen Ausbildungen wurde davor gewarnt, sich allzu sehr mit dem vergangenen Leben zu beschäftigen.
Das Vergangenheits-Tabu im systemischen Coaching
Mit den Menschen, die wir begleiten, in ihre Vergangenheit zurückgehen, gar die Kindheit? Dem wurde, wenn nicht mit einem Stoppschild, so mit einem großen Vorsicht-Schild Einhalt geboten.
Ich konnte und kann die Beweggründe sehr gut nachvollziehen und stehe dahinter: Es birgt für die Coachees einerseits die Gefahr, in einer Problemsicht zu verharren, und andererseits ist es als Coach wichtig, sich von Therapie abzugrenzen (und damit auch die eigenen professionellen Grenzen zu akzeptieren und einzuhalten – das ist wichtig!). Systemisches Coaching richtet sich an psychisch stabile Menschen, es fokussiert auf die Gegenwart und darauf, wo jemand selbstbestimmt und in eigener Verantwortung, hin will (Zielsetzung).
Und doch kam es mir zu starr vor.
Warum Lösungsorientierung allein nicht reicht
Mich störte zudem die intensive Ausrichtung auf Lösungen, die schnell zu finden seien. Wie soll das gelingen, ohne sich unter Druck zu setzen? Wie kann das nachhaltig sein, wenn hartnäckige Muster im Denken, Verhalten und Fühlen übergangen werden?
Achtsamkeit: Im Augenblick ankommen
Methoden der Achtsamkeit haben meine Arbeit erweitert und vertieft.
Geschenkte Momente: die kleinen Dinge wertschätzen
Achtsamkeit bezieht sich vor allem auf das bewusste Erleben des Augenblicks. Akzeptieren, was ist. Die sogenannten »Kleinigkeiten« beachten und schätzen: Den Duft des frisch gemahlenen Kaffees am Morgen, das Lachen eines Kindes, die Freundlichkeit eines Menschen, der einem die Tür aufhält. Ich spreche gerne von geschenkten Momenten.
Zufriedenheit entwickeln, auch wenn nicht alles stimmt
Solche Dinge und Situationen bewusst wahrzunehmen, braucht Übung, vor allem unsere Aufmerksamkeit, ein kurzes Innehalten.
Wenn wir das praktizieren, stellt sich ein Gefühl der Zufriedenheit ein. Vielleicht sogar Glück (obwohl dieses Wort, es klingt meist so groß!). Und das auch dann, wenn nicht alles passt für uns und wir etwas verändern und uns weiterentwickeln möchten.
Focusing: ein neuer Umgang mit sich selbst
Focusing setzt noch einen weiteren Akzent.
Statt verurteilen: neugierig erkunden, was da ist
Weg vom Verurteilen bestimmter Anteile in uns, hin zu einem interessierten, zugewandten Erkunden. »Ah, interessant, wenn jemand mich korrigiert, spüre ich Wut, fühlt sich an wie ein Feuerball im oberen Bauch. Lass mich damit näher in Kontakt gehen.«
Das schafft ein anderes Klima als ein harsches »Wenn ich Wut spüre, bin ich kein ausgeglichener Mensch, weg damit. Und überhaupt bin ich nicht gut genug«.
Kreatives Schreiben: die eigene Lebensgeschichte erzählen
2023 ist nach einer einjährigen Ausbildung zur Schreibpädagogin das kreative Schreiben zu meiner Arbeit hinzugekommen. Es versöhnt meine Arbeit als Coachin mit der Ebene der Vergangenheit und ergänzt sich hervorragend mit Focusing: Denn mit Hilfe von kreativen Schreibmethoden können wir auf sanfte Weise mit der eigenen Lebensgeschichte in Beziehung treten.
Schreibend blicken wir zurück auf unser Leben, wir arbeiten mit Erinnerungen, wir nehmen Fäden wieder auf und spinnen sie weiter.
