Was will jetzt im Herbst betrauert werden?

30. Oktober 2020, Regina Schlager

Ich mag den Herbst. Früher war das nicht so. Die Tage, die kürzer werden. Weniger Licht. Kälte. Nässe. Vor allem aber hatte es mit der Atmosphäre zu tun, die ich spürte. Doch es ist wohl gar nicht richtig ausgedrückt, dass ich den Herbst nicht mochte. Ich bin schon als junge Frau gerne im abgefallenen Laub herumspaziert. Etwas an der Stimmung zog mich an. Doch gleichzeitig war mir etwas umheimlich daran. (Zu diesem Artikel kannst du dir auch den Podcast anhören: "Herbst und Trauer". Hier geht es zum Audio.)

Weg im Herbst, Wald, Regina Schlager

Früher hätte ich dieses Etwas als Melancholie bezeichnet. Heute begebe ich mich ganz bewusst in dieses Etwas hinein: es hat zu tun mit Abschied nehmen, Sterben und Trauer.

In Erinnerung sind mir meine lange Spaziergänge im Schönbrunner Schlosspark bei nassem Nebel in Wien: Diese langen Alleen, gekieste Wege, der Hügel hinauf zur Gloriette. Danach zuhause einkuscheln bei einer Tasse Tee in der Zwischenzeit von hell und dunkel.

Der Herbst lädt dazu ein, es nach den Aktivitäten des Sommers, ruhiger anzugehen.

Nicht immer ist das einfach, wenn gerade viel zu erledigen ist. Wenn eine Einladung nach der anderen folgt. So viele interessante Veranstaltungen stattfinden. Doch die Corona-Situation, gerade jetzt, wo die Fallzahlen so stark steigen und es wieder neue Einschränkungen gibt, zwingt uns geradezu, weniger zu unternehmen. So unangenehm das ist, kann es uns helfen, nicht von einem Termin zun nächsten zu hasten.

Der Herbst lädt uns dazu ein, der Verstorbenen zu gedenken.

Schon seit langem war die Zeit Ende Oktober, Anfang November für die Menschen in unseren Breiten eine besondere Zeit. Es wurde der Toten gedacht. Ich bin in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen. Bei uns gehörte es dazu, an den Feiertagen von Allerheiligen und Allerseelen auf den Friedhof zu gehen, um auf dem Grab verstorbener Verwandter ein Gesteck abzulegen und eine Kerze zu entzünden. Auch heute noch zünde ich zuhause eine Kerze an. Und meist gehe ich hier in Zürich stellvertretend auf einen Friedhof, denn meine verstorbenen Verwandten sind in Österreich begraben.

Der Herbst ist die Zeit, um uns zu vergegenwärtigen, dass wir in einer langen Linie von Frauen und Männern stehen, die vor uns gelebt haben. Unseren Vorfahrinnen und Vorfahren. Ahninnen und Ahnen. Von ihnen haben wir Talente mitbekommen, Züge unseres Aussehens und, wie die Epigenetik erforscht, auch Erfahrungen – freudige und auch schmerzliche bis traumatische.

Und da sind unsere direkten Vorfahren, unsere Eltern und Großeltern. Einige davon vielleicht bereits gestorben, vielleicht alle. Bei mir ist Letzeres der Fall, dieses Jahr das erste Mal. Ein neuer Abschnitt in meinem Leben.

Der Herbst lädt uns dazu ein, unsere Trauer zu spüren.

Trauer spüren um gestorbene Menschen oder Tiere, die in unserem Leben wichtig waren. Aber auch Trauer um Wünsche, die nicht in Erfüllung gegangen sind, Lebensentwürfe, die sich nicht verwirklicht haben. Möglichkeiten, aus denen nichts geworden ist, und wo du weißt: daraus wird in diesem Leben auch nichts mehr – wie zum Beispiel ab einem bestimmten Alter als Frau ein Kind zu gebären.

Trauer ist notwendig, um uns zu verabschieden und etwas wirklich gehen zu lassen. Erst dann kann Neues entstehen, ohne noch etwas Altes mitzuschleppen. Es geht dabei um unsere Aufmerksamkeit und Bewusstheit. Um uns dann hineinzulassen in einen Prozess, wo alles, was an Empfindungen und Gefühlen da ist, sein darf. Es gibt da kein richtig oder falsch. Mir hilft es sehr, meine Tränen laufen zu lassen. Das bringt etwas in Bewegung.

Du kannst dich fragen: "Was will jetzt von mir betrauert werden, was ich noch nicht betrauert habe?"

Sehr hilfreich ist es, das in einem gehaltenen Rahmen zu machen. In einem Trauerritual. In einem geschützten Raum können wir uns eher hineinbegeben in unsere Gefühle, die sehr heftig sein können. Und unsere Tränen fließen lassen, wenn sie kommen wollen.

Link: Podcast "Herbst und Trauer" zu diesem Blog-Artikel

Bild: Regina Schlager

 

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Schlagwörter: Entschleunigung, Achtsamkeit, Lebenskunst, Selbstmitgefühl

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