Auch hier ist es mir wichtig, die Trennlinie zu therapeutischen Methoden zu ziehen. Beim kreativen Schreiben, wie ich es anbiete, handelt sich nicht um eine Schreibtherapie. Wir arbeiten nicht an der Aufarbeitung belastender Themen und Erinnerungen. Alles passiert achtsam und selbstverantwortlich: »Schau, wie weit du dich hineinlassen willst in den Schreibprozess; wenn sich etwas unangenehm anfühlt, grab nicht tiefer.«
Wenn wir schreiben, wenn wir uns mit uns selbst beschäftigen, sind immer Gefühle mit im Spiel. Und das ist gut so! Gefühle zuzulassen bringt uns in die Lebendigkeit. Zudem können wir uns beim Schreiben in Figuren hineinversetzen, unsere Texte werden farbiger.
Aber Gefühle sind nicht immer freudvoll. Beim autobiografischen Schreiben lade ich dazu ein, vor allem die positiven Erfahrungen einzuladen. Denn das wirkt ungemein stärkend.
Biografiearbeit: den roten Faden des eigenen Lebens erkennen
Sich den roten Faden des eigenen Lebens bewusst zu machen, ist so bedeutsam! Coaching und Schreiben werden damit zur Biografiearbeit.
Im Schreiben kommt alles zusammen: Wir sind offen dem gegenüber, was sich zeigen will; wir wissen um die eigene Verantwortung und das große Geschenk, das eigene Leben zu gestalten (auch wenn nicht alles in unserer Hand liegt). Wir schauen behutsam zurück und mutig voraus. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind mit dabei.
Zyklische Zeit: Was die Jahreszeiten über dein Leben erzählen
Bei der Biografiearbeit wirkt nicht nur ein lineares Verständnis von Zeit – ein Weg, der schnurgerade von gestern nach morgen führt –, sondern auch und gerade ein zyklisches: Immer wieder kehren wir zu Themen zurück, die uns beschäftigen und häufig auch belasten, und doch merken wir, es hat sich etwas verändert, wir dürfen nun wie auf einer Spirale in einen neuen Zyklus eintauchen.
Dabei hilft die Orientierung an den Jahreszeiten, die uns andere Rhythmen spiegelt als ein Geradeaus-schneller-höher-weiter.
👉 Zum kreativen Schreiben im Jahreslauf ist ein Artikel von mir im Fachmagazin SchreibRÄUME 2/2026 erschienen: »Herbst und Winter als Quelle der Kreativität« Siehe die Leseprobe des Hefts. https://verlag-punktgenau.at/leseprobe-schreibraeume-1-2026/
Nachdenkend, fühlend, spürend und schreibend erzählen wir unsere Geschichte. Wir tun das sowieso permanent. Immer geht es darum, auszuwählen, was für uns von Bedeutung ist, was wir anderen von uns anvertrauen möchten, woran wir uns erinnern wollen. Nur tun wir das nun bewusst. Wir dürfen den kreativen Prozess genießen. In vollen Zügen!
Tagebuch schreiben und Schreibwerkstatt: So geht es weiter
Tagesworkshop »Das Tagebuch als Begleiter«
Am Samstag, den 21.11.2026 tauchen wir in einem Tagesworkshop in Zürich einen Samstag lang ins Tagebuch schreiben ein. Weg vom verstaubten Image des Protokollbuchs mit Schlösschen hin zu vielfältigen Methoden, um Gefühle zu sortieren, Gedanken zu ordnen, sich zu erinnern, auszusöhnen, die Phantasie zu beflügeln …
Nähere Informationen zum Workshop »Das Tagebuch als Begleiter. Kreatives Schreiben für deinen Weg«
Schreibwerkstatt 2027: Schreiben über dich und dein Leben im Jahreslauf
In der Schreibwerkstatt 2027 spannt sich der Jahresbogen über autobiografisches Schreiben im Jahreslauf. Du lernst dich besser kennen, reflektierst über dein Leben, kommst in Kontakt mit deiner Kreativität. Du schreibst Texte, die angeregt sind von eigenen Erfahrungen. Es darf Spaß machen!
Als Einzelabend buchbar oder als Abo. Hier findest du eine ausführliche Beschreibung der Schreibwerkstatt in Zürich.